Im Mai 1849 hat der Arzt Gerhard Müller im Schloß Riet bei Vaihingen/Enz die„Heil- und Pflegeanstalt für schwachsinnige Kinder“ gegründet – zunächst mit zwei Schützlingen.
Die Diakonie Stetten feiert ein Jahr lang Jubiläum. Die Pflegeeinrichtung für Menschen mit Behinderung, in der aktuell an 100 Standorten – hauptsächlich in der Region Stuttgart – knapp 4000 Menschen beschäftigt sind, gilt als eine der traditionsreichsten Einrichtungen im Rems-Murr-Kreis. Der Hauptsitz ist seit 1869 in Stetten, unter anderem mit den historischen Gebäuden des dortigen einst herzoglichen Schlosses mitten im heutigen Teilort von Kernen.
Junge Menschen mit Behinderung
Als „Heil- und Pflegeanstalt für schwachsinnige Kinder“ wurde die heutige Diakonie Stetten im Mai 1849 vom Arzt Georg Friedrich Müller ins Leben gerufen. Vor eineinhalb Jahrhunderten hatte diese in gemieteten Räumen im gräflich von Reischach’schen Schloss in Riet bei Vaihingen/Enz zunächst nur zwei Schützlinge mit schweren Behinderungen betreut. Bereits zwei Jahre nach der Gründung befanden sich 51 Kinder im Alter von sechs bis 13 Jahren in Müllers Obhut. Der Standort in Riet drohte aus allen Nähten zu platzen, und man entschloss sich, nach Winterbach im Remstal umzuziehen. Bereits dreizehn Jahre später stand ein neuerlicher Ortswechsel an.
Umzug ins Stettener Schloss 1864
Von Winterbach aus zog die „Anstalt“ dann laut der hauseigenen geschichtlichen Dokumentation im Jahr 1864 um ins Ende des 14. Jahrhunderts gebaute Schloss in Stetten – mitsamt dem Kameralamt sowie dem Gärtner- und dem Försterhaus. Der berühmteste Bewohner dort war Hermann Hesse, der im Jahr 1892 eine Zeit lang im Stettener Schloss lebte. Legendärer Leiter der Anstalt Stetten war dann Ludwig Schlaich, der dem schnell wachsenden Sozialkonzern von 1930 bis 1968 vorstand. Während seiner Amtszeit wurden im Jahr 1940 allerdings auch insgesamt 329 Bewohner deportiert und im Rahmen des „Euthanasieprogramms“ der Nationalsozialisten ermordet.
Wegbereiter der Inklusion
Das heutige Leitbild der Diakonie Stetten, so ist es auch auf deren Homepage zu lesen, lautet: „Wir setzen uns ein für eine Welt, in der niemand mehr ausgegrenzt wird.“ Dies bilde die Grundlage für die diakonische Arbeit in verschiedenen Hilfefeldern und ziehe sich als roter Faden durch die 175-jährige Geschichte. In dieser Tradition seien immer wieder wichtige Entwicklungen initiiert worden. „Und so sehen wir uns auch als einen wichtigen Wegbereiter der Inklusion.“
Seit 1849 ist die heutige Diakonie Stetten stark gewachsen und gehört inzwischen längst zu den großen Trägern sozialer Dienstleistungen in Baden-Württemberg. Mittlerweile gibt es mehr als 100 Standorte – in Kernen, in Stuttgart und an weiteren 35 Orten im Rems-Murr-Kreis, im Ostalbkreis und in den Kreisen Esslingen, Göppingen, Ludwigsburg, Heilbronn und Schwäbisch Hall. „Heute begleiten wir mit etwa 4000 Mitarbeitenden rund 7000 Menschen mit ganz unterschiedlichem Unterstützungsbedarf auf ihrem individuellen Weg zu mehr Selbstbestimmung und Teilhabe.“
Die Heilerziehungspflege
Seit der Gründungszeit sind einige fachliche und technische Entwicklungen von Stetten ausgegangen, die Einfluss hatten auf die Arbeit mit Menschen mit Behinderung und den Förderbedarf in ganz Deutschland und darüber hinaus. Unter anderem wurde das Berufsbild der Heilerziehungspflege in Stetten entwickelt, das heute als staatlich anerkannte Fachausbildung die Hauptarbeit in der pädagogischen Begleitung und Pflege geistig behinderter Menschen vermittelt. Ludwig Schlaich sorgte im Jahr 1933 als Erster für die gezielte Ausbildung von Fachpersonal und eröffnete in Stetten eine Heilerziehungspflegeschule, die schließlich 1960 staatlich anerkannt wurde. Aus ihr entstand schließlich die heutige Ludwig Schlaich Akademie in Waiblingen.
1867 wurden mit Unterstützung einer Stiftung und des Johanniterordens in Stetten die ersten Betreuungsplätze für epilepsiekranke Kinder eingerichtet und 1874 das Johanniterhaus als Einrichtung für epilepsiekranke Patienten eröffnet. Die systematische medizinische Hilfe für Menschen mit epileptischen Erkrankungen entwickelte Hermann Wildermuth, der von 1880 bis 1889 Ärztlicher Leiter in Stetten war.
Dierlamm-Schule und Kreative Werkstatt
Theodor Dierlamm wiederum ist der ehemalige Schulleiter und Namensgeber für die heutige Theodor-Dierlamm-Schule. Er initiierte 1966 die Ausbildung von Erziehern zu Fachlehrern für Geistigbehinderte. Im selben Jahr gründete Anne-Dore Spellenberg die Kreative Werkstatt. National wie international entstanden nach ihrem Vorbild in vielen Einrichtungen und Initiativen der Behindertenhilfe Räume für künstlerisches Schaffen. Von diesem Modell gingen seitdem wichtige Impulse für die Förderung und Anerkennung von Künstlern mit geistiger Behinderung aus. Bilder und Objekte der „Künstler aus Stetten“ wurden in Ausstellungen weltweit präsentiert.
Die Diakonie Stetten gilt zudem als Vorreiter bei betreuten Wohnformen, auch für Menschen mit schweren Behinderungen – von der Hangweide, die bei ihrer Eröffnung 1958 ein viel beachtetes Modellprojekt war, bis hin zu ins nachbarschaftliche Wohnumfeld integrierten Wohngemeinschaften und zur ersten inklusiven Wohngemeinschaft für Menschen mit und ohne Behinderung in Stuttgart, die 2022 eröffnet wurde.
Das Festprogramm zum 175. Geburtstag
Den eigenen 175. Geburtstag feiert die Diakonie Stetten nun unter dem Motto „Damit alle dabei sind“ mit größeren und kleinen Veranstaltungen, die die ganze bunte Vielfalt und 175-jährige Geschichte der Diakonie Stetten widerspiegeln sollen und die an die wichtigen Entwicklungen und Ereignisse der Geschichte der Einrichtung erinnern. In diesen Tagen steht zunächst das Gedenken an die Opfer der NS-Euthanasie aus der damaligen Anstalt Stetten im Vordergrund: Etwa mit der vergangene Woche eröffneten Ausstellung „NS-Euthanasie“ in der Waiblinger Ludwig Schlaich Akademie.
Festwoche im Juli
Höhepunkt des Jubiläumsprogramms ist dann die Festwoche Anfang Juli mit einem besonderen Jubiläumsjahresfest: Es gibt ein Open-Air-Programm im Schlosspark, eine Jubiläumsparty mit der Kult-Cover-Band Molch Combo und ein Fußballturnier für inklusive Fußballmannschaften in der EM-Fanzone auf dem Stuttgarter Marktplatz.
Weitere Highlights im Jahresverlauf sind das Benefizkonzert mit den Hymnuschorknaben, der Hackathon zum Thema „KI in der Sozialbranche“, das Ethikforum zum Thema „Friedensethik“ und der Lesemarathon „Hesse, Häppchen, History“ mit dem berühmtesten Schlossbewohner Hermann Hesse im Mittelpunkt. Außerdem werden Führungen für bestimmte Zielgruppen, wie Wandergruppen und Vereine oder auch Führungen in Leichter Sprache für Menschen mit Behinderung sowie spezielle Themen- Führungen im Schloss Stetten angeboten.
Informationen und Jubiläumsprogramm: www.diakonie-stetten. de