Schwieriger Standort: Das Diak-Gelände in Schwäbisch Hall mit dem neuen Bettenhaus (rechts) und der neuen Kinderklinik (links); das Diak-Hochhaus (Mitte) soll abgerissen werden. Foto: Arslan

Die Diakonie in Schwäbisch Hall knüpft Kontakte nach Neuendettelsau. Zusammen will man einen großen Klinikverbund gründen. Doch jetzt funkt der Haller Landrat dazwischen.

Schwäbisch Hall - Das Diakonieklinikum in Schwäbisch Hall liegt in spektakulärer Hanglage über dem Kochertal. Die nun anstehende Sanierung des in die Jahre gekommenen 492-Bettenhauses macht dies nicht gerade billiger. 128 Millionen Euro hat der erste Bauabschnitt verschlungen. Jetzt soll der zweite folgen, der mit weiteren 80 Millionen Euro zu Buche schlägt. Der Bau einer mit dem Hohenlohekreis zusammen geplanten Regionalklinik auf der grünen Wiese war 2005 gescheitert, weil sowohl die Verantwortlichen des Diakoniewerks (Diak) als auch der Haller Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim (SPD) auf dem Standort Hall beharrt hatten. Das Diakoniewerk ist der zweitgrößte Arbeitgeber in der Stadt.

65 Prozent der nun anstehenden Investition dürften vom Land getragen werden. Doch um den verbleibenden Eigenanteil von mehr als 30 Millionen Euro zu stemmen, benötigt das Diakoniewerk einen liquiden Partner. Der scheint nun jenseits der Landesgrenze gefunden zu sein. Das Diakoniewerk im bayerischen Neuendettelsau (750 Betten) betreibt bereits fünf Kliniken. „Unser Verbund ist aber noch zu klein, um wirtschaftlich und strategisch gut aufgestellt zu sein“, sagt Mathias Hartmann, Vorstandsvorsitzender der dortigen Diakonie, „eine nachhaltig wirtschaftliche Größe sind 1000 bis 1500 Betten.“ Auf der Suche nach neuen Partnern ist Hartmann seit Sommer 2018 mit seinem Haller Kollegen Michael Kilb im Gespräch. Inzwischen liegt das Konzept auf dem Tisch. Am 12. März sollen die Aufsichtsgremien die Fusion der beiden Diakoniewerke beschließen und damit einen Klinikverbund mit mehr als 10 000 Mitarbeitern zimmern.

Keine Kündigungen geplant

Das fusionierte Unternehmen – über die Autobahn 6 in weniger als einer Stunde verbunden – wäre unter den Top Fünf der diakonischen Träger Deutschlands. Die beiden Diak-Chefs verweisen auf Synergieeffekte in der Medizin- und Informationstechnik, bei den Managementstrukturen oder der Verbreiterung des Fortbildungsangebots für die Mitarbeiter. Betriebsbedingte Kündigungen oder Zwangsversetzungen schließen sie aus.

Es handele sich um eine „Win-Win-Situation“, sagt Hartmann, es gebe „kein Risiko, sondern eine Chance“, verspricht Kilb. Das sieht ein Dritter anders: der Haller Landrat Gerhard Bauer. Auf seinem Tisch liegt seit November ein Schreiben des Haller Diakonie-Geschäftsführers: „Zur Realisierung des zweiten Bauabschnitts beantragen wir beim Landkreis Schwäbisch Hall einen jährlichen verlorenen Investitionszuschuss in Höhe von 2,2 Millionen Euro“, und zwar über einen Zeitraum von 14 Jahren. Verloren bedeutet, dass die Diakonie die insgesamt 30,8 Millionen Euro nicht zurückzahlen möchte. Das Diakonieklinikum leiste seit Jahrzehnten rund 60 Prozent der medizinischen Versorgung im Kreis, begründet Kilb den Antrag.

Der Landrat stellt Bedingungen

„Die Sicherstellung der Grund- und Regelversorgung ist eine gesetzliche Aufgabe“, weiß auch Bauer, „wir können uns dem nicht entziehen, auch nicht durch die Übertragung an einen privaten, freigemeinnützigen oder kirchlichen Träger.“ Statt der Fusion der beiden Diakoniewerke favorisiert der parteilose Landrat, der sich im Sommer zur Wiederwahl stellen muss, jedoch eine Krankenhausbetriebsgesellschaft des Haller Diaks mit dem defizitären Kreiskrankenhaus in Crailsheim (164 Betten): „So könnten alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam im Landkreis getroffen werden.“ Beteilige sich der Kreis an den Baukosten beim Diak, fordert er einen 50-Prozent-Anteil am Unternehmen.

„Das würde eine Kommunalisierung des Hauses bedeuten“, entgegnet Neuendettelsau-Chef Hartmann. Eine enge Zusammenarbeit mit dem Crailsheimer Kreisklinikum sei zwar im Interesse aller, „unser Ziel ist aber, ein diakonisches Unternehmen weiterzuführen.“ Ein Zuschuss vom Kreis wäre zwar „extrem hilfreich“, zur Not könne man den zweiten Bauabschnitt jedoch selbst realisieren.

Keine Lust auf Crailsheimer Verluste

Tatsächlich war das das Evangelische Diakoniewerk Schwäbisch Hall bis 2012 mit 74,9 an einer gemeinsamen Gesundheitsholding mit dem Landkreis beteiligt. Dann verließ das Diak die Holding, weil es seine Gewinne für den eigenen Neubau benötigte und die jährlichen Defizite in Crailsheim – zuletzt fünf Millionen Euro – nicht mittragen wollte. Am 25. März sollen die beiden Diak-Chefs den Kreisräten bei einer nicht öffentlichen Sondersitzung berichten. Eine Entscheidung könnte zwei Tage später in öffentlicher Sitzung fallen.

Die größten Klinikverbünde im Land

In Baden-Württemberg existieren derzeit 266 Krankenhäuser mit insgesamt 55 940 Betten (Stand 2016). Zwischen 2007 und 2016 wurden 10,4 Prozent der Kliniken im Land geschlossen. Im ländlichen Raum fusionieren immer mehr Krankenhäuser unterschiedlicher Träger zu größeren Einheiten. „Der Trend geht zur Zentralisierung“, bestätigt Dieter Nestrowitz vom baden-württembergischen Sozialministerium. „Das sind Strukturanpassungen, die zu begrüßen sind.“

Der größte Klinikverbund im Land:

1. Regionale Klinik Holding (RKH) mit 2463 Betten/Plätzen: Klinikum Ludwigsburg, Krankenhaus Bietigheim-Vaihingen, Krankenhaus Marbach, Orthopädische Klinik Markgröningen, Krankenhaus Mühlacker, Krankenhaus Neuenbürg, Krankenhaus Bruchsal und Bretten

2. Regionale Gesundheitsholding Heilbronn-Franken GmbH SLK Kliniken mit 1564 Betten: Klinikum Gesundbrunnen Heilbronn, Klinikum am Plattenwald Bad Friedrichshall, Klinik Löwenstein

3. Klinikverbund Südwest mit 1525 Betten/Plätzen: Klinikum Sindelfingen-Böblingen, Kreisklinikum Calw-Nagold, Krankenhaus Herrenberg, Krankenhaus Leonberg

4. Gesundheitsverbund Landkreis Konstanz mit 1042 Betten/Plätzen: Klinikum Konstanz, Hegau-Bodensee-Klinikum Singen, Hegau-Jugendwerk Gailingen

5. Klinikum Mittelbaden mit 890 Betten: Klinikum Mittelbaden Baden-Baden Bühl, Klinikum Mittelbaden Rastatt-Forbach

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