Ein ambulanter Pflegedienst im Oberen Murrtal wird für seine vorbildlichen Bemühungen bei der Umgestaltung der Arbeitsbedingungen mit einem Sonderpreis gewürdigt. Die Laudatoren sprechen von einem Pionier in seinem Bereich.
Murrhardt - Firmen wie Daimler oder Stihl stecken mittendrin, auch manch verstaubte Behörde beschäftigt sich zunehmend mit der Digitalisierung. Aber ein ambulanter Pflegedienst, noch dazu einer, der sein wirtschaftliches Streben mit den Grundsätzen christlicher Werte in Einklang bringen muss? „Eine gute und sinnvolle Digitalisierung kann auch einen sozial orientierten Betrieb entlasten“, sagt Thomas Nehr, der geschäftsführende Vorstand der Diakonie ambulant. Für diese Einstellung und die vorbildliche Umsetzung ist der im Oberen Murrtal tätige Pflege- und Gesundheitsdienst jetzt sogar ausgezeichnet worden, mit einem Sonderpreis im Rahmen des Wettbewerbs „Familynet 4.0 – Unternehmenskultur in einer digitalen Arbeitswelt“.
Das digitale Netzwerk wird fit gemacht
Die offenen Kabelschächte an der Wand der Verwaltungszentrale in Murrhardt lassen vermuten, dass dort mehr als eine Stromleitung verlegt werden sollen. „Wir machen den Altbau gerade fit für die Zukunft“, sagt Thomas Nehr. Dazu gehöre auch ein entsprechendes digitales Netzwerk, wenngleich man den Serverraum mittlerweile bei einem Dienstleister in Alfdorf ausgelagert habe.
Erste Schritte mit digitalen Helfern habe bereits sein Vorgänger gemacht. Doch als dieser kurz nach der Jahrtausendwende versuchte, Handys in dem ländlichen Raum zwischen Spiegelberg und Murrhardt für mehr als nur fürs Telefonieren einzusetzen, erwies sich die Technik als noch nicht so weit. Aber: Es habe den Mitarbeitern schon damals Lust auf das Smartphone gemacht, sagt Thomas Nehr.
Seit rund sechs Jahren nutze man dieses nun auch zur mobilen Datenerfassung sowie für Fotos für die Dokumentation. Das spare viel Papier und erleichtere die Verständigung untereinander. Und: „Der Verwaltungskram vor und nach der eigentlichen Arbeit wird weniger, es bleibt mehr Zeit für den Patienten.“
Der nächste Schritt sollen nun Tabletcomputer sein, die mit einem Spracherkennungsprogramm ausgestattet sind, und so die Eintragungen für die Nachweispflicht gegenüber den Krankenkassen erleichtern sollen. Wenn dann noch eine digitale Signatur als Unterschrift für die Quittung von erbrachten Leistungen anerkannt würde, könnte man sich zudem einige Extrawege einsparen, sagt Näher. Auch Arzt-Überweisungen oder Rezepte wären auf digitalem Wege schneller und einfacher einsetzbar.
Pflege und Therapie aus einer Hand
Für die Diakonie ambulant Oberes Murrtal mit ihrem weit verzweigten Einsatzgebiet zwischen Spiegelberg und Murrhardt wäre das doppelt wichtig, denn neben dem Pflegedienst betreibt die Einrichtung noch drei therapeutische Praxen – für Logopädie, Ergo- und Physiotherapie. „Mit der Pflege und Therapie aus einer Hand haben wir so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Näher.
Das mache die Situation mit ihren Beschränkungen in Corona-Zeiten zurzeit freilich nicht einfach. Auch wenn man – zumindest befristet – in kleinen Bereichen die Erlaubnis für Therapiesitzungen via Videokonferenz erhalten habe – ebenfalls eine digitale Herausforderung, der man sich wie selbstverständlich gestellt hat.
Überhaupt habe die Pandemie einige Entwicklungsprozesse durchaus beschleunigt, räumt Thomas Nehr ein. Homeoffice zum Beispiel. „Wir haben das vor der Pandemie angeboten wie sauer Bier“, sagt Nehr, aber keiner habe das Angebot annehmen wollen. Als im März die Rechnungsbuchhalterin nach einem Südtirol-Urlaub in häusliche Quarantäne geschickt wurde, habe es eine erste Feuertaufe gegeben. Danach hätten drei von vier neu eingestellten Mitarbeitern die Möglichkeit gerne in Anspruch genommen.
Hinter allem steht die Gesunderhaltung der Mitarbeiter
Der Umgestaltungsprozess der Arbeitsbedingungen habe freilich schon deutlich früher begonnen. Der Murrhardter Pflegedienst hat sich schon vor Jahren einem Entwicklungsprojekt des Diakonischen Werks angeschlossen. Dabei gehe es nicht um Modernisierung ihrer selbst willen. „Hinter allem steht, durch nachhaltige Maßnahmen die Arbeit so zu gestalten, dass es den Mitarbeitern gut geht und sie möglichst gesund bleiben“, sagt Nehr. Mehr als 50 Maßnahmen habe man seither umgesetzt, auch Digitalisierungsmaßnahmen gehörten dazu.
Eines ist Thomas Nehr dabei aber auch klar: „Pflege und Therapie bleibt immer Arbeit am Menschen. Ein Roboter wird das nie ersetzen können.“
Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Zeiten der Digitalisierung
Wettbewerb Das Wirtschaftsministerium hat zusammen mit dem Arbeitgeberverband Südwestmetall zum zweiten Mal Auszeichnungen im Rahmen von „familyNET 4.0 – Unternehmenskultur in einer digitalen Arbeitswelt“ vergeben. Ausgezeichnet wurden unter anderem das Biberacher Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim oder der Sulzburger Rauchmelderhersteller Hekatron. Mit dem Wettbewerb soll das Engagement der Unternehmen für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Zeiten der Digitalisierung gewürdigt werden. Einen Sonderpreis für den Bereich Pflege hat die Diakonie ambulant Gesundheitsdienste Oberes Murrtal erhalten.
Laudatio „Im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit und diakonischem Anspruch ist die Arbeitsatmosphäre von gegenseitiger Wertschätzung geprägt, in der auch eine Fehlerkultur Platz hat“, heißt es in der Laudatio. Als lernendes Unternehmen hätten Geschäftsführung und Leitungsteam den beständigen „Change“, den Wechsel, zu einem der Leitthemen erklärt. Gerade in der Pflegebranche sei es schwieriger, digitale Maßnahmen umzusetzen, da hier ja der Dienst am Menschen direkt erfolge. Die Diakonie ambulant gelte als Pionier. Sie zeige, wie digitale Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit beitrügen und präsentiere sich somit als besonders innovatives Sozialunternehmen.