Von Wirbelgleiten betroffene Patienten leiden unter Schmerzen, Gehstörungen und in manchen Fällen sogar Inkontinenz. Der Unfallchirurg und Orthopäde Sebastian Katscher erklärt, was die Spondylolisthese auslösen und wie man sie behandeln kann.
Laut einer Umfrage des Robert-Koch-Instituts klagen über 15 Prozent über chronische Rückenschmerzen. Bei ungefähr sechs Prozent der Männer und drei Prozent der Frauen lässt sich ein Wirbelgleiten feststellen, die Spondylolisthese. Über das Wirbelgleiten und seine Behandlungsmöglichkeiten spricht der Unfallchirurg und Orthopäde Dr. Sebastian Katscher. Er ist Chefarzt am Interdisziplinären Wirbelsäulenzentrum der Sana-Kliniken Leipziger Land.
Herr Dr. Katscher, der Begriff „Wirbelgleiten“ klingt schon beängstigend. Denn normalerweise stellt man sich ja die Wirbelsäule so vor, dass ihre Teile stabil ineinander greifen. Und das tun sie dann beim Wirbelgleiten nicht?
Ja. Und typischerweise passiert das im Bereich der Lendenwirbelsäule.
Wie kann man sich diesen Vorgang vorstellen?
Es gibt prinzipiell zwei verschiedene Formen des Wirbelgleitens. Die eine ist mehr oder weniger angeboren. Bei ihr ist die Verbindung zwischen Wirbelkörper und Wirbelbogen, der den Spinalkanal beziehungsweise Rückenmarkskanal nach hinten umschließt, nicht richtig angelegt. Das ist bei rund vier bis fünf Prozent der Menschen der Fall. Es ist meistens der fünfte Lendenwirbel, der bei dieser Form gegenüber dem Kreuzbein immer mehr nach vorne rutscht, sodass der Spinalkanal mit seinen ins Bein hinunterziehenden Nervenbahnen eingeengt wird. Die zweite Form des Wirbelgleitens ist bedingt durch Abnutzung und Verschleiß, in deren Folge insbesondere die Gelenke zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel gelockert und die Bandscheibe zwischen ihnen geschwächt wird. Dadurch verschiebt sich der vierte Wirbel nach vorne, was dann typische Beschwerden verursachen kann.
Welche sind das?
Da sind zunächst mal Rückenschmerzen zu nennen, im Lendenbereich. Aber durch den Druck auf die Nervenbahnen kommt es auch zu Problemen beim Gehen. Die Patienten berichten oft, dass sie nur noch kürzere Strecken, manchmal sogar nur noch einige Meter an einem Stück absolvieren können. Und dann kommt es zu Schmerzen, die über das Gesäß hinten entlang in die Beine ziehen, bis unterhalb der Kniegelenke. In der Folge muss der Betroffene eine Pause machen, und sich beispielsweise hinsetzen, in die Hocke gehen oder im Stehen nach vorne beugen. Dadurch wird die Engstelle im Spinalkanal ein wenig geöffnet, sodass der Schmerz nachlässt und man wieder weiterlaufen kann. Aber meistens nicht für lange, und dann ist die nächste Pause fällig.
Und Taubheitsgefühle in den Beinen?
Ja, auch das kann passieren. Einige Patienten berichten davon, dass sie dann das Gefühl haben, dass ihnen regelrecht der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Im schlimmsten Fall kann auch die Muskelkraft in dem betroffenen Bein nachlassen, oder es kommt zu Funktionsstörungen von Darm und Blase.
Gibt es für das erworbene Wirbelgleiten typische Risikofaktoren?
Ein Risikofaktor ist natürlich Übergewicht. Denn je mehr Last auf die Wirbelsäule wirkt, umso höher ist das Risiko, dass sie verschleißt. Aber ansonsten kann man nicht wirklich weitere Risikofaktoren benennen. Der grundsätzliche Prozess hinter dem degenerativ bedingten Wirbelgleiten ist, dass die Bandscheibe an Flüssigkeit und dadurch an Volumen verliert, sodass die kleinen Gelenke zwischen den Wirbeln nicht mehr physiologisch richtig funktionieren können. Das kann einfach passieren im Laufe des Alters.
Die von Ihnen genannten Symptome sind ja kein Garant für eine sichere Diagnose. Was kann der Arzt tun, um sie abzusichern?
Die Kombination aus gezielter Anamnese, also Symptomerfassung, und körperlicher Untersuchung sind die Basis, von der man dann zur bildgebende Diagnostik weiterschreiten kann. Ein Röntgenbild im Stehen bringt dann Gewissheit. Von vorne und von der Seite. Und wenn man da Hinweise auf ein Wirbelgleiten sieht, sollten Funktionsaufnahmen gemacht werden, dass also der Patient den Oberkörper beugt, nach vorne und nach hinten. Das ist ganz wichtig, um die Diagnose abzusichern.
Kommen wir zur Therapie. Was kann man beim Wirbelgleiten tun?
Wenn der Patient nur Rückenschmerzen hat, reicht meistens noch eine konservative Therapie. Etwa in Gestalt von Schmerzmitteln und einer Gewichtsreduktion, sofern der Patient übergewichtig ist. In Kombination mit einer aktiven Physiotherapie.
Und wenn die Schmerzen bereits ins Bein ziehen?
Auch da kann eine Physiotherapie oft noch ausreichen. Aber das hängt auch von den Beschwerden des Patienten ab. Sind sie beinahe schon unerträglich, und wenn sich bereits erste neurologische Ausfälle, etwa in Gestalt einer Muskelschwäche, zeigen, sollte man eine Operation in Erwägung ziehen. Und das gilt auch für den Fall, dass physiotherapeutische Behandlungen keinen Effekt mehr haben.
Aber hinter dem Wirbelgleiten stecken ja strukturelle Schwächen an der Bandscheibe und am Gelenk. Kann man denn da durch physiotherapeutische Übungen überhaupt etwas ausrichten?
Man kann manifeste Gelenklockerungen durch Physiotherapie nicht wieder straffen. Aber man kann dadurch das Muskelkorsett drumherum kräftigen, und auch für eine Lockerung der Muskelverspannungen sorgen. Dennoch sollte man sich da keine Illusionen machen. Physiotherapeutische Übungen können Beschwerden lindern, aber nicht das Problem erledigen. Und das auch nur, wenn der Patient die Übungen diszipliniert zuhause durchführt. Und dass der Physiotherapeut, wie gerne behauptet wird, die gelockerten Wirbel wieder an die richtige Stelle und in Reihe bringt und dort stabilisiert, gibt es schlechterdings nicht.
Kommen wir zur OP. Was wird da gemacht?
Man behebt die Instabilität zwischen den Wirbeln und bringt sie wieder in die Position, in die sie eigentlich gehören, und man erweitert den Rückenmarkskanal und die davon abgehenden Nervenkanäle.
Wie erfolgt die Stabilisation?
Über je zwei Schrauben, die in die sogenannten Pedikel der instabilen Wirbel hineingedreht werden. Die sind anatomisch wie geschaffen dafür, um dort die Schrauben zu platzieren. Und die lockeren Wirbelgelenke werden entfernt und die verflachten Bandscheiben werden durch ein Platzhaltergewebe, sogenannten Cages, sowie körpereigenen Knochen der entfernten Wirbelgelenke ersetzt.
Das hört sich alles ziemlich starr und endgültig an. Wie sieht es danach mit der Beweglichkeit der Wirbelsäule aus?
Klar, wir haben es hier schon mit einer Versteifung zu tun, denn die Wirbel werden ja dauerhaft fixiert. Aber sie bringt letzten Endes doch wieder mehr Beweglichkeit in den Rücken des Patienten hinein, weil er danach deutlich weniger Schmerzen hat und weniger in der Muskulatur verspannt als zuvor. Dadurch kehrt insgesamt die Beweglichkeit im Alltag zurück.
Aber solch eine OP ist natürlich schon ein massiver Eingriff. Wie lang fällt der Patient danach fürs Berufsleben aus?
In der Regel sind das rund drei Monate. Aber wir haben auch Patienten, die beispielsweise ein eigenes Unternehmen leiten, die nach vier Wochen wieder arbeiten gehen. Aber das ist schon eher die Ausnahme.
Wie groß sind insgesamt die Erfolgschancen für die OP?
Das kommt darauf an, wie Sie den Erfolg definieren. Unseren Patienten wird vor der OP mitgeteilt, dass es ihnen bei der ersten Nachuntersuchung drei Monate nach dem Eingriff höchstwahrscheinlich besser gehen wird. Gerade die Schmerzen und die neurologischen Probleme in den Beinen werden weitgehend verschwunden sein. Aber die Patienten werden vermutlich im Rücken nicht komplett beschwerdefrei sein. Wobei das häufig auch daran liegt, dass sie auch noch an anderen Stellen der Wirbelsäule Probleme haben, wo sie nicht operiert wurden. Die Wirbelsäule ist nun mal eine Gliederkette, und da kann es an verschiedenen Stellen zu Problemen kommen.