Die Menschen stehen – genetisch bedingt – auf Süßes und Fettes. Ein Grund, warum Nulldiäten nicht funktionieren. Foto: dpa

Die am Aschermittwoch beginnende Fastenzeit bedeutet inzwischen für viele Deutsche: strenge Diät. Ernährungspsychologe Christoph Klotter rät davon ab. Im Interview erklärt er, warum.

Stuttgart - Herr Klotter, man hat das Gefühl, in Deutschland isst niemand mehr normal. Wer nicht gerade eine Diät macht, ist übergewichtig oder hat eine Essstörung. Und während die einen Berge an Fleisch verdrücken, ernähren sich die anderen vegan oder haben irgendeine Lebensmittelunverträglichkeit.

In der Tat leben wir inzwischen in einer ­permanent essgestörten Gesellschaft. Und die Entwicklungen, die Sie beschreiben, hängen auch alle zusammen. Ihren ­Ursprung haben sie meiner Meinung nach bereits in der Antike.
Das müssen sie erklären.
Schon damals galt der maßlose Mensch als Tyrann, nur wer sich beschränken konnte war vernünftig. Im Christentum wurde Maßlosigkeit dann mit dem Begriff der Sünde verknüpft. Und in der Neuzeit haben dann Wissenschaftler dazu beigetragen, dass Schlanksein als gesund gilt und so zum gesellschaftlichen Ideal wurde. Dadurch hat Essen eine ganz neue Bedeutung bekommen: Es dient nicht mehr nur dazu, satt zu ­werden. Durch die Ernährung soll auch ein bestimmter Lebensstil ausgedrückt werden.Vegetariern und Veganer sind ja meist Menschen, die insgesamt sehr gesundheitsbewusst leben.
Mehr als die Hälfte der Deutschen gilt ­dennoch als übergewichtig und entsprechen damit nicht dem Schlankheitsideal.
Und weil uns dieser Zustand depressiv macht, werden so viele unsinnige Diäten ­gehalten!
Unsinnig weil...
man während einer Diät kurzfristig abnimmt, langfristig aber zu. Denn die meisten Leute setzen sich zu ehrgeizige Gewichtsziele, die sie nicht erreichen können. Also denken sie nach vier Wochen Kartoffel- oder Quark-Diät: Das bringt doch sowieso alles nichts, da kann ich auch essen wie zuvor – oder sogar noch mehr. Dadurch wiederum erhöht sich das Risiko, in eine Essstörung ­hinein zu rutschen.
Viele Deutsche wollen die beginnende Fastenzeit für eine Diät nutzen. Das können sie sich also sparen?
Wenn es nur darum geht, kurzfristig weniger zu essen, ja. Wer erfolgreich abnehmen möchte, braucht keine schmerzhafte Strategie für die nächsten 40 Tage, sondern einen gangbaren Weg, der im Alltag der nächsten 40 Jahre funktioniert. Menschen verändern ihr Verhalten auch nur dann, wenn es Sinn macht. Ich muss mir also klar machen: Warum will ich überhaupt eine Diät machen und welche Vorteile hat das für mich?
Bringen Diäten – genetisch betrachtet – überhaupt Vorteile?
Nein, im Gegenteil. Die Gene sorgen für die größte Hürde beim Abnehmen. Wir sind nämlich leider so programmiert: Iss, so viel wie du kannst und so viel süßes und fettes wie möglich. Das liegt daran, dass die Menschheit immer begleitet war von schlimmen Hungersnöten. Ohne diese Gene hätten wir gar nicht überlebt. Nun leben wir in Deutschland zwar seit über 100 Jahren in einer Überflussgesellschaft, aber die Gene ändern sich leider nicht.
Die ursprüngliche Idee der Fastenzeit ist ja nicht die Radikaldiät, sondern ein bewusster Verzicht auf manche Dinge. Kann es die Einstellung zum Essen positiv verändern, wenn man einige Wochen keinen Wein trinkt oder keine Süßigkeiten isst?
Unbedingt. Nur wer seinen Körper regulieren kann, kann auch bewusst genießen. Einen solcher Verzicht ist eine gute Übung mit sich selbst. Danach hat das Essen wieder eine ganz andere Qualität.
Was können die Deutschen sonst noch tun, um aus ihrer kollektiven Essstörung wieder herauszukommen?
Zunächst einmal sollten wir aufhören, Lebensmittel in gesund und ungesund einzuteilen. Denn sobald wir Schokolade oder Chips als ungesund betrachten, werden sie nur umso attraktiver. Hinzu kommt, dass sich ja auch die wissenschaftliche Einschätzung, zu dem was dem Körper vermeintlich gut tun soll, ständig ändert. Ein Beispiel sind die verschiedenen Fettsäuren. In Prinzip gibt es sowieso keine gesunde Ernährung für alle Menschen. Jeder hat einen anderen Stoffwechsel, jeder bewegt sich unterschiedlich viel, jeder hat deshalb einen individuellen Speiseplan, der ihm gut tut.
Haben Sie noch einen Tipp?
Ja, ich würde zum Beispiel nicht ständig nebenbei essen - egal ob beim Fernsehen, am Arbeitsplatz oder beim Gehen Denn dabei vergisst man, was man isst und genießt es auch nicht richtig. Dadurch wird man dann auch psychisch nicht satt. Stattdessen sollte man die Mahlzeiten zelebrieren: Vom ­Einkaufen frischer Zutaten, über das ­Entspannen beim Kochen bis hin zum ­gemütlichen Zusammensitzen bei den ­Mahlzeiten. Essen ist keine lästige ­Nebensache, sondern eine wichtige ­Hauptsache, auf die wir dringend wieder mehr Aufmerksamkeit richten sollten.
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