Diabetes-Patienten müssen auf ihre Füße aufpassen, als wären sie ihr drittes Auge, raten Gefäßmediziner. Foto: staras/Adobe Stock

Zu oft bleiben Nerven- und Gefäßschäden bei Diabetes-Patienten unbemerkt. Experten warnen vor dem Welt-Diabetestag vor den gravierenden Folgen. Denn die Amputationsrate ist noch immer zu hoch. Was können Betroffene tun?

Stuttgart - Horst Bemsel dreht seine Runde am Neckar entlang. „Es läuft wieder“, sagt der 78-Jährige und zeigt sein verschmitztes Lächeln. Noch im Sommer sah es so aus, als ob der Stuttgarter Rentner seine Spaziergänge aufgeben müsste. Er hatte er mit einer offenen Stelle am Zehen zu kämpfen gehabt. „Die Wunde wollte einfach nicht heilen.“ Als er endlich zum Arzt ging, war es – wie dieser sagte – höchste Eisenbahn. Denn Bemsel ist Diabetiker, er hat den Typ 2, den sogenannten Alterszucker. Kleine Wunden können da gravierende Folgen haben: Das Gewebe an Bemsels Zeh begann schon abzusterben.

 

Der diabetische Fuß ist eine gefürchtete Folgeerkrankung bei Patienten mit der Stoffwechselkrankheit. Nach Angaben der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) haben Diabetiker ein 19- bis 34-prozentiges Risiko, ein schlecht heilendes Geschwür am Fuß zu entwickeln. Noch immer führt dies bei mehr als 40 000 Diabetikern pro Jahr zu Amputationen – bei manchen ist es nur ein Zehenglied, anderen wieder muss der ganze Unterschenkel amputiert werden. Eine Fallzahl, die die DDG unbedingt mindern möchte. „Es dauert immer noch viel zu lange, bis der Betroffene mit einer schlecht heilenden Wunde beim Spezialisten vorstellig wird“, sagt der Stuttgarter Diabetologe Ralf Lobmann, der bei der DDG im Fachkonsil Diabetischer Fuß sitzt und zugleich Vorstandsmitglied bei der Arbeitsgemeinschaft Diabetologen in Baden-Württemberg ist.

Betroffene spüren oft nicht mehr, wenn sie auf offenen Wunden laufen

Auch Horst Bemsel hat lange gebraucht, bis er in der Sprechstunde von Ralf Lobmann gekommen ist. Im Februar hat sich sein Hühnerauge entzündet, im Juli brachte ihn die Tochter ins Klinikum Stuttgart, wo Lobmann die Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Geriatrie leitet. „Ich hab mir erst lange nichts dabei gedacht“, sagt Bemsel. Er hatte keine Beschwerden, selbst beim Gehen nicht. Ein typischer Fall, wie Lobmann bestätigt: „So ein Geschwür entsteht in kurzer Zeit.“ Da muss man nur die falschen Schuhe tragen, sich eine Blase beim Wandern laufen oder bei der Pediküre die Nagelhaut verletzen. Infiziert sich die Wunde, wird’s schnell gefährlich: „Gerade Diabetiker sind gefährdet, das Problem zu verschleppen“, sagt Lobmann. Der Schmerz als Warnzeichen fehlt bei ihnen häufig.

Grund sind die erhöhten Blutzuckerwerte, die im Körper lange unbemerkt ihr Unheil anrichten: Die Nervenschädigungen insbesondere in den Beinen und Füßen, Polyneuropathie genannt, sind dabei nur ein Beispiel. Problematisch sind auch die zerstörerischen Prozesse in den Blutgefäßen, warnt Philipp Geisbüsch, der seit November die Klinik für Gefäßchirurgie, Endovaskuläre Chirurgie und Transplantationschirurgie am Klinikum Stuttgart leitet. „Langfristig bilden sich Ablagerungen in der Gefäßwand.“ Die Adern verengen und verkalken. In der Muskulatur kommen weniger Nährstoffe und Blut an, Beine und Füße sind unterversorgt, Infektionen können sich ausbreiten, die Wundheilung dagegen ist eingeschränkt.

Digitale Technik kann Behandlern vor Ort eine Hilfestellung geben

Je eher die kranken Gefäße und geschädigten Nerven erkannt werden, desto effektiver können Spezialisten helfen. Das gilt vor allem, wenn Fachärzte Erfahrungen austauschen und gemeinsam behandeln: Im Klinikum Stuttgart, das von der DDG zum Diabetes-Zentrum zertifiziert ist, ist Bemsel daher von Ralf Lobmann direkt an die Kollegen von der Gefäßchirurgie verwiesen worden: Für die Therapie eines Fußsyndroms ist eine gute Durchblutung essenziell, bestätigt der Gefäßspezialist Philipp Geisbüsch. Denn nur dann kann eine Wundheilung gelingen. „In den meisten Fällen können wir heutzutage Engstellen in den Gefäßen schonend minimal-invasiv mit dem Ballonkatheter und Gefäßstützen, sogenannten Stents, öffnen. Alternativ kann bei längeren Verschlüssen der Gefäße ein Umgehungsgefäß gelegt werden, ein sogenannter Bypass. „Sind die Gefäßprobleme behoben, kann oft eine Amputation verhindert oder in ihrem Ausmaß verringert werden“, sagt Geisbüsch.

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Diese Ansicht stützt auch die DDG: „Leider ist es in Deutschland immer noch ökonomisch attraktiver, eine Amputation durchzuführen, als Zeit und Ressourcen in den Erhalt der Extremitäten zu investieren“, heißt es in einem Fachartikel im Gesundheitsbericht „Diabetes 2020“, den auch Lobmann mitverfasst hat. Um das zu ändern, ist es nach Ansicht der DDG wichtig, Diabetes-Zentren im Land zu etablieren und die Telemedizin auszubauen: „Mit Hilfe der digitalen Technik können wir Behandlern vor Ort eine Hilfestellung in der Versorgung geben“, sagt Lobmann. Auch ein verpflichtendes Zweitmeinungsverfahren vor größeren Amputationen wäre so möglich. In Baden-Württemberg wird gerade ein solches Pilotprojekt aufgebaut.

Auch das Bewusstsein der Diabetes-Patienten ist wichtig

„Um ein diabetisches Fußsyndrom zu therapieren, braucht es Vertreter verschiedener Fachrichtungen“, sagt auch Geisbüsch: Neben Diabetologen und Gefäßmedizinern sind speziell geschulte Pflegekräfte für die Wundversorgung wichtig sowie Podologen und Orthopäden. Aber auch das Bewusstsein der Diabetes-Patienten ist entscheidend: „Sie müssen auf ihre Füße aufpassen, als wären sie ihr drittes Auge“, so Geisbüsch.

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Um eine Amputation eines Zehengliedes ist Horst Bemsel am Ende doch nicht herumgekommen: Die Infektion war schon zu weit fortgeschritten. Um Schlimmeres zu verhindern, wurden zwei Stents in die Oberschenkelarterien eingesetzt, die für eine bessere Durchblutung der Beine sorgen. Medikamente helfen, Blutdruck-, Blutzucker- und Blutfettwerte zu optimieren. Und seine Füße? Die hat seine Tochter im Blick. „Sie lässt sich umschulen und wird in den Fachbereich Orthopädie gehen“, sagt Bemsel. Er selbst geht weiter spazieren. Auch das gehört zur Prävention: Denn tägliche Bewegung bewirkt, dass bereits verengte Beingefäße besser durchblutet werden.