Rund um den Bundestrainerwechsel im deutschen Handball musste Sportvorstand Axel Kromer viel Kritik einstecken. Dass diese auch unter die Gürtellinie ging, der Umgang mit dem Coronavirus im Handball und wie er die Hanning-Nachfolge einschätzt – all das verrät er im Interview.
Stuttgart - Es ist kein Freundschaftsspiel wie jeder andere: Das Geisterspiel der deutschen Handballer am Freitag (18 Uhr/ARD) gegen die Niederlande ist die erste Partie unter Neu-Bundestrainer Alfred Gislason und gleichzeitig der letzte Test vor dem Olympiaqualifikationsturnier in Berlin. Der gebürtige Ludwigsburger Axel Kromer (43), Vorstand Sport des Deutschen Handballbundes (DHB), blickt im Interview über den Tellerrand hinaus.
Herr Kromer, wie ist es um die Dicke Ihres Fells bestellt?
Ich weiß, worauf Sie anspielen.
Nach der Trennung von Bundestrainer Christian Prokop…
…habe ich gesagt, dass ich ein dickes Fell brauche, um die Kritik auszuhalten. Und jeder Beruf bringt nun einmal auch Aufgaben mit sich, die weniger schön sind, die aber auch gelöst werden müssen. Für diese Herausforderung kann ein dickes Fell nicht schaden.
Wie sehr haben Sie es gebraucht?
Natürlich habe ich es gebraucht. Man kann das differenziert betrachten und in drei Kategorien gliedern. Die Gespräche mit den direkt betroffenen Personen sind gut gelaufen, da benötigte ich kein dickes Fell. Genau so wenig bei den Menschen, die sich bei mir informiert haben, wie sich die überraschende Wende in der Trainerfrage für mich persönlich dargestellt hat.
Und die dritte Kategorie?
Was weniger schön. Da kamen Nachrichten bei mir an, die beleidigend waren, da war von Lügner die Rede, die schlechtesten Wünsche für mich und meine Familie wurden formuliert. So etwas habe ich vorher nur von Erzählungen gekannt. Doch ich habe nahezu jede noch so unverschämte E-Mail beantwortet, was auch gut war, denn teilweise kamen Verständnis und sogar Entschuldigungen zurück.
Wie oft haben Sie Ihren Satz vom 21. Januar, „wir werden natürlich mit Christian Richtung Olympia gehen“, bereut?
Das war damals ja kein Alleingang von mir. Das war mit allen bei der EM in Wien anwesenden Entscheidern abgestimmt.
Aber Sie haben es verkündet.
Weil ich bei der PK turnusgemäß auf dem Podium saß.
Bei der Abstimmung des DHB-Präsidiums über den Bundestrainer am 3. Februar spielten Sie gar keine Rolle, da Sie als Sportvorstand gar nicht im Präsidium vertreten sind. Ist das nicht paradox?
Der Aufschrei darüber war groß und hat mich überrascht, da ich dachte die Strukturen im DHB seien nach der langen öffentlichen Trainerdiskussion vor zwei Jahren bekannt.
Besser hätte es die Strukturen dadurch auch nicht gemacht.
Es wurde ja schon öffentlich von Uwe Schwenker (Anm.d.Red.: als Präsident der Handball-Bundesliga im DHB-Präsidium vertreten) gesagt, dass die aktuelle Struktur im Vorfeld des nächsten DHB-Bundestag 2021 hinterfragt und gegebenenfalls geändert werden soll.
Stichwort Schwenker. Er war die große Triebfeder für eine Verpflichtung von Alfred Gislason und hat sich gegen Bob Hanning durchgesetzt. Ist er der neue starke Mann im deutschen Handball?
Ich habe wahrgenommen, dass in der Öffentlichkeit dieser Eindruck aufkam. Uwe ist ein Vertrauter von Alfred, er hatte bei der Vorstellung des neuen Bundestrainers einen großen Redeanteil, aber dass sich deshalb die Rollen von Bob Hanning und Uwe Schwenker verschieben, sehe ich nicht.
Die Amtszeit von Hanning endet beim nächsten Bundestag 2021. Er hat den früheren Balinger Geschäftsführer Benjamin Chatton als seinen Nachfolger ins Gespräch gebracht. Wie finden Sie das?
Ich habe seit Jahren einen guten Kontakt zu Benjamin, der ja auch Teil des HBL-Präsidiums (Anm.d.Red.: Beisitzer 1. Liga) ist.
Wäre der 38-Jährige der geeignete Mann?
Er hat hohe Fachkenntnis, kann strategisch und analytisch denken. Ich würde es ihm komplett zutrauen.
HBL-Präsidiumsmitglied Andreas Thiel brachte die Ex-Nationalspielerinnen Anna Loerper und Katja Kramarczyk für diesen Posten ins Gespräch.
Warum denn nicht? Wir haben beim DHB nur eine Frau im zehnköpfigen Präsidium. Die Rolle der Frauen zu stärken, ist generell wünschenswert. Entscheidend ist für mich aber nicht das Geschlecht, sondern einzig und allein die Qualität.
Der DHB richtet in diesem Jahrzehnt mindestens vier große Turniere aus. Wie wichtig ist das für den deutschen Handball?
Ich sehe vor allem die sportliche Sicht: Großturniere auf allerhöchstem Niveau sind für uns von enormer Bedeutung – erst recht im eigenen Land. Wir sehen das als eine Investition in die Zukunft unseres Nachwuchses.
Was versprechen Sie sich konkret?
Alle können sich nun ganz konkret an Zielen orientieren. Nehmen Sie die Junioren-WM, die wir 2023 ausrichten. Für die Jahrgänge 2002/2003 ist es doch grandios zu wissen, dort dabei sein zu können mit der Vision vier Jahre später bei Männer-Heim-WM 2027 auf dem höchsten Niveau möglicherweise am Ball zu sein. Und diese ganze Begeisterung um den Handball wollen wir in die Breite transportieren.
Und dadurch den Rückstand zum Fußball verkürzen?
Der Vergleich mit dem Fußball ist eigentlich gar nicht mein Thema. Wir wollen über unsere Stärken und unsere Werte sprechen.
Sie haben dem Fußball vor kurzem ein „tiefer gehendes Disziplinproblem“ vorgehalten. Wirkt sich dies auf die aktuellen Vorkommnisse auf den Rängen aus?
Nein. Bei meiner Kritik ging es um das Verhalten von Fußballern gegenüber Schiedsrichtern, das nicht meinen Vorstellungen entspricht, weil es auch der Vorbildfunktion gegenüber Amateur- und Nachwuchsspielern nicht gerecht wird. Die Hass-Botschaften von den Tribünen, in denen ein Mensch diffamiert wird, sind ein gesellschaftliches Problem. Für mich absolut intolerabel.
Und im Handball undenkbar?
Obwohl ich solche Problemfelder derzeit bei uns nicht sehe, würde ich nicht sagen: Das ist im Handball ausgeschlossen. Jedes soziale Umfeld sollte die Augen offen halten und den Anfängen wehren.
Warum konkret auch der Handball?
Weil Geld eben auch bei uns ein Thema ist. Unterschiedliche wirtschaftliche Möglichkeiten werden von Vereinen auch genutzt, um im Konkurrenzvergleich in der Öffentlichkeit besser da zu stehen. Es heißt dann: Wir sind stolz, mit unserem kleinen Etat einem finanziellen Schwergewicht Paroli bieten zu können.
Wie beurteilen Sie die Häufung der Trainerwechsel in der Liga?
Der Handball und die Arbeit der Trainer werden in der Öffentlichkeit viel mehr wahrgenommen. Die Live-Übertragungen der Auszeiten sind Segen und Fluch zugleich. Wir wollen uns darüber nicht beklagen: Diese O-Töne liefern hochinteressante Einblicke in unseren Sport. Aber früher sagte der Sportchef, der Trainer macht eine super Ansprache, er erreicht die Spieler – und keiner hat es hinterfragt. Jetzt bewerten andere die Qualität eines Trainers mit, die die Kompetenz vielleicht gar nicht haben.
Ein anderes Thema, das die Liga beherrscht, sind die anstehenden Geisterspiele wegen des Coronavirus. Wird das Länderspiel am Freitag gegen die Niederlande zum Geisterspiel?
Stand jetzt gehen wir davon aus, am Freitag ohne Zuschauer zu spielen.
Wie stehen Sie zu der uneinheitlichen Vorgehensweise der verschiedenen Bundesländer?
Die Unklarheit ist für uns als Verband und für unsere Liga natürlich sehr problematisch. Wir wissen nicht, auf welchen Grundlagen entschieden wird, wo welche Veranstaltungen zugelassen und wo welche abgesagt werden. Wir würden uns – gerade im Ligaspielbetrieb im Sinne des fairen Wettbewerbs – eine einheitliche Linie wünschen.
Sehen Sie die Politik in der Verantwortung, die finanziellen Folgen für Vereine und Verbände abzumildern?
Das ist eine Frage, die nicht nur den Sport betrifft. Ganze Wirtschaftszweige leiden massiv unter der Situation und die dürften für die Politik vermutlich einen höheren Stellenwert haben als der Sport. Da sollten wir uns auch nicht überhöhen und sagen, wir sollten die ersten sein, die unterstützt werden müssen.
Ist das Olympia-Qualifikationsturnier in Berlin vom 17. bis 19. April von der Coronakrise betroffen?
Wir warten die Entwicklungen ab und stehen im Austausch mit dem Weltverband. Schließlich sind auch noch andere Qualifikationsturniere in Europa betroffen.
Wie sehen Sie die sportliche Ausgangslage?
Wir haben das klare Ziel gegen Schweden, Slowenien und Algerien eines von zwei Tickets für Tokio zu ergattern. Die Teilnahme einer Handballmannschaft bei den Sommerspielen hat eine Strahlkraft für das komplette deutsche Olympiateam. Von daher stehen wir vor einer großen Herausforderung.
Weshalb Sie Alfred Gislason verpflichtet haben. Was passiert, wenn es in Berlin schiefgeht mit dem Bundestrainer, und welche Folgen hätte es für den deutschen Handball?
Dann müssten wir uns ohne das Top-Event Olympische Spiele auf die nächste WM vorbereiten und das nächste Ziel formulieren. Ich habe das große Ziel Olympia ja ganz bewusst nicht klein geredet, aber der Handballsport würde weitergehen.
Mit Gislason?
Von der ersten Kontaktaufnahme an, hat sich Alfred Gislason mit seiner ganzen Erfahrung sehr intensiv eingebracht. Nicht nur als Fachmann und Leistungssport-Verantwortlicher für die A-Nationalmannschaft, sondern in allen Bereichen, wie zum Beispiel auch der Nachwuchsförderung. Auch das zeigt, dass die Zusammenarbeit langfristig angelegt ist.
Unabhängig von der Qualifikation für die Olympischen Spiele?
Ich bin mir sicher, wir sind in Tokio am Ball.
Der Handball-Weltverband stellte am Mittwoch offiziell den Antrag, Beachhandball olympisch werden zu lassen – wie stehen Sie dazu?
Für unseren Sport wäre es natürlich überragend, in einer zweiten Disziplin mit Frauen- und Männerteams bei den Olympischen Spielen vertreten zu sein. Dafür haben wir im DHB bereits vor Jahren die Strukturen aufgebaut und weiter entwickelt, um international wettbewerbsfähig zu sein. Wir hoffen, die Entscheidung des IOC fällt positiv aus – da diese Entscheidung aber mehrfach aufgeschoben wurde, sind wir im Moment noch nicht zu euphorisch.
Beachhandball wäre aber kein Ersatz für den Hallenhandball?
Dieses Gerücht gab es bereits vor Jahren. Für uns ist klar, dass Beachhandball nur eine weitere Disziplin sein kann. Hallenhandball bleibt aber das Kerngeschäft, nicht nur bei den Olympischen Spielen.