Drei Spieler muss Joachim Löw für die WM streichen: Wie entscheidet der Trainer? Foto: dpa

Das Länderspiel gegen Kamerun an diesem Sonntag ist das letzte Casting vor der Nominierung. Am Montag muss der Bundestrainer drei Profis ausmustern.

St. Leonhard - Das Szenario wiederholt sich alle zwei Jahre, aber das macht die Sache für alle Beteiligten nicht einfacher. Denn die sportlichen Entscheidungen haben alle eine menschliche Seite, die niemand verdrängen kann. Am Montagmorgen wird Joachim Löw im Hyatt-Regency-Hotel, in dem die Nationalmannschaft rund um das Länderspiel gegen Kamerun an diesem Sonntag (20.30 Uhr/ARD) in Mönchengladbach residiert, drei seiner 26 WM-Kandidaten zu einem Gespräch bestellen. Ihnen wird er, assistiert von seinem Co-Trainer Hansi Flick, Torwarttrainer Andreas Köpke und Teamanager Oliver Bierhoff, mitteilen, dass es für sie nicht gereicht hat für ein Ticket zur WM nach Brasilien. Die 23 anderen sind die Glücklichen, die ihren Platz im endgültigen Kader sicher haben. Sie gehen dann raus zum Training, die drei Verlierer im WM-Roulette fahren nach Hause – wie zuletzt VfB-Stürmer Cacau, Marc-André ter Stegen, Julian Draxler und Sven Bender (EM 2012) und davor Andreas Beck (WM 2010), Marko Marin, Patrick Helmes und Jermaine Jones (EM 2008).

Diesmal zählt Julian Draxler wieder zu den Gefährdeten, dazu müssen Erik Durm, Matthias Ginter und Shkodran Mustafi zittern. Auch Kevin Volland und Kevin Großkreutz können sich ihrer Sache nicht sicher sein. „Einzelne Spieler haben gegen Kamerun noch mal die Chance, auf sich aufmerksam zu machen“, sagt Joachim Löw, der „einige Planspiele im Kopf“ hat. Die möglichen Streichkandidaten: Erik Durm (22): Der Dortmunder ist als einziger Spieler im erweiterten WM-Kader noch ohne Länderspielerfahrung. Neben seinem Vereinskollegen Marcel Schmelzer, der an einer Knieblessur leidet, ist er der einzige Linksverteidiger im Kader. Das spricht ebenso für seine Nominierung wie die Tatsache, dass er in seinen bisher 19 Bundesligaspielen und auch im Trainingslager in Südtirol überzeugen konnte. Zudem hat er in der Champions League gegen Real Madrid die Kreise von Cristiano Ronaldo eingeengt. „Erik hat seine Klasse bewiesen. Deshalb ist er zu Recht bei der Nationalmannschaft“, lobt Sami Khedira. Shkodran Mustafi (22): Als einer von sechs Innenverteidigern im erweiterten Kader gilt der Wahl-Italiener von Sampdoria Genua als erster Streichkandidat. Nach einem Länderspieleinsatz sagt Mustafi: „Ich war bisher ganz erfolgreich damit, mir über alle Eventualitäten keine Gedanken zu machen. Das Rechnen und Spekulieren können gern andere übernehmen. Ich konzentriere mich auf meine Arbeit auf dem Platz. Da gibt es für mich genug zu tun.“ Matthias Ginter (20): Auch das Talent vom SC Freiburg könnte dem Überangebot in der Innenverteidigung zum Opfer fallen. Ginter ist auch im Mittelfeld einsetzbar, doch da hat ihm Christoph Kramer den Rang abgelaufen: Der Mönchengladbacher ist der große Gewinner der Vorbereitung und hat seinen WM-Platz als Vertreter der angeschlagenen Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira so gut wie sicher. Julian Draxler (20): Die Chancen des Schalkers sind im Trainingslager in Südtirol deutlich gesunken. Auch deshalb, weil die beiden Außenbahnen im Mittelfeld die bestbesetzten Positionen im deutschen Aufgebot sind. Dort liefern sich Marco Reus, Andre Schürrle, Lukas Podolski und Thomas Müller einen Konkurrenzkampf. Alle sind fit, Draxler ist nur das fünfte Rad am Wagen. Das schale Gefühl, kurz vor dem Ziel aussortiert zu werden, hatte er schon vor zwei Jahren im EM-Trainingslager in Südfrankreich. „Ich bin topfit und gebe Gas“, sagt Draxler unverdrossen.

Kevin Volland (21): Der Angreifer aus Hoffenheim ist noch unerfahren, er hat erst einen Länderspieleinsatz hinter sich. Hoffnungen darf er sich machen, weil er neben Miroslav Klose der einzige echte Stürmer im Kader ist. Allerdings könnten auch Thomas Müller oder Lukas Podolski an vorderster Front aushelfen. Zudem hat Joachim Löw ein Faible für das Spiel mit der falschen Neun – einem Offensivmann wie Mario Götze, der aus der Tiefe kommt und dank seiner spielerischen Qualitäten vor dem gegnerischen Tor für Gefahr sorgt. Kevin Großkreutz (25): Auf der rechten Abwehrseite ist der Dortmunder nur dritte Kraft hinter Philipp Lahm und Benedikt Höwedes. Allerdings hat sich Löw noch nicht festgelegt, ob er Lahm bei der WM rechts belässt oder ins defensive Mittelfeld zieht. Großkreutz hat die Pinkel-Affäre nach dem Pokalfinale geschadet, für ihn spricht aber seine Vielseitigkeit.

„Die Entscheidung werden wir nach den finalen Erkenntnissen aus dem Länderspiel gegen Kamerun treffen. Da kann ich noch einmal wichtige Eindrücke sammeln“, sagt Joachim Löw, der das Wechselkontingent von sechs Spielern ausschöpfen will, um möglichst viele Spieler zumindest eine Halbzeit lang begutachten zu können. Danach muss er sich entscheiden – so oder so.

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