Bundestrainer Joachim Löw hatte einiges zu sagen rund um seine Kader-Nominierung für die EM. Es ging um Thomas Müller und Mats Hummels – aber auch um einen eindringlichen Appell an seine 26 Spieler.
Stuttgart - Wolfgang Goldacker hatte es aus dem Seniorenheim „Karl Marx“ in Frankfurt/Oder bis nach oben geschafft auf der Fragen-Hitliste an den Bundestrainer. Joachim Löw saß im anderen Frankfurt, in dem am Main, und gab seinen Kader für die EM im Sommer bekannt. Das Spezielle dabei war das Szenario: Denn die Fragen kamen am Mittwochmittag zunächst nicht wie üblich aus dem Auditorium der Pressevertreter – sondern aus dem Kreis der ebenfalls live im Videocall zugeschalteten Fans. Schulklassen winkten in ihre Bildschirmkameras, ebenso Fanclubvertreter, einzelne Nachwuchskicker – und eben auch einige Bewohner aus Seniorenheimen.
Vor nicht allzu langer Zeit wollte der Tross der DFB-Elf ja erst keine Nähe mehr zur Basis herstellen und lebte in seiner eigenen Blase (vor Corona), dann konnte er das mit der Fan-Nähe beim besten Willen nicht mehr umsetzen und musste notgedrungen wieder in die Blase (während Corona). Nun aber waren einige Anhänger wie Wolfgang Goldacker zumindest virtuell nah dran. 6500 waren es insgesamt, die bei Löws Kaderverkündung dabei waren – und die Anhänger entschieden per Mausklick live, welche der von ihnen vorab eingereichten Fragen Löw beantworten sollte.
Lesen Sie auch: Unser Kommentar zur EM-Nominierung von Jogi Löw
Darunter also war auch die von Wolfgang Goldacker, der dann live von Löw wissen wollte und durfte, welchen Platz er bei der EM einnehmen wolle. Der Trainer sprach davon, dass es „erstrebenswert sei, das Finale zu erreichen“. Favoriten aber seien andere, etwa Weltmeister Frankreich. Das war doch schon mal eine klare Ansage. Und einmal in Fahrt gekommen, da ließ Herr Goldacker nicht mehr locker: „Und jetzt möchte ich den Herrn Neuer noch sprechen“ – das war die klare Ansage aus dem Stift in Frankfurt/Oder. Und weil vieles möglich war und der Herr Neuer als Kapitän der DFB-Elf ebenfalls live zugeschaltet war, redete der Herr Goldacker auch noch mit Herrn Neuer.
Müllers klar definierte Rolle
Spannender als Neuers gesammelte Antworten aber waren am Mittwoch dann jene von Bundestrainer Löw – und, na klar, die interessantesten kamen zum spannendsten Thema das Tages: der Rückkehr der 2019 ausgebooteten Weltmeister Thomas Müller und Mats Hummels. Die war ja längst so erwartet worden – jetzt äußerte sich Löw erstaunlich offen über die Rolle, die Müller beim Turnier einnehmen soll. „Die Zeit rechts an der Seitenlinie hat Thomas hinter sich“, sagte der Bundestrainer, der Müller vor seiner Ausbootung gerne genau da eingesetzt hatte: „Bei Bayern spielt er hinter einer zentralen Spitze – die besteht bei uns auch. Er hat seine Stärken, wenn er aus dem Zentrum oder Halbposition kommt.“
Lesen Sie hier: Deshalb könnte es Probleme mit Thomas Müller geben
Müller also wird das zentrale offensive Mittelfeld besetzen oder als hängende Spitze agieren, darauf legte sich Löw fest. Bei Hummels, dem Innenverteidiger, musste er das nicht mehr, weshalb es eher über atmosphärische Dinge und das Binnenverhältnis mit den beiden Rückkehrern ging. „Ich sehe da keine Probleme, beide Spieler kennen die Mannschaft“, sagte Löw dazu: „Es gab auch zwischen uns keine Berührungsängste. Unser Verhältnis war auch nach der Ausbootung nicht gestört.“ Über ihre Aufgabe, so Löw weiter, habe er mit beiden gesprochen: „Sie sollen Führung übernehmen.“
Respekt vor Boateng
Das soll der dritte Anfang 2019 ausgebootete Weltmeister dagegen nicht. Mit Jérôme Boateng, so sagte das Löw, habe er nicht mehr gesprochen – dafür sprach er nun über den Verteidiger. „Logischerweise haben wir uns über Jérôme Boateng Gedanken gemacht, ich habe größtmöglichen Respekt vor ihm“, sagte Löw: „Wir haben uns aber für Spieler wie Niklas Süle und Antonio Rüdiger entschieden.“
Lesen Sie auch: VfB-Profi Sasa Kalajdzic ist bei der EM dabei
Auch auf die Offensivmänner Julian Draxler (PSG) und Julian Brandt (Borussia Dortmund) verzichtet Löw. Der in den vergangenen Wochen stark aufspielende BVB-Kapitän Marco Reus dagegen wäre im Kader gewesen, verzichtete aufgrund seiner langen Verletzungshistorie aber freiwillig. Fehlen wird zumindest zum Auftakt des Trainingslagers in Seefeld/Tirol am 28. Mai auch Toni Kroos. Der Mittelfeldmann von Real Madrid hat sich mit Corona infiziert. Falls es Komplikationen gibt, so berichtete es Löw, gebe es „einen Plan B“.
Eindringlicher Appell
Für die EM dagegen gibt es übergeordnet nur Plan A, der da heißt: sportlichen Erfolg haben – und das deutsche Fußballvolk nach der WM-Blamage 2018, einer wachsenden Entfremdung und peinlichen Auftritten wie zuletzt im November in Spanien (0:6) und Ende März gegen Nordmazedonien (1:2) wieder hinter sich bringen. Löws Schlussplädoyer für die EM war ein eindringliches: „Wir sind seit 2018 durch ein Wellenbad der Gefühle gegangen, das hat uns natürlich alle zutiefst enttäuscht. Wir wissen, dass wir gute Leistungen liefern und den Fans das Gefühl vermitteln müssen, dass wieder eine Einheit auf dem Platz steht.“
Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie mit allen 26 deutschen EM-Fahrern!