Fritz Keller rückt an die Spitze des Deutschen Fußball-Bunds (DFB). Mit dem Namen des Freiburgers verknüpft sind weitreichende Reformen. Ob sie nur dem Machterhalt der Funktionäre dienen oder den Verband modernisieren, hängt vom Rollenverständnis des neuen Präsidenten ab, schreibt StN-Autor Gunter Barner im Leitartikel. Gestalter oder Verwalter?
Stuttgart - Fritz Keller sagt: „Fußball ist meistens nur Theater.“ Das ist wahr, ändert aber wenig an der Bedeutung seiner künftigen Rolle. Denn die darstellende Kunst der Mimen in kurzen Hosen ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Falls es sich die 259 stimmberechtigten Delegierten des DFB-Bundestags nicht noch anders überlegen, wechselt Keller an diesem Freitag von der Freiburger Landesbühne ins große Schauspielhaus nach Frankfurt am Main. Der Karrieresprung führt ihn auf stark vermintes Gelände.
Drei Vorgänger sind gescheitert
Seine drei Vorgänger sind in der Präsidenten-Rolle kläglich gescheitert: Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel. Teils aus persönlicher Eitelkeit, teils an hausgemachten Skandalen, teils an internen Intrigen. Zwanziger trat die unappetitliche Schiedsrichter-Affäre um Manfred Amerell und Michael Kempter ohne Not in der Öffentlichkeit breit, Niersbach navigierte hilflos durch das Lügen-Labyrinth rund um das Sommermärchen 2006, Grindel blamierte sich im Umgang mit Mesut Özils Erdogan-Foto, er erschien planlos, als Löw und die Seinen in der Vorrunde der WM 2018 scheiterten und verstieß als Liebhaber teurer Uhren instinktlos gegen den Verdacht der Unbestechlichkeit.
Jetzt gilt der badische Winzer, Gastronom und Sportclub-Chef Fritz Keller, 62, als Idealbesetzung an der Spitze des Deutschen Fußball-Bunds (DFB). Weil er Werte verkörpert, die der größte Sportfachverband der Welt so nötig hat wie ein Fußballspiel die Tore: Seriosität, Integrität, Loyalität und Glaubwürdigkeit. Aber auch Durchsetzungsvermögen, Beharrlichkeit, Konsequenz und die Fähigkeit, auseinander strebende Kräfte zusammenzuführen.
Riesiges Konstrukt, kaum Einigkeit
Der Mann mit dem obligatorischen Einstecktuch am Jackett übernimmt ehrenamtlich die Spitze eines riesigen Konstrukts, in dem Einigkeit zuletzt so selten war wie ein Sechser im Lotto. Einflussreiche Großfürsten aus den Landes- und Regionalverbänden beklagen die mangelnde Wertschätzung der Amateure. Die Wortführer im Lager der Deutschen Fußball-Liga (DFL) beschweren sich regelmäßig über DFB-Funktionäre, die vorzugsweise kleines Karo tragen. Bayern-Manager Uli Hoeneß verstieg sich sogar zur Drohung, keine Spieler mehr für die Nationalelf abzustellen.
Von allen Seiten unter Druck geraten, entschieden die Amtsverweser nach Grindels Demission, das Feld für den neuen Chef mit mehr Professionalität zu bestellen. Strukturen werden verschlankt, alle wirtschaftlichen Geschäftsbetriebe des Verbands unter dem Dach einer GmbH gebündelt und geführt. Darunter die Nationalmannschaft, die künftige DFB-Akademie, der DFB-Pokal, die Frauen-Bundesliga und die Bundesliga-Juniorenteams. Die Schiedsrichter der Profi-Ligen organisieren sich in einer eigenen Gesellschaft, es gibt Zukunftsstrategien für den Amateur- und für den Frauen-Fußball.
Reformen nur zum Machterhalt?
Kritiker geißeln die Reformvorschläge als durchsichtiges Manöver der DFB-Bürokraten zum Zwecke des Machterhalts. Dem neuen Präsidenten wurde die Richtlinien-Kompetenz für den Verband und die Herrschaft übers Nationalteam aus dem Katalog seiner Zuständigkeiten gestrichen. Das Hauptamt soll führen, das Ehrenamt präsidieren und kontrollieren.
Herkulesaufgaben
Womöglich täuschen sich aber die Trickser, Täuscher und Trainer bei DFB und DFL. Fritz Keller zählt nicht zu denen, die sich im Nasenring durch die Manage führen lassen. Er will als Reformator in die Geschichte des DFB eingehen, nicht als Grüß-Gott-August. Eine Herkulesaufgabe für den neuen Boss, aber ein Segen für den deutschen Fußball.
gunter.barner@stuttgarter-nachrichten.de