In der Machtprobe zwischen der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist es Bundestrainer Joachim Löw nun zu bunt geworden. Foto: dpa

Offener Konflikt zwischen DFL und DFB: Die Fußball-Liga will die Zuständigkeit des Bundestrainers beschneiden und attackiert Präsident Niersbach. Die Reaktion fällt harsch aus.

Stuttgart - Wenn an diesem Freitag das DFB-Präsidium zu seiner turnusmäßigen Sitzung zusammenkommt, dürfte es hoch hergehen in der Verbandszentrale in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise. In dem Gremium sitzen auch vier Vertreter der DFL, denen DFB-Chef Wolfgang Niersbach (62) bisher stets in demonstrativer Eintracht begegnet war.

Das hat sich schlagartig geändert, diesmal wird es keine Kuschelrunde. Niersbach verspürt einen erhöhten Rede- und Klärungsbedarf, nachdem der seit längerem schwelende Konflikt zwischen beiden Verbänden nun eskaliert ist. Unverblümt fährt die DFL, namentlich durch ihren Geschäftsführer Andreas Rettig (50), den DFB-Oberen in die Parade, grätscht sie verbal ab, fordert eine Neustrukturierung der DFB-Spitze und mischt sich immer mehr in Themen ein, die bisher zum ureigensten Bereich des DFB zählten. Mittendrin: Joachim Löw (53) – obwohl der Bundestrainer gar nicht vor Ort sein wird.

Die DFL will bei der Auswahl des künftigen Sportdirektors ein Mitspracherecht, nachdem in Matthias Sammer (zum FC Bayern) und Robin Dutt (zu Werder Bremen) innerhalb kürzester Zeit zwei Sportdirektoren das Weite gesucht hatten. Mehr noch, sie fordert auch, dass dem neuen Mann mehr Macht eingeräumt und ihm auch die Nationalmannschaft unterstellt wird, was bisher nicht der Fall ist.

Löw will nicht an Einfluss verlieren

Dadurch wäre er Löws Vorgesetzter, der Bundestrainer würde ein Jahr vor der WM deutlich an Einfluss verlieren, weshalb der Freiburger nun ein Machtwort spricht: Der Chef bin ich! „Der Sportdirektor muss ein kompetenter Ansprechpartner sein. Die sportlichen Richtlinien und letztendlich auch die Verantwortung sollten wie bisher beim Bundestrainer bleiben. Klar gesagt: Die sportliche Linie für die A-Nationalmannschaft bestimmt allein der Bundestrainer. Meiner Meinung nach sollte der Sportdirektor die fußballerische Philosophie, die der Bundestrainer vorgibt, in die U-Teams übertragen“, sagte Löw, der sich weiter allein dem DFB verpflichtet fühlt: „Meine Chefs sind Präsident Wolfgang Niersbach und Generalsekretär Helmut Sandrock.“

Der DFB will die geteilte Verantwortung im sportlichen Bereich beibehalten. Die führende Rolle soll der Bundestrainer haben, dem auch die U 21 untersteht. Der Sportdirektor soll für die Nachwuchsteams von der U 15 bis zur U 20 zuständig sein. Unausgesprochen bleibt allerdings, dass sich diese Struktur zuletzt nicht bewährt hat. Unter Sammer herrschte ein Kompetenzgerangel mit Löw, unter Dutt verschwammen die Zuständigkeiten. Ungeachtet dessen stellt Sandrock (57) klar: „Die Personalie Sportdirektor ist eine originäre Aufgabe des DFB.“

Die Liga steckt viel Geld in die Nachwuchsförderung, deshalb will sie an dieser wichtigen Schnittstelle mitreden. „Da geht es auch um Interessen des Ligaverbandes“, sagt Andreas Rettig. Bestärkt wird er durch die verpassten EM-Teilnahmen der U-19- und U-17-Auswahlteams und das Vorrunden-Aus der U 21 bei der EM, dem ein Abstellungswirrwarr vorausgegangen war. Junioren-Bundestrainer Rainer Adrion war nicht mit der stärkstmöglichen Mannschaft zur EM angetreten, weil Löw Spieler wie André Schürrle und Julian Draxler auf USA-Reise mit dem A-Team beordert hatte. Für Rettig ist das ein Beleg für die Führungsschwäche des DFB: „Ich habe die Gesamtverantwortung nicht verstanden.“

Die DFL ist schon länger unzufrieden

Unter dem Einfluss der DFL müsste aber auch Helmut Sandrock um seine Pfründe fürchten. Denn Rettig will die Position des Sportdirektors auf der gleichen Hierarchieebene wie der des Generalsekretärs ansiedeln und stichelt gegen den DFB: „Dass die Führung eines so großen Verbandes von einer hauptamtlichen Person geleistet werden kann, da habe ich meine Zweifel.“

Das sind nicht die einzigen atmosphärischen Störungen, die der Ex-Manager der Bundesligavereine 1. FC Köln, SC Freiburg und FC Augsburg heraufbeschworen hat – allerdings wohl nicht im Alleingang, sondern als Sprachrohr der DFL-Spitze, die seit längerem mit den Strukturen und manchen Entscheidungen des DFB unzufrieden ist. So verlangt Rettig eine Verschlankung der DFB-Spitze – zurzeit bilden 17 Personen das Präsidium und 38 den Vorstand. Er wirft dem DFB Unterwürfigkeit auf internationaler Bühne vor und klagt, mit der Zustimmung zur umstrittenen Champions League für U-19-Clubmannschaften habe man gegen die Interessen der deutschen Vereine entschieden. Rettig passt auch der „vorauseilende Gehorsam“ des DFB bei der Bewerbung um die Finalwoche bei der EM 2020 zugunsten des türkischen Verbandes nicht: „Wir wissen von Außenständen von einigen Millionen Euro, die türkische Clubs einigen unserer Clubs seit langer Zeit schuldig sind.“

Wolfgang Niersbach kontert die Vorwürfe mit bisher ungekannter Schärfe. „Wenn nun ein Mann, der noch kein halbes Jahr bei der DFL angestellt ist, so ziemlich alles und jedes in unserem Verband dazu noch sachlich falsch infrage stellt, ist dies anmaßend und völlig unangebracht.“ Niersbach spürt offenbar: Diese Attacken richten sich gezielt gegen ihn. Kritiker werfen ihm vor, dass er sich aus allen gesellschaftlichen und sozialpolitischen Themen heraushält und den Eindruck von Stärke und Standhaftigkeit vermissen lässt. Es gibt praktisch kein Thema, das er besetzt hat. So ist ein Vakuum entstanden, das die DFL nun auszufüllen gedenkt – zu ihrem Vorteil.

Joachim Löw ist von dem offen ausgetragenen Konflikt gar nicht begeistert: „Der gehört intern geführt.“ Was an diesem Freitag geschieht. Ohne Andreas Rettig übrigens. Der hat keinen Sitz im DFB-Präsidium.

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