Ilkay Gündogan wurde nach dem 2:0 der deutschen Mannschaft gegen Ungarn zum Man of the Match gewählt. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Die Zweifel an Ilkay Gündogan und seiner Rolle im deutschen Team waren groß vor der EM 2024. Nach zwei Spielen hat der Kapitän alle Kritiker widerlegt. Der Bundestrainer ist voll des Lobes.

Da saß er also, der Mann des Spiels – oder wie die Uefa das nennt: Man of the Match. Ilkay Gündogan war auserwählt worden, was kein Wunder war nach dem 2:0-Erfolg der deutschen Nationalmannschaft gegen Ungarn. Der Kapitän hatte schließlich das erste Tor vorbereitet und das zweite selbst erzielt. Also hatte er nun, eine gute Stunde nach dem Abpfiff, vermutlich viel über sich und sein Spiel zu erzählen. Aber: Der Journalist aus England wollte erst einmal wissen, was Gündogan eigentlich von Jamal Musiala hält.

 

War der Mann des Tages irritiert ob dieser Frage? War er verwirrt? War womöglich ein wenig pikiert? Nichts von alledem. „Jamal ist unglaublich, ich liebe ihn“, sagte Ilkay Gündogan, führte noch ein bisschen aus, warum er dieser Meinung ist – und bestätigte schon da, was er wenig später sagte: „Man of the Match, Torschütze – das ist hintangestellt.“ Soll heißen: Der Mann nimmt sich selbst nicht so wichtig. Dabei ist er genau das.

Julian Nagelsmann sah das schon die ganze Zeit so. Versicherte er zumindest am Mittwochabend in Stuttgart. „Ich habe großes Vertrauen, weil ich weiß, was in ihm steckt“, sagte der Bundestrainer nach dem zweiten Sieg im zweiten EM-Spiel. Doch vor dem Turnier war das Zutrauen von Fans und Experten in den Champions-League-Sieger von 2023 nicht ganz so uneingeschränkt wie bei Julian Nagelsmann.

Zum einen wurde generell gezweifelt, ob Gündogan das Nationalteam sportlich wie als Kapitän führen kann. Zum anderen wirkte es nach der Rückkehr von Toni Kroos ins deutsche Mittelfeld, als habe der frühere Kapitän von Manchester City so ein wenig seine Probleme damit, seine Rolle zu finden. Dabei sagt er über die Position vor den beiden „Sechsern“: „Das ist eine Position, in der ich mich wohlfühle und die ich kenne. Ich weiß, was ich machen muss, um hier mein Spiel zu verbessern – aber auch, um das Spiel meiner Kollegen zu verbessern.“ Gesteigert hat er sich ohne Frage gegenüber den letzten Tests vor dem Turnier.

Die Kraft der zwei Herzen im deutschen Spiel

Schon zum Auftakt beim 5:1 gegen Schottland überzeugte Ilkay Gündogan. Gegen Ungarn eroberte er zunächst robust und durchsetzungsstark den Ball gegen den Leipziger Willi Orban – und legte dann für Jamal Musiala für dessen 1:0 auf. In der zweiten Hälfte machte Gündogan den Sieg mit klar – mit links nach feinem Zuspiel des Stuttgarters Maximilian Mittelstädt. „Er hat es beide Spiele sehr gut gemacht“, lobte Julian Nagelsmann seinen Kapitän – und ergänzte: „Ich bin mir sicher, dass es so weitergeht.“ Schließlich funktioniert das Herz des deutschen Spiels immer besser.

„Mit der Kraft der zwei Herzen“, hieß es mal in einem Werbespot – und so ähnlich wirkt das auch gerade im deutschen Spiel. Denn zwischen Ilkay Gündogan und Toni Kroos (beide sind Jahrgang 1990) gibt es kein Kompetenzgerangel um die Führungsrolle oder eine bestimmte Position auf dem Spielfeld. Im Gegenteil: „Jetzt, da wir etwas versetzt zueinander spielen, können wir uns noch besser ergänzen“, sagt Gündogan, der bei der EM 2021 noch neben Kroos auf der Doppelsechs gespielt hatte. Die beiden Ausnahmekicker, das bestätigte der Kapitän am Mittwoch noch, verbindet nun gar eine besondere sportliche Beziehung.

„Selbst wenn wir uns nur für eine Millisekunde anschauen, wissen wir, was der jeweils andere gerade denkt oder vorhat“, sagte Gündogan, der seit einem Jahr beim FC Barcelona spielt. So eine Verbindung wie zum scheidenden Real-Star Toni Kroos sei „unglaublich wichtig“. Das Duo habe es gemeinsam geschafft, „eine gewisse Balance in die Mannschaft zu bringen“. Von der im bisherigen EM-Turnier nun alle profitieren.

Der Bundestrainer jedenfalls fühlt sich schon jetzt bestätigt. Und macht allen Skeptikern Mut, gerade Ilkay Gündogan noch mehr wertzuschätzen. „Wir müssen ihm alle ein bisschen mehr vertrauen“, forderte Julian Nagelsmann – und ging noch weiter: „Wir müssen ihn alle ein bisschen pushen, weil er uns auch pushen kann. Er kann uns helfen, gut zu sein.“ Womöglich die Besten?

Achtelfinale in Dortmund?

Ilkay Gündogans Ehrgeiz jedenfalls ist auch im Alter von 33 Jahren noch ungebrochen. Vor dem abschließenden Gruppenspiel am Sonntag (21 Uhr) gegen die Schweiz sagt er: „Wir wollen Erster werden.“ Was ein Achtelfinale in Dortmund zur Folge hätte. Dort also, wo Gündogan einst beim BVB gespielt hat. „Etwas Besonderes“ wäre das, meinte er. Aber ganz so wichtig nun auch wieder nicht. Das Wichtigste ist für ihn derzeit etwas anderes.

„Ich spüre das Vertrauen vom Coach, vom Trainerteam, von meinen Mitspielern“, sagte er und ergänzte: „Ich fühle mich extrem wohl in der Mannschaft.“ Dann kann man auch schon mal Man of the Match werden.