Nationalkeeper Manuel Neuer steht spätestens nach seinem Fehler bei der EM-Generalprobe in der Kritik. Fußball-Deutschland debattiert vor dem Turnierstart am Freitag über den einst Unantastbaren.
Erst waren ein paar Fans hinter dem Absperrband dran, am Ende dann bekam der Polizist mit der schusssicheren Weste davor von Manuel Neuer das letzte Autogramm des Abends. Freundlich hatte er den Nationalkeeper danach gefragt. Hinterher, nach der Signatur, grinste der Beamte beseelt in der lauen Nacht vor dem Mönchengladbacher Stadion.
Immerhin: Neuer hat an diesem Abend des so mühsamen 2:1-Erfolgs der DFB-Elf im letzten EM-Test gegen Griechenland durch Tore von Kai Havertz und Pascal Groß also noch ein paar Anhänger glücklich gemacht. Während des Spiels am Freitag sah die Sache noch anders aus. Denn da schrieb Neuer mit seinen Händen und Fingern eine andere Geschichte.
Der Keeper sorgte für ungläubige Blicke, für Staunen und Raunen auf den Rängen – und das nicht, weil er wie zu früheren Zeiten mal wieder eine nicht zu begreifende, ja unfassbare Weltklasseparade gezeigt hatte. Nein, der einst Unfehlbare ist in diesen Wochen vor der EM mit dem Auftaktspiel am Freitag in München gegen Schottland (21 Uhr/ZDF) zum Fehlbaren geworden.
Ungläubigkeit auf den Rängen
In der 33. Minute ließ Neuer einen harmlosen Schuss nach vorne abprallen – die DFB-Elf kassierte durch das Abstaubertor von Giorgos Masouras das 0:1. Und auf den Rängen, genau, wurde unter den Fans im ausverkauften Stadion getuschelt, geraunt und ungläubig geschaut, alles ging in die Richtung dieser einen Frage zum Schluss: Was ist denn bloß mit diesem Neuer los?
Weil der Fauxpas von Mönchengladbach nicht der einzige Fehler der Nummer eins war in den vergangenen Wochen, diskutiert die Fußballrepublik Deutschland vor dem EM-Start nun die weiteren großen Fragen: Ist Neuer in dieser Form wirklich noch der Richtige für die EM? Und teils sogar das: Muss Julian Nagelsmann nicht doch Marc-André ter Stegen ins Tor stellen?
Der Bundestrainer hat diese Fragen für sich längst beantwortet. Noch am Freitagabend sprach Nagelsmann Klartext, als er auf Neuer angesprochen wurde. Seine Strategie war klar: Vorwärtsverteidigung, Neuer stützten und schützen, bedingungslos. „Es ist mir völlig wurscht, was in den Medien diskutiert wird, das wurde auch schon vorher unzählige Male diskutiert“, sagte der Coach: „Ich lasse keine Diskussion aufkommen, auch wenn es jeder probiert.“ Intern, so Nagelsmann weiter, werde man den Fehler vor dem 0:1 „nicht bewerten, nicht analysieren, noch daran herumdoktern“.
Hier könnte man nun einwenden, dass eine interne Analyse kein Fehler wäre – so wie Neuer derzeit bisweilen an den Bällen herumdoktert. Seine Fehler häufen sich. Im Champions-League-Halbfinale mit dem FC Bayern war ihm bei Real Madrid nach vorheriger Weltklasseleistung Ähnliches wie jetzt in Mönchengladbach passiert. Neuer ließ einen Ball nach vorne abprallen, Joselu staubte zum 1:1 ab, am Ende stand es 1:2, die Bayern waren draußen.
Dann patzte Neuer am letzten Bundesliga-Spieltag bei der TSG Hoffenheim mehrfach – und im Testspiel der DFB-Elf am vergangenen Montag gegen die Ukraine schließlich stürmte er Richtung Mittellinie, um dort zu klären, chippte den Ball aber einem Gegenspieler in den Fuß. Nur eine Abseitsstellung verhinderte das 0:1.
Die Ursache ist rätselhaft
Und jetzt der Klops gegen Griechenland – auf den Neuer hinterher im Gegensatz zum Bundestrainer analytisch einging. „Grundsätzlich muss ich den Ball besser wegbringen“, sagte er und verwies dann auf die Entstehungsgeschichte vor dem Torschuss: Innenverteidiger Jonathan Tah hatte Jamal Musiala mit einem fatalen Pass aus dem eigenen Strafraum in Not gebracht, der verlor den Ball bei der Annahme. „Da gehören immer mehrere dazu“, sagte Neuer, „aber ich schaue jetzt auf mich.“ Ob er vor der EM Zweifel habe? „Bei beiden Spielen gegen die Ukraine und Griechenland finde ich, dass ich gute Leistungen gezeigt habe“, antwortete Neuer trocken, „und so gehe ich auch in die EM.“
Auf diesem Weg aber werden den Keeper nun die Diskussionen begleiten – und damit die Frage, warum er nicht mehr der Unantastbare in Weltklasseform ist. Eine (plumpe) Frage, die am Freitagabend aufkam: Liegt es am Alter? Neuer ist 38 Jahre alt, aber wer ihm so zuschaut, der sieht schnell, dass seine Bewegungen nichts an Geschmeidigkeit eingebüßt haben. Die bewährten Neuer-Reflexe sind da und waren auch im Spiel gegen die Griechen zu sehen, als er vor dem Gegentor zweimal in Weltklassemanier pariert hatte.
Allein: Die Fehlerquote steigt beim fünfmaligen Welttorhüter. Ob das wiederum Spätfolgen seines Unterschenkelbruchs nach der WM 2022 sind? Möglich ist das, aber es wird sich nicht beweisen lassen.
Neuers Kollegen in der DFB-Elf sind solche Fragen egal, fast alle Feldspieler äußerten sich nach der Partie gegen Griechenland fast ehrfürchtig über die Nummer eins. Stellvertretend dafür stehen die Aussagen von Maximilian Mittelstädt. „Wenn Manu keine Sicherheit ausstrahlen kann, wer sonst?“, sagte der Linksverteidiger des VfB Stuttgart: „Er ist der Rückhalt für die Mannschaft.“