Beerbt er Manuel Neuer? Joshua Kimmich Foto: dpa/Arne Dedert

Joshua Kimmich ist derzeit der Kapitän der DFB-Auswahl. Das könnte dauerhaft so bleiben.

 
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Zwischen Abschlusstraining und Abreise zum Spiel gegen Belgien zückte Hansi Flick sein Telefon. Doch sein Versuch, Manuel Neuer zum 37. Geburtstag am Montag persönlich zu gratulieren, scheiterte zunächst. „Vom Team haben wir aber eine Message geschickt“, erklärte Flick. Die persönliche Gratulation an seinen langjährigen Kapitän in der Nationalmannschaft und bei Bayern München werde er nachholen.

Flick hat Neuer nach dessen schwerer Verletzung nicht vergessen - und doch gibt es ein Szenario, in dem er für die Heim-EM ohne den einst besten Torhüter der Welt plant. Vorerst hat der Bundestrainer Marc-Andre ter Stegen zur Nummer eins und Joshua Kimmich zum Kapitän bestimmt - beide finden Gefallen an ihren Rollen.

Das Amt mache ihn „stolz“, ließ Kimmich verlauten. Forderungen nach der Binde auf Dauer waren von ihm zwar nicht zu hören. Kimmich muss in Abwesenheit Neuers aber auch gar nicht so lautstark vorpreschen wie einst Philipp Lahm. Es mehren sich ohnehin die Anzeichen, dass er wie in seinem 75. Länderspiel am vergangenen Samstag gegen Peru (2:0) die Binde auch künftig tragen wird.

Kimmich selbst gibt sich gelassen

Grundsätzlich sei es so, „dass ein Feldspieler direkten Kontakt zum Geschehen hat, während ein Torhüter weit entfernt ist“, sagte Flick der ARD. Man verspüre aber „keinen Druck“ in der Frage, betonte der Bundestrainer.

Es gibt aber weitere Hinweise darauf, dass der DFB-Kapitän Neuer der Vergangenheit angehören könnte. Als Nationalmannschaftsdirektor Rudi Völler, DFB-Präsident Bernd Neuendorf, Flick und Kimmich dieser Tage entschieden, dass der Kapitän bis zur EM mit einer Binde in den Landesfarben aufläuft, war Neuer nicht eingebunden. „Manuel ist nicht da und Jo trägt die Binde. Wir haben uns bewusst dafür entschieden. Und damit ist jeder zufrieden“, begründete Flick den Vorgang.

Neuer hat das Amt seit September 2016 inne. Ob und wann der Schlussmann nach seinem Beinbruch infolge eines Skiunfalls zurückkehrt, ist völlig offen. 

Kimmich geht gelassen mit der neuen Verantwortung um. „Die Kapitänsfrage“, betonte der Mittelfeldchef, „ist eine Sache der Öffentlichkeit.“ Sein Spiel und seine Rolle werde das wenig beeinflussen. Sein Anspruch sei es schließlich auch ohne Binde, „vorne wegzugehen und Verantwortung zu übernehmen“. 

Mehr Termine durch neue Rolle

Das tat er auch nach dem Peru-Spiel. „Wenig Liebe, wenig Herz“, lautete sein Urteil zur Trennung des FC Bayern von Julian Nagelsmann. Kimmich galt als engster Vertrauter des Geschassten innerhalb der Mannschaft und stellte in dieser Rolle klar: „Ich kann sagen, dass der Trainer nicht die Kabine verloren hat.“

Kimmich positioniert sich, hat keine Angst. Das gefällt nicht allen, doch ist es eine Voraussetzung für das Kapitänsamt in der DFB-Auswahl. Lahm hatte nach der Verletzung von Michael Ballack vor der WM 2010 in Südafrika die durchaus als Provokation empfundene Frage gestellt: „Wieso sollte ich das Amt dann freiwillig abgeben?“ Er habe „Freude daran“.

Freude hat auch Kimmich, gibt sich aber diplomatisch. „Egal, ob Torhüter oder Feldspieler, jeder kann ein guter Kapitän sein“, sagte er vor dem Härtetest gegen Belgien am Dienstag (20.45 Uhr/RTL) in Köln. Und eine „Schattenseite“ der neuen Rolle hat er auch schon kennengelernt: „Ich merke, dass man den einen oder anderen Termin mehr hat.“