Devid Striesow gehört zu den profiliertesten Schauspielern Deutschland. Er spielte Hape Kerkeling in „Ich bin dann mal weg“ und war im Oscar-gekrönten „Im Westen nichts Neues“ dabei. Am Sonntag ist er mit der „Blechtrommel“ zu Gast in Fellbach.
Gemeinsam mit dem Musikpartner Stefan Weinzierl an den Schlagwerken präsentiert der renommierte Schauspieler Devid Striesow an diesem Sonntag, 7. Mai, um 19 Uhr in der Schwabenlandhalle Fellbach eine Konzertlesung über den Roman „Die Blechtrommel“. Im Gespräch beschreibt der 49-Jährige auch, wie spannend dieser Abend wird.
Herr Striesow, unsereins kennt die „Blechtrommel“ von circa fünfmaligem Anschauen des Films in Kino und Fernsehen. Bei der Lektüre des Werks vor vielen Jahren reichte es gerade bis Seite 50. Wann sind Sie auf den Roman von Günter Grass von 1959 gestoßen?
Tatsächlich hatte ich zuvor gar keine Berührungspunkte mit der „Blechtrommel“, auch nicht in der Schule. Der Schlagzeuger Stefan Weinzierl hatte das Programm in anderer Besetzung vorher schon mal gespielt und ist bei der Suche nach einer neuen Besetzung an mich geraten. So bin ich ganz frisch an die Sache rangegangen. Wir haben eine sehr schöne Strichfassung, ich bin total froh über diese auf die Trommel hin geschnittene Fassung, die trotzdem die ganze Geschichte erzählt. Und ich kann es an den Reaktionen des Publikums festmachen, manchmal hört man dann Reaktionen wie: „Ich habe den Film gesehen und habe auch das Buch, aber jetzt höre ich die Blechtrommel noch mal richtig neu.“ Und auch ich entdecke den Text an jedem Abend neu, und es ist es für mich jedes Mal eine literarische Reise.
Wie kann man sich das vorstellen, Sie lesen eine Passage, und dann kommt eine Trommeleinlage?
Nein, nein, das Schlagwerk hat einen unterstützenden Charakter. Alles, womit man Rhythmus erzeugen kann, von Marimbafon, Vibrafon, Pauke, Snare, Becken über Bogen an Becken ist auf der Bühne dabei, und der Stefan schmeißt sich dann voll rein und unterstützt mich in den Textpassagen. Wenn zum Beispiel Oskar geboren wird, das ist die Szene mit dem flatternden Falter an der Glühbirne, dann hört man 60-Watt-Glühbirnen sirren, und das ist wahnsinnig schön. Eigentlich sollte ich es ja nicht verraten, aber es gibt auch ein Trommelsolo auf der Blechtrommel. Aber schon merkwürdig und lustig, dass tatsächlich vorher noch nie jemand draufgekommen ist, dass man den Text der Blechtrommel mit Schlagwerk untermalt.
Beim Begriff Lesung zögern vielleicht manche, die einen kraftvollen Theaterabend erleben wollen.
Es stimmt schon, dass manche bei der Ankündigung „Blechtrommel“ denken, dass ein so gigantischer Roman im Mittelpunkt steht und sie Ehrfurcht haben müssen vor diesem Abend und diesem Monstrum von Literatur. Aber im Gegenteil, es ist eine unglaublich szenische, wunderbare Literatur, die ihren Humor hat, ihre Ironie. Der Oskar Matzerath ist ja ein sehr sarkastischer Reflektor der Zeitgeschichte. Wie er aufhört zu wachsen und die Welt betrachtet aus seiner Perspektive als Kleinwüchsiger, das ist sehr unterhaltsam und einfach ein richtig toller Theaterabend.
Sie sind nicht auf einer Tournee, sondern es sind einzelne Auftritt, für die Sie jeweils anreisen.
Richtig, wir reisen damit von Nord nach Süd, und ich bin jetzt sehr froh, dass wir an diesem Wochenende in Herzogenrath in Nordrhein-Westfalen und dann am Sonntag bei Ihnen in Fellbach zu Gast sein dürfen. Als wir in Lübeck waren, waren zum Beispiel der Leiter und sein Team des Günter-Grass-Hauses da und waren völlig begeistert und haben zu mir gesagt: „Wir haben ja nun wirklich die Blechtrommel nicht nur einmal gelesen, aber das war wirklich großartig.“ Das war schön zu hören, dass diese Menschen vom Fach so angetan waren.
Das ist ja ein ganz schöner Aufwand, dass Sie für einzelne Städte hunderte von Kilometern extra anreisen.
Na ja, wenn ich in Hamburg Theater spiele und ich komme zum Beispiel aus Wien, wo ich zum größten Teil lebe, dann ist das noch eine weitaus längere Strecke, um am Abend auf der Bühne zu stehen. Man kann nicht nur dort, wo man wohnt, seinen Beruf umsetzen, das geht nicht in diesem Genre.
Sie haben ein super Händchen für Stoffe, für Rollen, die bei den Menschen auf Interesse stoßen, die gern gesehen werden und eine gewisse Tiefe haben. Ein Zufall oder schauen Sie genau danach?
Ich bin so wahnsinnig froh, dass ich in letzter Zeit zwei Filme machen konnte, auf die ich sehr stolz bin. Da ist einmal ein Auftritt in unserem Oscar-prämierten Exportschlager „Im Westen nichts Neues“. Und dann bin ich auch sehr froh, weil der immer noch in den Kinos läuft, über „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ nach Joachim Meyerhoffs Biografie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie als Sohn des Anstaltsleiters. Die Rollenbreite im Alter um die 50 ist ja nicht so breit gefächert. Aber das waren zwei Angebote, die so gut funktioniert waren, das sind wirklich zwei Meilensteine für mich.
Wie haben Sie denn Oscar-Verleihung erlebt, nachts stundenlanges Ausharren vor dem Fernseher?
Nein, die habe ich tatsächlich im Bett erlebt – während der Theaterarbeit in Hamburg, da ist man auf jede Mütze Schlaf angewiesen, damit der Text nicht verloren geht. Aber ich habe natürlich am frühen Morgen so schnell wie möglich die Nachrichten angeschaut und mich wahnsinnig gefreut, dass der Film so abgeräumt hat.
Erfolgreicher Schauspieler mit einzigartigem Vornamen
Herkunft
Devid Striesow wird am 1. Oktober 1973 auf der Ostseeinsel Rügen geboren. Seine Ausbildung absolvierte er an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, zum Abschlussjahrgang gehörten Koryphäen wie Mark Waschke, Lars Eidinger, Nina Hoss oder Fritzi Haberlandt.
Erfolge
Mit fast allen seinen Projekten begeistert er das Publikum. 2004 agierte er im von der Fellbacher Drehbuchautorin Maggie Peren geschriebenen Film „Napola – Elite für den Führer“ (2004). Großes Lob bekam Striesow für seine Darstellung als Hape Kerkeling im Kinofilm „Ich bin dann mal weg“. Von 2013 bis 2019 war er der gern auf einer Vespa ermittelnde Hauptkommissar Jens Stellbrink im Saarland-„Tatort“ in der ARD.
Privates
Striesow ist sehr musikalisch, hat eine Gesangsausbildung und spielt Klavier, Gitarre, Mandoline und Violine. Die merkwürdige Schreibweise seines Vornamens hätten seine Eltern gewählt, erläutert er im Gespräch, weil sie „sich von dem biblischen David ein bisschen distanzieren“ wollten. „Ich habe ehrlich gesagt noch nie einen getroffen, der genau so geschrieben wird“, sagt Striesow, der nach Medienberichten Vater von sechs Kindern ist, schmunzelnd.