Lars-Hendrik Röller soll für die Bundesregierung einen erfolgreichen Hamburger Weltwirtschaftsgipfel organisieren. Foto: dpa

Lars-Hendrik Röller berät die Kanzlerin in wirtschaftlichen Fragen. Heute beginnt „sein“ G20-Vorsitz – eine internationale Karriere, die eigentlich ganz anders hätte verlaufen sollen.

Berlin - Seine Auftritte auf der Weltbühne hat er sich als Teenager ganz anders vorgestellt. Damals, Mitte der siebziger Jahre, spielte der deutsche Jugendmeister großes Tennis gegen Ivan Lendl, Yannick Noah und Kevin Curren, die später allesamt Sportgeschichte schreiben sollten. Lars-Hendrik Röller, mit einem Tennisstipendium für die USA ausgestattet, verlor diese Vergleiche und entschied sich bald darauf, den Schläger an den Nagel zu hängen. Er schulte um – so erfolgreich, dass er nun eben doch in der globalen Champions League mitmischt. In der Politik.

Seit gut fünf Jahren hat Röller sein Büro im vierten Stock des Bundeskanzleramtes, Willy-Brandt-Straße 1, 10557 Berlin. „Wirtschafts- und finanzpolitischer Berater der Bundeskanzlerin“ steht auf seiner Visitenkarte. Dieser Job hält den 58-Jährigen auf Trab. Eurokrise, Bankenregulierung, Energiewende, digitale Agenda, internationale Wirtschaftsbeziehungen – Röller und seine 50 Mitarbeiter der Abteilung IV müssen all das vorbereiten, was Angela Merkel zu diesen Themen sagt und entscheidet. Wenn sich die Kanzlerin mit Unternehmern trifft oder mit anderen Staats- und Regierungschefs die Wirtschaftspolitik erörtert, ist ihr Berater stets mit von der Partie – 14 Stunden aufwärts haben seine Arbeitstage.

Nun werden sie noch länger. An diesem Donnerstag beginnt die deutsche G-20-Präsidentschaft. Kanzlerin Merkel ist nun ein Jahr lang eine Art Vorsitzende der wichtigsten Wirtschaftsnationen und Röller ihr „Sherpa“, der sie zu einem erfolgreichen Gipfel Anfang Juli in Hamburg führen soll. Schon in den vergangenen zwölf Monaten haben vorbereitende Telefonate und Treffen mit den engsten Vertrauten von Obama, Putin & Co. die Hälfte seiner Zeit beansprucht. Wenn es jetzt richtig losgeht mit Ministertreffen und dem Formulieren gemeinsamer Beschlussvorlagen, werden es wohl 90 Prozent werden, schätzt Röller.

Die Wissenschaftler erklärt, die Politik handelt

Der Ökonom arbeitet jetzt, ganz unökonomisch, mehr für weniger Geld als im alten Beruf. Vermutlich ist der neue auch ungesünder, zumindest hat Röller die Sportlerfigur nicht ganz halten können. Aber die Aufgabe macht ihm Spaß, hier kann er Globalisierung nicht nur erklären, sondern gestalten – im G-20-Kreis zumal, der sich nach Ausbruch der Finanzkrise gefunden und zum wichtigsten Forum für neue globale Regeln entwickelt hat. Er – und mit ihm die Bundesregierung – will nicht weniger als Licht ins Dunkel der Schattenbankenwelt bringen, dem Terror den Geldhahn zudrehen, den ruinösen Steuerwettbewerb eindämmen und Afrikanern einen Grund geben, nicht nach Europa zu fliehen. Große Aufgaben, deren Erledigung bestenfalls in kleinen Schritten gelingt – und endlose Verhandlungen erfordert.

Gezögert hat der Professor nicht, als im Sommer 2011 ein Nachfolger für den zum Bundesbankchef aufgestiegenen Jens Weidmann gesucht wurde und ein Anruf aus dem Kanzleramt kam. Die Chemie zwischen Merkel und Röller passte, wobei die Tat­sache, dass beide aus der Wissenschaft kommen, keine große Rolle gespielt haben soll. Eher ging es um die Vertrauensbasis und Merkels Führungsstil, der in ihrem engsten Umfeld als wenig hierarchisch und offen für Argumente beschrieben wird. Eine ­Woche nach Amtsantritt im Juli 2011 fand sich Röller schon in einer Nachtsitzung im Brüsseler EU-Ratsgebäude wieder und empfahl der Kanzlerin, wie sie die ­Banken am Schuldenschnitt für Athen ­beteiligen solle.

Ökonomisch vormachen kann ihm kaum einer etwas. Es ging zu Beginn eher darum, Befindlichkeiten und Regeln des Politikbetriebs zu verstehen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Norbert Barthle, heute Verkehrsstaatssekretär, damals Haushaltsexperte seiner Fraktion, erinnert sich an die Skepsis, die dem Quereinsteiger Röller bei seiner Vorstellung im Ausschuss entgegenschlug, wo es schon „sehr wissenschaftlich“ zugegangen sei. Und an die Sorge, dass der Neue die Fußstapfen des „klar strukturierten, politischen Weidmann“ nicht würde ausfüllen können. Vergleichen will Barthle die beiden auch heute noch nicht, weil sie zu unterschiedlich seien: Weidmann, der Geldpolitiker, und Röller, der Ökonom. Eines aber will der Abgeordnete schon sagen, da sich das Themenkarussell weitergedreht hat und nun noch ganz andere Themen wie der Freihandel oder die Wirtschaftsbeziehungen zu China im Fokus stehen: „Da ist der Röller besser.“

Voll des Lobes ist auch EU-Kommissar Günther Oettinger, für den Merkels Berater Hauptansprechpartner im Kanzleramt ist. Eines davon will Röller aber nicht annehmen: Dass nämlich die Frau, die einst verspottet wurde, weil sie das Internet als „Neuland“ bezeichnete, inzwischen kenntnisreich über Chancen und Risiken der digitalen Ära reden kann, hält er im Gegensatz zum Brüsseler Digitalkommissar nicht für sein Verdienst, auch wenn er Spezialist auf diesem Gebiet ist: Röller hat nach dem Ende seines Tennistraums in den USA Informatik studiert; Spezialgebiet: künstliche Intelligenz.

Der Sohn von Wolfgang Röller, dem früheren Vorstandschef der Dresdner Bank, wollte dann doch lieber mehr über das Geschäft seines Vaters wissen. An der University of Pennsylvania schloss er ein Wirtschaftsstudium an. Anschließend ging Röller als junger Professor von 28 Jahren, kaum älter als seine Studenten, an die Business School von Fontainebleau bei Paris. 1994 berief ihn das Wissenschaftszentrum Berlin zum Leiter der Abteilung Wettbewerbsfähigkeit und industrieller Wandel, ein Jahr später bot ihm die Humboldt-Universität den Lehrstuhl Industrieökonomik an. Als Chefvolkswirt der einflussreichen Wettbewerbsbehörde in der EU-Kommission ging er 2003 für drei Jahre nach Brüssel, für das er noch heute schwärmt. Nächste Station war erneut Berlin, wo er die private Wirtschaftshochschule ESMT leitete. In diese Zeit fällt das erste Treffen mit Merkel – als geladener Experte im Kanzleramt.

Merkels Berater treten nie ins Rampenlicht

Nun ist Röller dort der wichtigste Wirtschaftsexperte – im Herzen der Bundes- und Weltpolitik. Die Öffentlichkeit bekommt das nicht mit, sieht oder hört ihn nicht. Die Berater der Kanzlerin – für Europafragen ist Uwe Corsepius zuständig, für die Außenpolitik Christoph Heusgen – treten nicht selbst in Erscheinung. Sie bestimmen im Hintergrund die deutsche Politik stärker mit als viele öffentliche Figuren.

Der Einfluss lässt sich schwer messen. Zufall ist es aber nicht, wenn eine Kanzlerin mit einem in den USA ausgebildeten Wirtschaftsberater trotz allen Protests an die Segnungen des Freihandels glaubt und am TTIP-Abkommen festhält. Röllers Überzeugung, dass nur harte Strukturreformen zu Wettbewerbsfähigkeit führen und dazu, dass die Produkte eines Landes auch gekauft werden, spiegelt sich in der deutschen Griechenlandpolitik. Röllers Sorge, dass Europa ohne Digitaloffensive im weltweiten Vergleich abgehängt werden und seine industrielle Wertschöpfung verlieren könnte, ist auch Merkels Sorge.

Die G-20-Präsidentschaft könnte Röllers Karrierehöhepunkt werden. Die internationale Wirtschaftspolitik liegt ihm näher als die nationale, selbst wenn er mittlerweile auch diese Dossiers aus dem Effeff beherrscht. Beim G-7-Gipfel vergangenes Jahr auf Schloss Elmau leitete Röller schon das bahnbrechende Versprechen in die Wege, die Weltwirtschaft bis Ende des Jahrhunderts CO2-frei zu machen. Am Ende des G-20-Gipfels Anfang Juli sollen weitere Zukunftsversprechen stehen – auch wenn Röller die am Mittwoch im Kabinett verabschiedete Präsidentschaftsagenda bewusst unkonkret gehalten hat, da noch völlig unklar ist, ob sich der künftige US-Präsident Donald Trump und andere überhaupt neue internationale Zusagen abtrotzen lassen.

Unabhängig davon, wie es ausgeht in Hamburg, würde Lars-Hendrik Röller gerne weitermachen. Obwohl er so gut wie nicht mehr zum Tennisspielen kommt. Voraussetzung dafür ist, dass seine Chefin das noch einmal will und die Bundesbürger seine Chefin noch einmal wollen.