Wie geht es weiter mit dem Deutschlandticket? Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) sorgt für Unruhe. Foto: picture alliance/dpa/Sebastian Gollnow

Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) weigert sich, mehr Geld für das 49-Euro-Ticket zu geben. Thomas Hachenberger, Chef des Verkehrsverbundes Stuttgart (VVS) und Sprecher der Verkehrsverbünde in Baden-Württemberg, sieht dies im Interview als einen desaströsen Kurs.

Thomas Hachenberger, Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS), spricht auch für die Verkehrsverbünde im Land. Er ist über die Verweigerungsstrategie von Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) irritiert, der sich nicht mehr an der weiteren Finanzierung des 49-Euro-Tickets beteiligen will – und den Verkehrsverbünden die Verantwortung zuweist, lieber entsprechend Geld zu sparen.

 

Herr Hachenberger, müssen Millionen Fahrgäste befürchten, dass im kommenden Jahr das neue Deutschlandticket gleich wieder abgeschafft wird?

Wir in der Verkehrsbranche machen uns in der Tat Sorgen. Die Länder sind bereit, ihren Anteil am Ticket für 2024 und die Folgejahre zu tragen. Die Zusage des Bundes steht noch aus. Das sorgt inzwischen für maximale Unsicherheit.

Nun ist es Ende September – und es gibt immer noch keine Klarheit. Verbünde und Verkehrsunternehmen müssten aber eigentlich jetzt fürs kommende Jahr planen. Wie dramatisch ist das?

Wir sind absolut an der Deadline. Man muss sich das einmal vorstellen: Wenn das Deutschlandticket scheitern sollte, müssten wir unser ganzes Tarifsystem wieder umkrempeln. Es kann doch nicht sein, dass der Bund beim Konditor eine große Geburtstagstorte bestellt, viele Gäste einlädt – und dann die Hälfte nicht bezahlt.

Bundesverkehrsminister Wissing sieht aber das nötige Einsparpotenzial bei den aus seiner Sicht ineffizienten Verkehrsverbünden.

Ich halte das für ein klares Ablenkungsmanöver. Wissing hat das Deutschlandticket bestellt, er muss seinen Anteil auch dauerhaft zahlen. Die Länder sind dazu bereit. Wir Verbünde haben die Botschaft verstanden. Wir werden bei der Digitalisierung und Tarifharmonisierung in Baden-Württemberg enger zusammenarbeiten bis hin zu Fusionen. Die Einsparungen der Verbünde, gerade auch beim Vertrieb, sind aber überschaubar. Aber ich erlaube mir eine kleine Randbemerkung: Als Verkehrsminister von Rheinland-Pfalz hat Herr Wissing selber vier Verbünde hinterlassen. Allein die Region Stuttgart mit einem Verbund – dem VVS – ist schon fast so groß wie ganz Rheinland-Pfalz. Vielleicht hat er es deshalb so hinterlassen, weil es funktioniert? Wenn man sich Länder wie Hessen ansieht, wo es heute schon größere Verbünde gibt, dann sieht man, dass das dort nicht billiger ist.

Könnte man nicht viel sparen, wenn es das Deutschlandticket, wie Wissing es ursprünglich wollte, nur digital auf dem Handy gäbe?

Wir Verbünde sind doch längst digital unterwegs. Über unsere Fahrplanauskunft geben wir zusammen täglich mehr als drei Millionen Auskünfte. Und so wie der Minister sich das vielleicht vorstellt, dass man Papiertickets und Automaten einfach abschaffen könnte, funktioniert das nicht. Denken Sie an ältere Menschen ohne Smartphone. Und Sie werden immer auch Einzelkunden ohne Abos bedienen müssen.

Sie ärgern sich also über die Attacken?

Ja, durchaus. Ohne Verbünde könnten sie die Ticketeinnahmen und die Zuschüsse von Bund und Ländern nie verteilen. Wenn Verbünde mit ihren Aufgabenträgern das nicht alles organisieren würden, dann gäbe es auch kein Deutschlandticket. Sie wollen doch nicht mit tausenden Verkehrsunternehmen direkt verhandeln? Wir haben viel mehr Aufgaben etwa bei der Nahverkehrsplanung und Fahrgastinformation als nur die Tarife – und sind absolut unser Geld wert.

Und wie geht es jetzt weiter? Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hat in dieser Woche gesagt, dass man Wissing bei diesem Thema nicht mehr vertrauen könne.

Ich hoffe auf das Spitzentreffen der Ministerpräsidenten mit dem Bundeskanzler Anfang November. Da muss endlich ein Machtwort gesprochen werden. Die Fahrgäste erwarten zu recht Klarheit. Und ohne eine klare Perspektive werden wir auch keine neuen Nutzer gewinnen.

Es gäbe ja eine Lösung: Die Fahrgäste mehr zahlen lassen. Sehen Sie eine Tariferhöhung für das Ticket voraus?

Wir müssen sicher auch darüber reden. Aber diese Erhöhung sehe ich nicht zum ersten Januar. Doch im Verlauf des kommenden Jahres könnte das schon passieren und einige hundert Millionen Einnahmen mehr bringen.

Was würde es bedeuten, wenn das Deutschlandticket so schnell wieder scheitern sollte?

Die Politik würde gegenüber den Bürgern enorm Vertrauen verspielen. Viele Menschen haben sich ein Deutschlandticket wegen des damit verbundenen Versprechens gekauft und sind teilweise vom Auto umgestiegen. Es wäre für das politische Klima im Land ein wirkliches Desaster.

Stimme der Verkehrsverbünde

VVS-Chef
Thomas Hachenberger ist seit 2004 Geschäftsführer des Verkehrs- und Tarifverbundes Stuttgart GmbH (VVS). Hachenberger ist als einer von zwei Geschäftsführern im VVS verantwortlich für die Abteilungen Planung und Betriebswirtschaft. Seit August führt er den VVS mit der neuen, zweiten Geschäftsführerin Cornelia Christian. Hachenberger ist Sprecher der Verkehrsverbünde in Baden-Württemberg und ist im Präsidium des Verbandes deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) einer der vier Repräsentanten von Verbünden.

Bahnpendler
 Hachenberger (62) ist Diplom-Betriebswirt. Der – wie er selber sagt – stolze Opa einer Enkelin wohnt in Vaihingen Enz. Als Pendler fährt er gerne mit dem Rad zum Bahnhof. Aber er fahre morgens erst los, wenn er den aktuellen Verspätungsstand der Bahn gecheckt habe.