Die deutschen U-21-Fußballer haben Europas Gipfel erstürmt. Einige Spieler gingen dabei den ungewöhnlichen Weg über die zweite Liga oder das Ausland. Was steckt dahinter?
Stuttgart - Natürlich hatte sie Stefan Kuntz heiß gemacht ohne Ende. Er habe in seinen Ansprachen „Löwenherzen“ und „Adleraugen“ eingefordert. Damit nicht genug der tierischen Tipps: Gefragt war auch eine „Hyänenbande, die zwar keiner leiden kann, aber die zum Schluss immer kriegt, was sie will.“ Der U-21-Bundestrainer plauderte nach dem EM-Triumph im Finale gegen Portugal (1:0) aus dem Nähkästchen. Die Einstellung und die Siegermentalität dieses verschworenen Haufens verschmolz mit der individuellen Qualität der Spieler.
Nmecha zündet erst in Anderlecht
„Die Jungs, die hier gespielt haben, sind etwas sehr Besonderes“, schwärmte Kuntz von seinem außergewöhnlichen Jahrgang. Er galt zumindest in der Breite nicht als der talentierteste. Viele Namen waren der Öffentlichkeit nicht zwingend geläufig. Das lag auch daran, dass die Spieler auf dem Weg zum EM-Gipfel bisweilen ungewöhnliche Wege einschlugen. Der überragende Mittelfeldmann Niklas Dorsch etwa spielte im vergangenen Jahr noch beim 1. FC Heidenheim in der zweiten Liga, inzwischen in Belgien bei KAA Gent. David Raum, Paul Jaeckel oder Anton Stach sind mit der SpVgg Greuther Fürth gerade in die erste Liga aufgestiegen, genauso Vitaly Janelt als Stammspieler des Brentford FC in England. Mergim Berisha und Karim-David Adeyemi entwickelten sich bei Red Bull Salzburg (oder im Farmteam FC Liefering) entscheidend weiter, Lukas Nmecha, der Siegtorschütze im Finale, zündete erst beim RSC Anderlecht.
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„Das alles Entscheidende für Spieler im Alter zwischen 18 und 20 ist, dass sie Spielpraxis sammeln“, sagt Rainer Adrion, selbst von 2009 bis 2013 für die U21 des DFB verantwortlich. Dies ist bei deutschen Bundesligisten häufig schwierig zu realisieren. Und niederklassig, etwa im Regionalliga- oder gar Oberligateam eines Proficlubs, sollten die Talente auch nicht zu lange am Ball sein. „Sind die Spieler ein, zwei Jahre unterfordert, dann stagnieren sie“, weiß Adrion.
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Ausgeprägte Athletik
Eine kluge Karriereplanung führt die Asse von morgen immer häufiger ins Ausland. Zum Beispiel nach Belgien. „In unserer Jupiler Pro League werden die Spieler sowohl technisch als auch körperlich voll gefordert“, berichtet Alexander Blessin, der Erfolgscoach von KV Oostende. Die Philosophie der allermeisten Vereine in dieser Liga sieht vor, auf sehr junge Spieler zu setzen. Hinzu kommt, dass durch die ausgeprägte Athletik der vielen afrikanisch-stämmigen Spieler die Robustheit gefördert wird. „Lukas Nmecha hat davon in Anderlecht sehr profitiert. RSC-Trainer Vincent Kompany baut voll auf ihn, erlaubt ihm auch Fehler, dieses Vertrauen ist in jungen Jahren extrem wichtig“, erklärt Blessin.
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Ähnlich liegt der Fall bei Niklas Dorsch. Ihn hatte Rainer Adrion schon zu dessen U-17-Zeit beim FC Bayern München auf dem Schirm. „Der konnte extrem gut kicken, war Kapitän und damals schon absoluter Führungsspieler seiner Mannschaft“, erinnert sich das VfB-Präsidiumsmitglied. Im Profiteam des deutschen Rekordmeisters konnte sich der Mittelfeldstratege aber nicht durchsetzen. Wie Dorsch geht es auch anderen Toptalenten von Spitzenclubs, weshalb es kein Zufall ist, dass von den aktuellen U-21-Europameistern kein Spieler vom FC Bayern München oder von Borussia Dortmund dabei ist. „Wobei aufgrund der riesigen Konkurrenz in den Nachwuchsleistungszentren der Topteams manche Spieler schon in der U19 durchs Raster fallen“, sagt Blessin. Was aber nicht ausschließt, dass sie über Umwege doch noch zu einer erfolgshungrigen Hyänenbande dazustoßen.
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