Auf Hochglanz poliert: Die Ausschankanlage in der Wandelhalle. Foto: Staatsbad Bad Kissingen

Ohne sein Heilwasser wäre Bad Kissingen wohl auch heute noch ein Kaff. Ein Streifzug durch den Kurort anlässlich des Weltwassertages am Dienstag.

Es war einmal ein Bauer um das Jahr 1500, dessen Kühe waren gesund und kräftig. Die Rinder der Nachbarn jedoch waren krank und schwach. Keiner wusste, warum - bis den Bauern eines Tages auffiel, dass die kräftigen Tiere von einer Quelle tranken, die auf einer Wiese außerhalb des Städtchens entsprang, während die anderen ihren Durst an Brunnen und Bächen auf der anderen Seite der Stadt stillten - Bad Kissingens erste Heilquelle war entdeckt. So will es zumindest die Legende und Führer Josef Kiesel erzählt sie seinen Gästen gerne, veranschaulicht sie doch, welche märchenhaften Wunderkräfte in dem Wasser stecken, das aus dem „unbedeutenden Städtchen Kissingen“ das machten, was es heute ist, nämlich laut Emnid-Umfrage Deutschlands bekanntesten Kurort.

Die Wirkung der Heilwässer

Während der neuen Führung „Heilwasser im Wandel der Zeit“ lernen die Teilnehmer nicht nur den in der Legende beschriebenen Maxbrunnen kennen, sondern auch die anderen Heilquellen der Stadt. Sieben sind es insgesamt, drei Bade- und vier Trinkquellen. „Jede ist in ihrer Zusammensetzung der Mineralstoffe und Spurenelemente einzigartig“, weiß Kiesel und führt seine Gäste zu den Brunnen im Kurgarten, wo die Trinkquellen in Pavillons oder Tempelchen untergebracht und ganzjährig zugänglich sind. Bevor man dort seinen Durst stillt, sollte man jedoch erst bei den Brunnenfrauen in der Wandelhalle vorbeischauen, rät Kiesel. Sie beraten jeden Gast individuell zur Wirkung der Heilwässer. Die Meinung einiger Kurgäste „Viel hilft viel“ könne fatal sein, sagt Kiesel grinsend, der als geborener Bad Kissinger die Wirkung der verschiedenen Heilwässer bereits in Kindertagen erforschte. Und nicht jedes Wasser sollte man kalt trinken. „Auch das kann zu Durchfall führen“, ergänzt Anette Sell, eine der vier Brunnenfrauen, die zweimal täglich hinter einem goldglänzenden Röhrenwerk aus Phosphorbronze steht, um das Heilwasser persönlich an die Kurgäste auszuschenken. Wer seinen Körper „entschlacken“ will, dem empfiehlt Sell Wasser aus dem Maxbrunnen. Für Verdauungsstörungen und Darmträgheit sei dagegen eine Trink-Kur von der Rakoczy-Quelle besonders geeignet. „Trinken Sie das Wasser schluckweise und beim langsamen Gehen. Dann nimmt der Körper die Mineralstoffe und Spurenelemente besser auf.“

Dass Heilwasser zahlreiche Erkrankungen lindern oder sogar heilen und Mineralstoffmangel vorbeugen kann, ist seit der Antike bekannt. Ihre Blütezeit erlebten Trink-Kuren in Europa im 19. bzw. angehenden 20. Jahrhundert. Auch in Bad Kissingen gaben sich seinerzeit in den Hotels und Sanatorien die Schönen und Reichen die Klinke in die Hand. „Im Jahr 1864 flanierte der gesamte europäische Hochadel hier entlang. König Ludwig II. von Bayern, seine Cousine Sisi, die Kaiserin von Österreich-Ungarn, der russische Zar Alexander II. und seine Gattin“, sagt Josef Kiesel und deutet auf die Promenade beim Rosengarten, wegen dessen Blütenpracht die Kurstadt im Sommer 2012 den Titel Rosenstadt erhielt. Noch heute kämen viele Sisi-Fans nach Bad Kissingen, ergänzt er und deutet auf den Altenberg, der sich wie ein Kegel unweit der Altstadt erhebt. „Sie wandern dann dort rauf, denn dort hat sich Sisi besonders gern aufgehalten.“ Wie bei den Kühen half Kommissar Zufall übrigens auch nach, als die heilsame Wirkung des Bad Kissinger Wassers als Aerosol entdeckt wurde. Denn der wichtigste Wirtschaftszweig der Stadt war lange nicht etwa die Kur, sondern die Salzgewinnung. Um die Salzkonzentration zu erhöhen, ließen die Kissinger das salzhaltige Wasser des sogenannten Runden Brunnens durch aufgeschichtete Schwarzdornhecken - den Gradierbau - rieseln. „So konnte die Natursole, die meist nur einen Salzgehalt von nur drei Prozent hatte, durch Verdunstung des Wassers auf 25 Prozent erhöht werden“, erläutert Kiesel. Irgendwann sei aufgefallen, dass die Menschen, die am und um den Gradierbau arbeiteten, weniger oft krank waren als andere. Was war passiert? „Beim Verdunsten gelangten Salzteilchen in die Luft. Inhaliert stärken diese Salzteilchen das Immunsystem.“ Während die Salzgewinnung 1968 eingestellt wurde, wird der Gradierbau bis heute im Sommer für Inhalationen genutzt.

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