Ein Spaziergang durch die Dünen beim Leuchtturm im Sylter Promiort Kampen ist ein Vergnügen - und kostenlos. Foto: Claudia Weimann

Auf der Insel der Reichen und Schönen in der Nordsee kann man auch preiswert Urlaub machen. Unser Autor gibt Tipps für Familien.

Hörnum - Am frühen Abend dieses herrlich sonnigen Sommertags erreicht der Zug aus Süddeutschland die Endstation Sehnsucht. Westerland, Sylt. Melanie Pollmeier hat fünf Kinder im Schlepptau. Den achtjährigen Frederick, die elfjährige Clara, Jan-Philipp (14) sowie zwei Freunde der eigenen Sprösslinge: Julius (elf) und Robert (15). Das Sextett steigt in Westerland sofort in den Bus in Richtung Süden - und in Hörnum wieder aus. In dem südlichsten Dorf auf Deutschlands nördlichster Insel beziehen die Urlauber in der Jugendherberge für eine Woche ein Sechsbettzimmer. Karl Dall, Komiker und Dauergast auf der Insel der Reichen und Schönen, hat früher gerne gelästert, Hörnum sei „die DDR von Sylt“. Nix los, alles ein bisschen verlottert, dafür billig. Lange her. In den siebziger Jahren konnten Familien mit Kindern vielerorts in Hörnum tatsächlich noch vergleichsweise preiswert unterkommen.

Seit das Fünf-Sterne-Hotel Budersand am Oststrand und ein Appartementhaus der Schweizer Hapimag-Gruppe eröffnet worden sind, steigen auch in Hörnum die Preise rasant. In einem Schaufenster auf der Hauptstraße in Richtung Strand werden Immobilien angeboten - zu haben ist derzeit zum Beispiel eine „Einzimmer-Wohnung am Strandübergang“ für schlappe 295 000 Euro. Die Gebäudepreise korrespondieren mit den Kosten für Hotelzimmer und Ferienwohnungen. Viele Urlauber kommen gar nicht erst auf die Idee, dass sie sich Sylt trotz dieser Entwicklung noch leisten könnten. Ein Trugschluss. Melanie Pollmeier ist Pfarrerin in der Schweiz, ihr Mann arbeitet als Journalist.

Zwei Einkommen, aber trotzdem, sagt sie: „Ein Hotel auf Sylt ist für uns nicht drin.“ Am dritten Tag ihrer Syltwoche sitzen die deutsche Theologin mit Wohnsitz im Nachbarland und die fünfköpfige Rasselbande im Foyer der Jugendherberge. Alle schwärmen. Vom schier endlosen Strand, von der guten Luft, von der Schiffsfahrt zu den Seehundsbänken und der Arche Wattenmeer. Sylt, sagt Frau Pollmeier, sei seit fast zwei Jahrzehnten ihr „Ziel der Sehnsucht“. 1995 war sie - damals noch Studentin - das bis dato einzige Mal auf der Nordseeinsel. Immer wieder hätten sie und ihr Mann über Sylt nachgedacht, und die Urlaubspläne dann doch wieder begraben, wegen der stolzen Hotelpreise.

Urlaub in der Jugendherberge

In der Jugendherberge indes sei ein Urlaub auch nicht teuerer als in weniger mondänen Orten. Eher preiswerter. Selbst eine Stippvisite in der Kultkneipe Sansibar, die der Schwabe Herbert Seckler seit Jahrzehnten in den Dünen bei Rantum betreibt, muss kein Tabu sein. Mit ein bisschen Glück ergattern die Besucher tagsüber einen Platz im Strandkorb am hauseigenen Spielplatz. Ein Sansibar-Klassiker, die Kartoffelsuppe mit Würstchen und dazu ein Stück Apfelkuchen, ist auch für Leute mit kleinerem Geldbeutel erschwinglich: sieben Euro. Eine Strandwanderung von der Jugendherberge in Hörnum zur Sansibar dauert je nach Kondition etwa eineinhalb Stunden. Die Herbergseltern Gabriele und Leander Wehrheim, die das Haus in den Dünen seit 25 Jahren leiten, berichten, dass zu den Stammgästen viele Familien gehören, aus Deutschland, aus Österreich und aus der Schweiz.

Ein Vierbettzimmer koste für alle inklusive Vollverpflegung 112,40 Euro am Tag, sagt Frau Wertheim. Zusätzlich müssten die Gäste nur noch die Kurtaxe bezahlen, Erwachsene täglich 2,60 Euro, Kinder bis 18 Jahre sind frei. Mehrkosten seien nicht unbedingt erforderlich, denn auf Sylt gibt es einiges für umme. Die Wertheims haben für ihre Gäste jede Menge Tipps parat, Vorschläge für Ausflüge, die gar nichts oder nicht viel Geld kosten. Auch Fahrradfahren gehört zu den Empfehlungen, allerdings mit Einschränkungen, wegen der steifen Brise, die an der Küste oft weht. „Leihen Sie sich das Rad lieber erstmal nur einen Tag lang aus und testen Sie die Bedingungen“, das hat die Herbergsmutter auch Frau Pollmeier geraten. Wer daheim regelmäßig in die Pedale tritt und ein bisschen trainiert ist, der hat auf Sylt seine wahre Freude beim Biken.

"Die Insel ist bei jedem Wetter toll"

Und wer das eigene Rad mitbringt, den kosten die Ausflüge auf der etwa 40 Kilometer langen Insel gar nichts, außer den ein oder anderen Schweißtropfen. Der Hauptradweg führt von Hörnum bis hinauf in den Inselnorden nach List. Manche Ziele sind nur mit dem Zweirad zu erreichen, etwa das Rantumer Becken, das von einem fünf Kilometer langen Deich umgeben ist. Das Gute beim Radeln auf Sylt: Man kann sich nicht wirklich verfahren, die Insel ist schmal, der Biker erreicht allerorten ganz schnell das Wasser und kann sich orientieren. Und weil es auf Sylt fast überall schön ist, bringen Umwege die Ausflügler mitunter zu den tollsten Plätzen.

Wer in der Jugendherberge am Vormittag aufbricht, nimmt sich am besten ein dickes Lunchpaket mit und ist bis zum Abend unabhängig. Melanie Pollmeier erzählt, dass die Herbergseltern ihre Gäste beim Frühstück ermutigten, ordentlich Proviant einzupacken, lieber etwas zu viel als zu wenig. Was gefällt den Kindern, die in den Schweizer Bergen leben, auf Sylt am besten? Blöde Frage. Der Strand natürlich, sagt Frederick, der Jüngste. Die Insel, sagt seine Mutter, „ist bei jedem Wetter toll.“ An einem verregneten Tag besuchen viele Urlauber die Schutzstation Arche Wattenmeer am Hörnumer Ortseingang.

Das Informationszentrum ist in einem ehemaligen Kirchengebäude untergebracht. Herzstück der Schutzstation ist eine hölzerne Arche, die die Artenvielfalt im Wattenmeer präsentiert. „Passagierliste der Arche Wattenmeer“, heißt es auf einem Schild, darüber sind „alle 8156 überlebenden Arten der Inseln und Salzmarschen“ aufgeschrieben. Erinnert wird auch an jene Arten, die es heute nicht mehr gibt, zum Beispiel an die Europäische Auster, die nach der Einführung motorisierter Kutter mehr und mehr gefangen wurde und die es seit 1930 in der Deutschen Bucht nicht mehr gibt. Die Schutzstation bietet bis September Watt- und Strandwanderungen, Seevogelführungen und manches mehr an - „und das alles kostet nichts“, sagt Frau Pfarrerin und staunt. Die Veranstalter bitten allerdings um Spenden. Gut möglich, dass die Familie im nächsten Jahr wiederkommt nach Sylt, dann womöglich zusammen mit dem Vater, der diesmal daheim in der Schweiz bleiben musste. Nein, nicht weil das Geld nicht gereicht hätte für ein weiteres Bett in der Jugendherberge. Herr Pollmeier musste arbeiten.

Fan werden auf Facebook: https://www.facebook.com/fernwehaktuell

Infos zu Sylt

Anreise
Laut Auskunft der Bahn kann eine Familie mit Kindern unter 15 Jahre mit dem Quer-durchs-Land-Ticket für 52 Euro mit dem Zug von Stuttgart nach Westerland fahren (frühzeitige Buchung notwendig, Infos unter www.bahn.de ). Wer lieber mit dem eigenen Auto fährt, sollte die Wochenmitte zu An- und Abreise wählen. An den Wochentagen Dienstag bis Donnerstag kostet die Überfahrt mit dem Sylt-Shuttle 77 statt 90 Euro ( www.syltshuttle.de ).

Unterkunft
Auf Sylt gibt es drei Jugendherbergen - in Hörnum, List und Westerland. In Hörnum kosten eine Übernachtung inklusive Vollverpflegung im Mehrbettzimmer ab 27,60 Euro, im Einzelzimmer ab 35,60 Euro, www.jugendherberge.de . In Hörnum, Rantum, Westerland, Tinnum, Morsum, Wenningstedt und Kampen gibt es Campingplätze, in Rantum ist auch ein Mobilheim mit zwei Schlafzimmern zu haben, in der Nebensaison für 85 Euro am Tag. Infos unter: www.sylt.de/planen-buchen/camping-auf-sylt.html

Unterhaltung
Fast täglich gibt es kostenfrei Livemusik in der Musikmuschel auf der Strandpromenade in Westerland. Frei ist auch die Teilnahme bei der Strandgymnastik in Westerland. Auf dem Boulodrom in Kampen kann man kostenlos eine ruhige Kugel schieben, www.sylt.de .

Der Besuch der Schutzstation Arche Wattenmeer kostet für eine Familie 13 Euro, www.schutzstation-wattenmeer.de .

Unterwegs
Mietfahrräder kosten am Tag circa sieben Euro, 37 Euro pro Woche, Mietwagen etwa 30 Euro am Tag. Selbst in der Inselhauptstadt Westerland gibt es Parkplätze, die keine Gebühren kosten, zum Beispiel im Parkhaus beim zentralen Busbahnhof. Eine Sieben-Tages-Familienkarte für den Bus kostet 99 Euro ( www.svg-busreisen.de ). Manche Urlauber fahren auf Sylt gerne kostenfrei: per Anhalter kommt man auf der Insel immer noch gut voran.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: