Zehn Halligen zählen zum deutschen Nationalpark Wattenmeer - und eine Wattwanderung zu ihnen gilt als kleines norddeutsches Abenteuer. Foto: Tourismusservice Pellworm

Die Hallig Nordstrandischmoor zählt zu den kleineren in Schleswig-Holstein - gerade deshalb lohnt sich eine Wattwanderung dorthin.

Munter klappern die Kuchengabeln auf den Tellern. Der frische Apfelkuchen aus dem Halligkrog ist schnell verputzt. Die Sonne schaut hungrig zu und lauscht den Gesprächen der wenigen Tagesgäste, die es auf die nordfriesische Hallig Nordstrandischmoor verschlagen hat. Hier, auf der Niewarft im Westen der Marschinsel, sitzt Hilde Erichsen mit ein paar Wattwanderern unter den Sonnenschirmen der Gaststätte und macht eine Pause. Eine Kaffeepause. Und eine Zwangspause. „Wir haben Ostwind“, erklärt die ehemalige Nationalparkführerin, die Gästen ihrer Ferienwohnungen Wanderungen nach Nordstrandischmoor anbietet. „Das Wasser läuft dadurch zwar auf, ist aber 30 Zentimeter niedriger als normal.“ Das Schiff, das die Tagesgäste am Anleger der Hallig wieder abholen soll, kommt heute daher später. Also erteilt Erichsen den Wanderern eine gemütliche Lektion in dem, was hier lebenswichtig ist: abwarten, Pharisäer trinken und die Natur genießen. Das Leben und der Tagesablauf auf Nordstrandischmoor richten sich nämlich nur nach einem: den Gezeiten. Schon für die Anreise gilt ein Zauberwort. Tideabhängig heißt es. Denn die Ausflugsschiffe fahren die Hallig nicht täglich an und starten jedes Mal zu einer anderen Zeit. Wie es Flut und Ebbe eben wollen. Ist das Wasser zu hoch, kommt ohnehin niemand auf das 175 Hektar große Eiland mitten im Meer. Ist es zu niedrig, verbinden nur die kleinen mit Diesel betriebenen Waggons die Hallig über den Lorendamm mit dem Beltringharder Koog, dem Festland.

Die Wanderung durchs Wattenmeer

Die allerschönste Möglichkeit aber, nach Nordstrandischmoor zu gelangen, ist die durchs Wattenmeer. Zu Fuß. Bei Ebbe. Wer seine Socken und Schuhe kurz hinter dem Deich von Lüttmoorsiel in den Rucksack packt, wird einen nahezu zweistündigen geführten Spaziergang erleben, der sich schon wie ein ganzer Urlaub anfühlt. Inklusive Sonnenbad, unterhaltsamen Biologieunterrichts und Quiz in Sachen Fußspuren. Denn der Vogel, der hier kurz vor Hilde Erichsen und ihrer Gruppe langgewatschelt ist, scheint auf ganz schön großem Fuß zu leben. Nur zu wem gehört dieser Abdruck im Watt: zu einem Austernfischer? Oder einem Säbelschnäbler? Der matschige Sand klebt an den braun gebrannten Händen der Nationalparkführerin. Mal hebt sie einen strampelnden Krebs auf, mal ein leeres Schneckenhaus. Still ist es hier draußen, irgendwo im Nirgendwo. Im Hintergrund schimpfen Austernfischer über die schlickfüßigen Eindringlinge, die im Gänsemarsch durch das Territorium waten. Das Grün der Rasenhügel leuchtet so satt, als wäre es eine wundersame Oase, die sich im Braungrau des Wattenmeeres versteckt. Je mehr das Festland am Horizont schrumpft, desto näher kommen die fünf Warften.

Auf Nordstrandischmoor leben zurzeit 24 Menschen. Außerdem gibt es vier Schüler, die von einem Lehrer in einer der kleinsten Schulen Deutschlands unterrichtet werden: auf der Amalienwarft. Die Warften mit ihren Wohnhäusern sind das Einzige, was bei Hochwasser noch aus dem Meer ragt. Und bei Sturmflut können sie schon einmal nahezu verschwinden. Wer es gern derart dramatisch mag, der wird auf der Niewarft fündig: Die Scheune der Familie Glienke ist nämlich ein umfunktionierter Kinosaal. Zwischen den urigen Exponaten aus der Hallighistorie läuft ein Film, der von den Sturmfluten erzählt. Im Winter übernimmt nämlich das Wetter mit Land unter und Sturmfluten die Regie. „Das ist kein Grund zur Sorge, jedes Haus hier hat einen Bunker, der vor Sturmflut schützt“, sagt Ruth Hartwig-Kruse, die auf der Norderwarft wohnt. Aus dem Actionfilm wird eine Liebeserklärung. Warum die Halligbewohner ihr grünes Paradies als „Traum im Meer“ bezeichnen? Weil sich im Herbst die Salzwiesen ganz in Gelbtönen zeigen, über die die Stürme hinwegfegen. Weil der Halligflieder die Wiesen im Sommer violett färbt, die Hallig wird ein Farbklecks im Meer. Strahlend gelb leuchtet in der Sonne der einzige Briefkasten. Er bekommt wenig Nahrung. Viel hat der Postbote hier draußen nicht zu tun. Eine Telefonzelle gibt es gar nicht erst. „Wir trommeln immer noch“, sagt Ruth Hartwig-Kruse und grinst. Tatsächlich betreibt die Halligbewohnerin eine Facebook-Seite für Nordstrandischmoor. Mehr als 1700 „Gefällt mir“-Angaben hat sie schon gesammelt. Von Nordseeliebhabern und Wattwanderern, von Urlaubern. In den fünf Ferienwohnungen auf Nordstrandischmoor haben 16 Gäste Platz. Kein Supermarkt, kaum Bäume, nur Abgeschiedenheit - und ganz viel Meer.

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