Wer keine Lust hat, gegen den Wind zu radeln, kann sich auf Hiddensee auch bequem kutschieren lassen. Foto: Eichler

Auf Hiddensee herrscht himmlische Ruhe. Hauptverkehrsmittel sind Fahrrad und Kutsche. Das Klacken der Pferdehufe dirigiert den Alltag..

Kloster - Irgendetwas stimmt hier nicht. Olfaktorisch betrachtet jedenfalls. Klar: Es riecht nach Salz und Tang, wie das nicht anders sein kann an der See. Es duftet nach Räucherfisch, den es am Hafen köstlich frisch aus dem Ofen gibt. Gräser und Weiden, Blüten und Früchte stecken im Wind. Und der Geruch von Pferden und ihren frisch abgelegten Äpfeln - kein Wunder, hier leben mehr Rösser pro Mensch als irgendwo sonst in Deutschland. Aber woher stammt diese unglaubliche Frische? Die Erleuchtung kommt nicht sofort, dafür aber umso intensiver: Was fehlt, ist die Komponente Verbrennungsmotor. Es gibt sie weder als Nasenstinker noch als Nervtöter - ein höchst ungewohnter, höchst angenehmer Zustand. Maximal zwei Dutzend Autos bilden den motorisierten Fahrzeugbestand auf Hiddensee: Arzt, Polizei, Feuerwehr, ein paar Versorger.

Fahrräder sind das Hauptverkehrsmittel

Alle zwei Wochen schippert ein Müllauto von Rügen herüber. Das war’s. Urlaubsgepäck transportiert man wie anno dunnemals vom Hafen zum Bett per Handwagen oder Kutsche. Fahrräder sind das Hauptverkehrsmittel, Pferde stehen für Taxi- oder Planwagenfahrten bereit. Das Resultat: Hiddensee verwandelt Lärm in Stille, Hektik in Ruhe. „Dat söte Länneken“, wie es die Einheimischen liebevoll nennen, ist stressfreie Zone. Hier zerhackt kein Ampeltakt das Schlendern und Radeln auf Straßen und Wegen, hier dirigiert das Klack-klack-klack der Pferdehufe den Rhythmus von Leben und Urlaub. Shopping-Malls, Vergnügungscenter und Schickimickitreffs hat sie nicht nötig. Ihre Verführungskünste sind subtiler. Auf knapp 19 Quadratkilometern verblüfft eine enorme Landschaftsvielfalt: endlose Sandstrände, Klippen, Salzwiesen, heideüberwucherte Dünen, Reet-Dickichte, Sanddornhecken, violette Heideteppiche, winddurchrauschter Wald. Nichts wie rauf aufs Rad für eine erste Erkundungstour.

Hiddensee ist ein 17 Kilometer langer Wellenbrecher von der Form eines Seepferdchens und Teil des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft. Am Südzipfel nicht viel mehr als eine 300-Meter-Sandbank, am Nordende fast vier Kilometer breit und mit 72 Metern eine echte Kante. Auf dem Weg zum Leuchtturm am Dornbusch wird es dort stellenweise so steil, dass Leute ohne elektrischen Hilfsmotor am Radel gehörig ins Strampeln und Schwitzen kommen. Umso schöner ist die anschließende Abfahrt. Wahlweise ins winzige Dorf-Idyll Grieben oder zurück nach Kloster, ins kulturelle und kirchliche Herz der Insel. Von dort wiederum sind es nur Katzensprünge ins moderne Vitte und weiter ins denkmalgeschützte Neuendorf. Unterwegs gibt es genügend Gründe für ausgiebige Pausen. In Kloster das Inselmuseum mit einer Replik des berühmten Hiddenseer Goldschatzes. Die Kirche mit Tonnengewölbe, Rosenhimmel und putzigem Taufengel an der Decke. Das Haus des Dichters und Dramatikers Gerhart Hauptmann natürlich, der wie viele andere Prominente so sehr dem Charme der unprätentiösen Schönen verfiel, dass er viele Sommer hier entspannte.

„Wenn ich jemals hier wegmüsste, ich würde mich aufhängen“

Die Natur tut ihr Übriges: Manch einer nutzt die Radelpausen und stakst nimmermüde in der See herum auf der Suche nach einem Bröckchen Bernstein. Romantiker kuscheln sich liebend gern in Dünenbuchten. Esoteriker legen stundenlang Steinkreise am einsamen Strand. Und ganz Harte stürzen sich nackt in die noch empfindlich kühlen Fluten. Hiddensee, so scheint es, macht jedermann glücklich. „Wenn ich jemals hier wegmüsste, ich würde mich aufhängen“, grinst Stephan Wolter mit dem stahlharten Charme des Norddeutschen. Auf Hiddensee ist er geboren und bis heute verwurzelt geblieben. Wie die meisten der etwas mehr als 1000 Insulaner lebt er vom Tourismus. Mit seinem Pferdewagen kutschiert er Gäste zu den schönsten Ecken der Insel. Eine Tour zum mit der Zunge schnalzen. Nicht nur, weil Wolter seinen Gaul sicher etwa durch die einzigartige Dünenheide dirigiert und immer mal spontan einen Abstecher macht zu versteckten Aussichtspunkten oder verträumten Winkeln. Nicht nur, weil er eine Menge zu sagen weiß über Charakter und Besonderheiten von Land, Landschaft und Leuten, sondern vor allem, wie er das tut, bleibt nachhaltig in Erinnerung.

Mit frechen Sprüchen, derbem Humor und schnoddriger Schnauze unterhält er seine Gäste. Da bleibt kein Auge trocken. Vor Vergnügen. Zum Abschied bricht er noch eine Jahres zeiten-Lanze für sein geliebtes Eiland. „Wer wirklich mal Stille ins konzentrierter Form haben will, muss im Winter kommen“, so Wolters nachdrückliches Plädoyer. Er schwärmt vom Raureif auf den Nadelpuscheln der Windflüchter. Von den glitzernden Eisbarrieren auf dem Bodden, der jedes Jahr zuverlässig zufriert. Vom Fährschiff „Vitte“, das dann immer wieder das Eis bricht, um die Fahrrinne zur Insel Rügen und damit die Verbindung zur Außenwelt offen zu halten. Und - weil eben kaum jemand da ist - von der unglaublichen Ruhe auf dieser unglaublichen Insel. Selbst Fahrradfahren sei dann keineswegs unmöglich. Und dass es auf Hiddensee nur Ferienwohnungen ohne Heizung gäbe, sei wirklich nur üble Nachrede böswilliger Konkurrenz auf dem „Kontinent“.

Infos zu Hiddensee

Anreise
Über Ostseeautobahn, Stralsund und Rügenbrücke zum Fährhafen Schaprode. Von dort legen mehrmals täglich Schiffe nach Hiddensee ab. Preisbeispiel: Schaprode-Kloster und zurück: 21 Euro.

Verkehr und Kutschfahrten
Der Inselbus verkehrt zwischen allen vier Orten (Tageskarte: 4,30 Euro). Fahrräder gibt es bei Verleihern in allen Orten (ab 6 Euro/Tag). Kutschfahrten zwischen Kloster und Neuendorf kosten im Schnitt 10 Euro/Person, Spezialtouren wie bei Stephan Wolter 40 Euro/Stunde, Tel. 03 83 00 / 349.

Unterkunft
3000 Gästebetten gibt es. Preisbeispiele: Hotel Hitthim in Kloster, DZ/HP ab 90 Euro, www.hitthim.de ;

Hotel Godewind in Vitte, ab 79 Euro DZ/F, www.hotelgodewind.de ;

Apartmenthaus Windflüchter in Neuendorf, Wohnung ab 52 Euro www.windfluechter.m-vp.de .

Allgemeine Informationen
Insel Information Hiddensee, Tel. 03 83 00 / 64 20; www.seebad-hiddensee.de und www.auf-nach-mv.de .

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