Tristesse pur: Jamal Musiala und Manuel Neuer können das Aus nicht fassen. Foto: imago/Jan Huebner

Das Team von Julian Nagelsmann kassiert im Viertelfinale von Stuttgart in der 119. Minute das 1:2 gegen Spanien. Am Ende herrscht Tristesse pur im deutschen Lager – aus diesen Gründen.

Schluss. Aus. Vorbei. Was für ein Drama für die DFB-Elf in Stuttgart. Alles deutete an diesem dramatischen Fußballabend auf ein Elfmeterschießen hin im EM-Viertelfinale. Und dann, ja dann kam die 119. Minute. Ein Moment der Unachtsamkeit in der deutschen Abwehr, Flanke von Dani Olmo, Kopfball von Mikel Merino zum 2:1 für Spanien – der das Ende aller deutschen Titelträume beim Heimturnier bedeutete. Der Stecker war gezogen am Freitagabend.

 

„Es ist traurig, dass es vorbei ist“, sagte Stürmer Niclas Füllkrug: „Man hat ein Gemeinschaftsgefühl in Deutschland gehabt, das hatte man lange nicht mehr so.“ Es sei aber, so Füllkrug, gerade noch kein Stolz da, denn: „Es wird von Sekunde zu Sekunde härter, das Aus zu realisieren.“ Sportlich fiel die Analyse von Joshua Kimmich aus. „Die Niederlage fühlt sich ungerecht an“, sagte er, „in der zweiten Hälfte und in der Verlängerung waren wir deutlich besser, Spanien wollte sich nur noch ins Elfmeterschießen retten.“

Ein paar Minuten nach Kimmich sprach Bundestrainer Julian Nagelsmann. Er kämpfte mit den Tränen – und haderte mit dem Schicksal: „Es tut weh, weil es zwei Jahre dauert, bis man es beim nächsten großen Turnier besser machen kann und Weltmeister wird – und ein Heimturnier wird wahrscheinlich auch in meiner Karriere nicht mehr kommen.“

Als es am Freitagabend knapp drei Stunden vorher noch ausschließlich um sportliche Dinge ging, hatten die Spanier als Ouvertüre des Dramas von Stuttgart den ersten Torschuss abgegeben. Pedri scheiterte mit links an Manuel Neuer – dann wurde es erst einmal weniger flüssig. Weil Toni Kroos den spanischen Spielfluss stoppte: mit einem heftigen Einsteigen gegen Pedri in der gegnerischen Hälfte, für das der Mittelfeldmann noch nicht mal Gelb sah. Das Ende, zumindest für Pedri, kam dann wenige Minuten später. Die Schmerzen waren zu groß, der Spanier musste nach acht Minuten raus.

Und Kroos? Der teilte auf dem Platz weiter aus. Offenbar war er in Abwesenheit des überraschend nicht in der Startelf stehenden Robert Andrich – für den Abräumer durfte zunächst Emre Can ran – der aggressive Anführer der DFB-Elf. So war Kroos kurz vor der Pedri-Auswechslung noch Williams auf den Fuß gestanden – und hatte wieder Glück, dafür keine Verwarnung zu kassieren.

Die ersten Duftmarken waren also gesetzt. Was auffiel: Kombinationen blieben zunächst Mangelware. Denn das Spiel lebte von seiner Aggressivität, auf beiden Seiten. Und: Beide Teams waren offensichtlich darauf aus, dem Gegner so wenig Räume wie möglich zu bieten. Ein hohes Niveau erreichte dann nicht nur im Wortsinn ein langer, weiter Ball von Antonio Rüdiger von hinten auf Kai Havertz. Das super getimte Zuspiel nahm der Angreifer in der 35. Minute stark mit der Brust an – und scheiterte dann mit seinem schwächeren rechten Fuß an Keeper Unai Simon. Mit dem 0:0 ging es in die Pause.

Weiter ging es mit zwei Wechseln. Julian Nagelsmann brachte zu Beginn der zweiten Hälfte Florian Wirtz für Leroy Sané. Und: Er wechselte im Mittelfeld wieder zurück auf Anfang, oder besser: Auf Andrich – der Abräumer kam für Can. Die erste Großchance in Hälfte zwei konnte der Neue dann nicht verhindern: Alvaro Morata schoss die Kugel aus kurzer Distanz drüber. Und dann, ja dann, war es geschehen: Führung für Spanien, Rückstand für Deutschland – was so passierte in der 52. Minute: Lamine Yamal hatte auf rechts zu viel Platz, passte in den Rückraum, wo der frei stehende Leipziger Dani Olmo unhaltbar mit rechts flach einschoss.

Nagelsmann reagierte schnell und brachte neben dem Stuttgarter Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt seinen Stoßstürmer Niclas Füllkrug, der, als er auf den Platz rannte, mit rudernden Armen das Publikum animierte. Die Fans waren da – und die deutsche Elf? Die war es zunächst nur bedingt. Der Plan war klar: Der Ausgleich musste her, und das sollte mit Flanken auf den Zielspieler Füllkrug gelingen. Allein: es klappte zunächst nicht – bis es sie gab, die erste klare Chance: Wirtz passte also von außen auf Füllkrug, doch der setzte die Kugel in der 77. Minute aus sieben Metern an den Pfosten. Das war sie, die Riesenmöglichkeit zum 1:1. Es sollte nicht die letzte bleiben.

Spaniens Keeper Simon schenkte der deutschen Elf einen völlig missglückten Abschlag, Havertz eroberte den Ball – und lupfte ihn acht Minuten vor Schluss nicht ins verwaiste Tor aus 25 Metern, sondern knapp drüber. Der Ausgleich für die DFB-Elf wäre jetzt verdient gewesen. Und dann kam er. Aus deutscher Sicht: endlich! Der Dauerdruck wurde belohnt, und zwar so: Flanke von Mittelstädt auf Kimmich, Kopfballvorlage auf Wirtz, Schuss, Tor. Und Riesenjubel eine Minute vor Schluss.

Es ging in die Verlängerung. Spaniens Mikel Oyarzabal zielte in der 104. Minute aus 23 Metern knapp vorbei. Zwei Minuten später fehlten Zentimeter zur deutschen Führung. Müller passte in den Rückraum auf Wirtz. Der Joker nahm den Ball mit links direkt und setzte ihn knapp am langen Eck vorbei.

Kurz nach dem Seitenwechsel in der Verlängerung gab es dann einen kollektiven Aufschrei im Stadion. Füllkrug legte ab für Musiala, der aus 20 Metern abzog und Abwehrmann Marc Cucurella an die Hand schoss. Schiedsrichter Anthony Taylor aber ließ weiterlaufen, auch der VAR griff nicht ein – kein Elfmeter für Deutschland. Eine mehr als fragwürdige Entscheidung. Kurz vor Schluss war dann wieder Füllkrug am Zug – der Joker köpfte den Ball in der 117. Minute nach einer Kimmich-Flanke in Richtung langes Eck. Doch Keeper Simon parierte stark.

Eine Minute später dann nahm das Drama aus deutscher Sicht seinen Lauf.