Ein Storch bleibt seinem Horst treu. Foto: Joachim Neumann/Fotolia

Jedes Jahr brüten in Rühstädt in Brandenburg über 30 Storchenpaare, so viele wie sonst nirgends in Deutschland. Am Abend haben die Vögel in dem kleinen Dorf ihren großen Auftritt.

Rühstädt - Auf dünnen, staksigen Beinen steht er auf dem Dach des Hauses und blickt weit übers flache Land, über rote Backsteinhäuser, Wiesen und vielleicht bis zum Fluss, der hier gemächlich und breit dahinfließt. Wenn er seinen schmalen Kopf nach unten beugt, strecken sich ihm gierig kleine Schnäbel entgegen, die aus seinem Schlund das Futter holen. Brutzeit in Rühstädt. Fast jedes Haus und jede Scheune in dem 200-Seelen-Dorf trägt gefiederte Gäste auf dem Dach. In Spitzenzeiten gibt es bis zu 40 Nester, die korrekterweise als Horst bezeichnet werden, wie Gästeführerin Heike Warnke erklärt: „So ein Horst kann bis zu einer Tonne schwer werden.“

Sein Durchmesser beträgt rund zweieinhalb Meter. Wahrlich ein stattliches Heim für ein Storchenpaar, das bis zu fünf Jungtiere pro Saison großzieht. So eine große Familie macht ihren Gastgebern allerdings auch erheblichen Ärger. „Sie sind laut, dreckig und verstopfen die Dachrinne“, warnt Warnke vor romantischen Vorstellungen vom Tierleben. Die Rühstädter scheinen davor aber nicht zurückzuschrecken. Störche haben hier Tradition. Der älteste Horst, bis heute bewohnt, stammt von 1932. In den 1970er Jahren stieg die Zahl der Störche.

Ein Storch bleibt nicht seiner Partnerin treu

Weil die Horste knapp wurden, begannen die Rühstädter, „Wohnungen zuzuweisen“, wie Warnke im typischen DDR-Jargon erzählt. Statt Plattenbau gab es Nisthilfen. Das sind Vorrichtungen aus Holzpaletten und Weidenästen, die von den Vögeln ausgebaut werden. Solche Nistplätze stellen die Rühstädter bis heute immer wieder auf. Ein Aufwand, der sich lohnt. „Ein Storch bleibt seinem Horst treu“, erzählt Warnke und fügt augenzwinkernd hinzu: „Aber nicht seiner Partnerin.“ Doch nicht nur beim Nestbau, auch in der Brutzeit sollen es die gefiederten Gäste gut haben. Es gilt Tempo 30 im Dorf, schließlich stakst Adebar samt Gattin auch gerne mal über die Straße.

Jedes Jungtier wird beringt und ist so statistisch erfasst. Auf Tafeln an den Gastgeber-Häusern werden Ankunft und Abflug des jeweiligen Vogelpaares dokumentiert. Nicht zuletzt dieser Aufwand brachte Rühstädt als einziger Ort in Deutschland den Titel eines Europäischen Storchendorfes ein, von denen es in ganz Europa nur 13 gibt. Als größte Storchenkolonie Deutschlands sind die Vögel inzwischen zum Wirtschaftsfaktor geworden, der Touristen anzieht. Dank ihnen hat das Dorf noch zwei Gasthäuser mit natürlich passenden Namen: Zum Storchendorf und Zum Storchenkrug.

„Auf den feuchten Elbwiesen finden sie genügend Nahrung“

Doch warum zieht es Adebar nach Rühstädt? Die Elbe-Landschaft rund um das Dorf sei ideal für die staksigen Gesellen, weiß Oliver Krause, Mitarbeiter beim Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg. „Auf den feuchten Elbwiesen finden sie genügend Nahrung“, so Krause. In kleinen, mit Wasser gefüllte Mulden gedeiht Kleingetier wie Frösche, Amphibien und Insekten. Rund sechs Kilo davon verfuttert eine fünfköpfige Storchenfamilie am Tag. Reicht das Nahrungsangebot in einer Saison mal nicht aus, kennen die Eltern allerdings kein Erbarmen.

„Da wird schon mal ein Jungtier aus dem Nest geworfen“, so Krause. Brut und Aufzucht teilt sich ein Storchenpaar. Während der eine beim Nachwuchs bleibt, schleppt der andere das Futter heran und ist dafür den ganzen Tag unterwegs. Erst mit Einbruch der Dämmerung fliegen sie wieder heim und werden mit viel Geklapper begrüßt - ein abendliches Spektakel, das die Rühstädter touristengerecht aufbereiten. Beim „Storchenfeierabend“ folgt nach einem kleinen Imbiss im Storchenkrug und einem Rundgang durchs Dorf der Aufstieg auf den Balkon des Dorfspeichers.

Zehn Horste hat man von dort oben im Blick, in denen die einsamen Ehegatten aufs Abendessen warten. Und tatsächlich: Plötzlich beginnt ein Geklapper und Gekreische. Lange vor den Besuchern haben die Storchenfamilien ihre Heimkehrer entdeckt, die mit ihren breiten Schwingen auf die Horste zusegeln. Jetzt hat auch Adebar Feierabend.

Störche und Grenzen an der Elbe

Storchenfeierabend
Der Storchenfeierabend wird immer samstags angeboten, von Mitte Mai bis Mitte August - so lange sind die Störche in Rühstadt. Beginn ist um 20 Uhr. Inklusive Imbiss und Führung pro Person 19 Euro. Anmeldung und Buchung: Gasthof Zum Storchenhof, Telefon 03 87 91 / 66 42. Infos auch unter www.dieprignitz.de/storchenfeierabend.html

Grenzlandmuseum
Grenzlandmuseum Schnackenburg, Mai bis Oktober täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet, im April Dienstag bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr geöffnet, im Winter geschlossen. Eintritt: 2,50 Euro. www.museum-schnackenburg.de

Unterkunft
Direkt am Kurpark, mit Wellness- und Fitnessbereich, Kosmetik und Sauna/Dampfbad: Ringhotel Ambiente, Dr.-Wilhelm-Külz-Straße 5, 19336 Bad Wilsnack, Telefon 03 87 91 / 760, DZ ab 107 Euro, www.hotelambiente.com

In einer ehemaligen Burg, mit Naturholz ausgestattete Zimmer, regionale Bioküche: Biohotel Burg Lenzen, Burgstraße 3, 19309 Lenzen, Telefon 03 87 92 / 5 07 83 00, DZ ab 84 Euro, www.burghotel-lenzen.de

Umgebauter Bauernhof mit Fachwerk, großzügige Zimmer und gemütliche Ferienwohnungen, sehr gutes Restaurant: Landhotel Alter Hof am Elbdeich, Am Elbdeich 25, 19309 Lenzerwische-Unbesandten, Telefon 03 87 58 / 3 57 80 , DZ ab 84 Euro, Fewo ab 80 Euro, www.alter-hof-am-elbdeich.de

Oberhalb von Hitzacker gelegen, angenehme Zimmer, gutes Essen, Wellnessbereich und Schwimmbad: Parkhotel Hitzacker, Am Kurzpark 3, 29456 Hitzacker, Telefon 0 58 62 / 97 70, DZ ab 98 Euro, www.parkhotel-hitzacker.de

Allgemeine Informationen
Tourismusverband Prignitz, Großer Markt 4, 19348 Perleberg, Telefon 0 38 76 / 30 74 19 20, www.dieprignitz.de

Elbtalaue-Wendland Touristik GmbH, Lübeln 2, 29482 Küsten, Telefon 0 58 41 / 96 29 - 0, www.elbtalaue-wendland.de

Tour mit dem Sofafloß
Sehenswert ist Hitzacker mit seiner malerischen Altstadtinsel. Eine Attraktion ist eine Fahrt mit dem Sofafloß auf der Elbe - das ist ein Katamaranboot mit einer gemütlichen Sofagarnitur. Organisiert werden die Touren von Mitarbeitern des Museums Hitzacker. Verschiedene Themen sind im Angebot, etwa die Schlafmützen-Tour (Start um 7 Uhr) oder „Mit dem Wildschwein auf die Elbe“. Auch die deutsch-deutsche Geschichte ist immer wieder Thema. Die Fahrten werden für Gruppen ab sechs Personen angeboten. Die Preise variieren. Kontakt: Museum Hitzacker, Telefon 0 58 62 / 88 38, Mail: sofafloss@museum-hitzacker.de, www.museum-hitzacker.de

Grenz- und Naturerlebnispfad
Der zehn Kilometer lange Grenzlehrpfad führt von Schnackenburg nach Gartow und folgt dem Streckenverlauf der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Ergänzt ist der Weg um einen Naturerlebnispfad, der auf Schautafeln Erläuterungen zu den Lebensräumen der Tier- und Pflanzenwelt liefert. Der Pfad kann zu Fuß oder mit dem Rad erkundet werden. Eine Karte ist bei der Tourist-Information Gartow erhältlich, Telefon 0 58 46 / 333, www.gartow-erleben.de .

Buchtipp
Ereignisse aus der Vergangenheit und Fluchtgeschichten beschreibt Uwe Rada in dem neuen Buch „Die Elbe - Europas Geschichte im Fluss“, Siedler-Verlag, 19,99 Euro.

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