Blick vom Turm der Ägidienkirche auf die Krämerbrücke in Erfurt. Foto: dpa-Zentralbild

Überall Geschichte. Wer Erfurt besucht, findet sich im Mittelalter wieder, aber auch im Neobarock der Gründerzeit. Und sogar im Sozialismus.

Erfurt - Mit Holzköpfen hat Martin Gobsch jeden Tag zu tun. Gemeint sind damit nicht die Tausenden Touristen, die sich Tag für Tag durch die Gasse vor seinem kleinen Laden schieben. Der 35-Jährige ist Puppenbauer und modelliert mit Stechbeitel und Schnitzeisen aus Lindenholz lebensgroße Köpfe, die mal diabolisch grinsen, mal verschmitzt lächeln. Gut lachen kann auch der Kunsthandwerker. „Es war schon ein großes Glück“, erinnert sich Gobsch an den Tag, als er vor dreieinhalb Jahren nach langer Wartezeit die Zusage erhielt, seine Werkstatt auf der Krämerbrücke aufmachen zu dürfen. Von den 32 mittelalterlichen Häusern auf der Brücke sind 28 in städtischem Besitz. Die Kommune und eine extra eingerichtete Stiftung achten penibel darauf, dass sich auf diesem Brückenbauwerk, das im Jahr 1110 erstmals urkundlich erwähnt wurde, keine Imbissbuden, Sexboutiquen oder Modeketten breitmachen. „Nicht der mit dem meisten Geld erhält eine Zusage“, sagt Martin Gobsch, „sondern der mit der besten Idee.“

Auf der Krämerbrücke sind also Ideen gefragt, wie die des Grafikers und Kochs Alex Kühn, der hier im Haus mit dem Goldhelm seit inzwischen acht Jahren eine Schokoladenmanufaktur mit eigenen Kreationen wie dem Krämerbrückentrüffel betreibt. Gut angekommen ist auch die Idee der Italienerin Rosanna Minelli, die mit ihrem Laden „Erfurter Blau“ an die mittelalterliche Tradition des Textilfärbens mit dem pflanzlichen Farbstoff des Färberwaids erinnert. Elegant lässt Minellis Kollegin Graziella Mann Stoffe in allen Blauschattierungen durch ihre Hände gleiten. „Ich fühle mich hier wie in meiner Heimatstadt Venedig.“ Vielleicht hat sie dank ihrer Herkunft aus der Lagunenstadt ein besonderes Gespür für Wasser. Normale Besucher der Krämerbrücke schauen indes vergeblich nach Wasser aus und wundern sich. Die 125 Meter lange und 26 Meter breite Brücke hat kein Geländer, sondern ist an beiden Seiten dicht und ohne Lücke mit Häusern bebaut und bildet damit ein nördlich der Alpen einmaliges Baudenkmal.

Im Mittelalter war die Zentrallage Erfurts in Europa

Doch unter der Brücke rauscht es. Zwar nicht so gewaltig, wie es der Name „Wilde Gera“ vermuten lässt, aber immerhin. Im Mittelalter hieß der Fluss Erphes, die Furt neben der Brücke gab der Stadt ihren Namen. Inzwischen ist im Sommer die Furt ein Spielplatz für Kinder, die mit nackten Beinen durch das seichte Wasser toben. Erwachsene haben sich Campingstühle ins kühle Nass gestellt und genießen den Schatten, den die Krämerbrücke auf sie wirft. Heute liegt Erfurt fast genau am geografischen Mittelpunkt der Bundesrepublik. Im Mittelalter war die Zentrallage Erfurts in Europa nicht weniger ausgeprägt. Lag die Stadt doch am Kreuzungspunkt zweier wichtiger internationaler Handelsstraßen. In West-Ost-Richtung verlief die „Via Regia“ von Spanien nach Kiew. Einen Steinwurf von der Krämerbrücke entfernt kreuzte am Fischmarkt eine wichtige Nord-Süd-Verbindung, die von der Ostsee bis nach Italien führte.

Der Handel machte die Stadt reich. Kein Wunder, dass genau hier der Mathematiker Adam Ries wirkte und den Bürgern auf Deutsch die Bedeutung der Null und das richtige Rechnen beibrachte. „Erfurt war nicht nur reich, Erfurt war mal stinkreich“, sagt Sabine Hahnel, die im Kostüm einer mittelalterlichen Baderin Fremde durch Erfurt führt. Wobei stinkreich durchaus wörtlich gemeint ist. Auf den fruchtbaren Böden des Thüringer Beckens wurde in 300 Dörfern die Pflanze Färberwaid angebaut. Aus den Blättern gewannen die Erfurter, die sich das Handelsmonopol gesichert hatten, durch Zugabe von Urin den einzigen blauen Farbstoff des Mittelalters, der damals mit Gold aufgewogen wurde. Um die kontinuierliche Farbproduktion sicherzustellen, waren die reichen Waidhändler auch als Bierbrauer tätig. Von den Kanzeln der 20 Pfarrkirchen in der Stadt wurde regelmäßig mitgeteilt, in welchem der bis zu 600 Brauhäuser frisch verzapft wurde. Vielleicht erkannte angesichts dieser anrüchigen Geschäfte der Jurastudent Martin Luther, der im Erfurter Augustinerkloster zum Mönch wurde und die Bibel studierte, dass es hienieden nicht nur auf irdische Güter ankommt. Das goldene Geschäft mit dem Erfurter Blau sollte bald enden.

„Willy Brandt ans Fenster“

Im Dreißigjährigen Krieg wurden die Anbauflächen des Färberwaids verwüstet, gleichzeitig setzte sich das Blau der Indigopflanze aus Asien als Textilfärbemittel durch. „Erfurt wurde ein frühes Opfer der Globalisierung“, sagt Sabine Hahnel. In der neueren Geschichte sorgte Erfurt am 18. März 1970 für Schlagzeilen. Auf dem Bahnhofsvorplatz harrten, von der Volkspolizei zusammengedrängt und von der Stasi überwacht, hier Tausende Menschen stundenlang aus und forderten in Sprechchören, was heute in Leuchtbuchstaben über dem ehemaligen Hotel Erfurter Hof steht: „Willy Brandt ans Fenster“. Der deutsche Bundeskanzler, eingeladen vom DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph, zögerte lange, bevor er ans Erkerfenster trat und der jubelnden Menge zuwinkte. Heute, da der Bahnhofsvorplatz längst den Namen des damaligen Bundeskanzlers trägt, empfängt genau unter dem historischen Erker die Touristeninformation die Besucher. Direkt daneben serviert das Bistro „Willy B.“ neben Köstritzer und Wernesgrüner auch bayrisches Weißbier und beweist damit, dass hier vieles zusammengewachsen ist, was zusammengehört. Drei Steinwürfe entfernt blickt aus einem Erker ein anderer deutscher Kanzler hinunter auf die Menge.

Streng und eisern schweift sein Blick über den Anger, die Haupteinkaufsstraße. Stiege Otto von Bismarck, der 1850 als Mitglied des Erfurter Unionsparlaments in diesem Haus wohnte und sich hier „die politischen Sporen verdiente“, heute von seinem Sockel hinab zum neobarocken Angerbrunnen, er würde bei einem Rundumblick ein Gebäudeensemble wahrnehmen, das sich allenfalls ein Architekturfotograf mit überbordender Fantasie auf seinem Computerbildschirm montiert haben könnte. Unüberseh- und unüberhörbar ist da der steinerne Bartholomäusturm aus dem 15. Jahrhundert mit seinem 60-teiligen Glockenspiel, das 1979 zum 30. Jahrestag der Gründung der DDR erstmals erklang. Schräg gegenüber steht das Haus Dacheröden, ein Renaissancebau, in dem Goethe ein und aus ging, Friedrich Schiller sich verlobte und Wilhelm von Humboldt heiratete.

Alliierte Bomber machten um die Stadt meist einen Bogen

Doch damit nicht genug. Zwischen Gebäuden des Bürgerbarocks, der Gotik, des Jugendstils und der Neuen Sachlichkeit des ehemaligen Kaufhauses Germania ist in der Ferne sogar ein aufgehübschter Plattenbau zu erkennen. Erfurt, das sich rühmt, mit der fast 1000 Jahre alten Synagoge, der Krämerbrücke, dem Dom, der Severi-Kirche oder dem Augustinerkloster den wohl am besten erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern Deutschlands zu haben, hat als eine Art Freiluftmuseum für Architekturliebhaber weit mehr zu bieten. Hier ist, liebevoll restauriert, zusammengewachsen, was eigentlich nicht zusammengehört, aber in seiner bunten Mischung doch zusammenpasst. Es gibt Gründe, warum im Lauf der Jahrhunderte diese vielgestaltige Stadtlandschaft entstehen konnte und erhalten blieb. Auf den Reichtum des Mittelalters folgte der Absturz. „Armut konserviert“, sagen die Denkmalschützer gern. Und es brauchte Glück. Wie zum Beispiel im Zweiten Weltkrieg, als die alliierten Bomber um die Stadt meist einen Bogen machten und nur geringe Schäden verursachten. Manchmal half auch der Mut.

Als in den 1980er Jahren im Norden der Altstadt das Andreasviertel abgerissen werden sollte, erlebte die DDR die Macht lokaler Bürgerinitiativen. So konnte sich in Erfurt die sozialistische Einheitsarchitektur nur in der Peripherie manifestieren. Entlang des Juri-Gagarin-Rings, der den Verlauf der Stadtmauer nachzeichnet, entstanden ein paar Plattenbauten. Wie der Versuch einer beschützenden oder beherrschenden Wagenburg.

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Infos zu Erfurt

Anreise
Aus Süddeutschland je nach Ausgangspunkt über die Autobahn A 81 oder A 7 in Richtung Würzburg, dann weiter auf der A 71 bis Erfurt. Zugverbindung über Frankfurt und Fulda ( www.bahn.de ).

Unterkunft
Feines Privathotel im Herzen der Stadt: Hotel Zumnorde, DZ 95 bis 130 Euro, www.hotel-zumnorde.de

Mitten im Zentrum von Erfurt kann man in der Stille eines Klosters übernachten: Evangelisches Augustinerkloster zu Erfurt, DZ ab 84 Euro, www.augustinerkloster.de

Essen
Speisen mit Blick über den Domplatz: Glashütte Petersberg, www.glashuette-petersberg.de

Hier speiste schon Papst Benedikt: Zum Güldenen Rade, www.zum-gueldenen-rade.de

Das jüdische Erbe
Die Alte Synagoge Erfurt geht etwa auf das Jahr 1100 zurück. Nach einem Pestpogrom 1349 wurde sie als Scheune, später als Restaurant mit Tanzsaal genutzt und entging so der Zerstörung während der Nazizeit. Erst 1993 wurde das Gebäude als Synagoge wiedererkannt. Inzwischen gibt es eine Initiative, das Bauwerk als eine der ältesten mittelalterlichen Synagogen zum Weltkulturerbe erklären zu lassen. Gezeigt wird dort ein 1998 beim Bau einer Tiefgarage entdeckter Judenschatz, der wohl 1349 hastig vergraben wurde. Er umfasst etwa 3000 Silbermünzen, 14 silberne Barren und über 700 Goldschmiedearbeiten, darunter einen seltenen jüdischen Hochzeitsring.

Veranstaltungen
Erfurter Weihnachtsmarkt vom 25. November bis 22. Dezember 2014 auf dem Domplatz und in Teilen der Fußgängerzone.

Anlässlich des 500. Geburtstags von Lucas Cranach d. J. beteiligt sich Erfurt 2015 an der Ausstellungsreihe „Wege zu Cranach“ und zeigt im Angermuseum und im Dom Werke des Künstlers und seines Vaters.

Allgemeine Informationen
Erfurt-Tourismus, Telefon 03 61 / 6 64 00, www.erfurt-tourismus.de , www.thueringenentdecken.de

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