Der Biertransporter: Gelungene Verbindung Einbecker Produkte. Foto: Walter

Die niedersächsische Stadt macht alle glücklich: Radfahrer, Automobilfans, Fachwerkenthusiasten und Biertrinker. Kein Wunder, denn hier wurde das Bockbier erfunden.

Ohne diese alte Hansestadt hätte das Bockbier nicht seinen Siegeszug um die Welt angetreten und auch der Versandhandel wäre nicht oder zumindest später erfunden worden. Goethe erlebte Einbeck 1801 als „wundersame Stadt“ und Luther, 1521 auf dem Reichstag zu Worms mit Einbecker Bier erquickt, rief begeistert aus: „Der beste Trank, den einer kennt, der wird Einbecker Bier genennt.“ Er musste es ja wissen, schließlich war er mit einer Brauerin verheiratet: Katharina von Bora. Die mehr als 750 Jahre alte Stadt Einbeck ist fast zu schön, um wahr zu sein. Im Mittelalter brannte sie zwar komplett bis auf die Grundmauern nieder (und wurde umso prächtiger wieder aufgebaut), doch im Zweiten Weltkrieg blieb sie wie durch ein Wunder unversehrt. So gingen alle Bausünden der 60er Jahre an ihr vorbei. Mit mehr als 400 Fachwerkhäusern, darunter mehr als 120 reich verzierte spätgotische Bürgerhäuser, ist Einbeck eines der schönsten Fachwerkjuwele Deutschlands.

Früher kam der Braumeister zum Brauen in die Häuser

In früheren Jahrhunderten trafen sich alle brauberechtigten „Vollbürger“ Einbecks alljährlich am 2. Mai auf dem Marktplatz und losten aus, in welcher Reihenfolge der städtische Braumeister, der höheres Ansehen als Arzt und Apotheker zusammen genoss, zu ihnen zum Brauen kommt. Viele dieser farbenprächtigen einst 732 Bürger-Brauhäuser sind heute wieder wie neu und auf Anhieb erkennbar an ihren großen Toreinfahrten, durch deren runde Bögen die städtische Braupfanne geschoben wurde. Auf den mehrstöckigen Böden lagerten Getreide, Malz und Hopfen. „Die Einbecker brauten ein besonders haltbares Starkbier“, weiß Albert Eggers. Als „Einbecker Bierkutscher“, der nicht müde wird, mit Führungen und Vorträgen Touristen von der Schönheit seiner Stadt und der Qualität ihrer Brauerzeugnisse zu überzeugen, kennt er sich damit bestens aus. „Und obwohl der Eigenverbrauch erheblich war, man denke nur an die tägliche Biersuppe“, erzählt der Bierkutscher weiter, „blieb so manches Fass übrig und wurde von der Stadt aufgekauft. Die exportierte schon seit Ende des 14. Jahrhunderts das ‚Ainpöcksche Bier‘, das durch bayrische Verballhornung im Hofbräuhaus nach und nach zu ‚Bockbier‘ wurde.

Besonders die bayrischen Herzöge erwarteten stets voller Ungeduld die nächste Lieferung.“ Durch die Hanse erreichte die Spezialität bereits im 15. Jahrhundert auch Kundschaft im gesamten Ostseeraum. Doch nicht immer kam die durstlöschende Ladung an, schon gar nicht, wenn eine einschlägig beladene Hansekogge von Störtebecker, dem berüchtigten „Stürz-den-Becher“, gesichtet wurde. Mitte des 19. Jahrhunderts vereinte die städtische Brauerei das Geschäft mit den Biertrinkern unter einem Dach. Heute brauen rund 200 Mitarbeiter elf Sorten und erquicken mit jährlich etwa 800 000 Hektolitern die durstige Bevölkerung. Man darf den Brauern bei der Arbeit zuschauen, sich die Vorteile eines Wassers oder Hopfens aus einer speziellen Gegend erklären lassen, Hunderte Flaschen auf ihrer fröhlich-klappernden Karussell-Fahrt von der Spülmaschine übers Füllen bis zum Verladen beobachten und schließlich in den Kellergewölben bei einem Imbiss verschiedene Frischgezapfte kosten.

Und dabei die Schnurre von Till Eulenspiegel vernehmen, der sich als Brauknecht verdingte und nun für immer seine Schandtat als Brunnen auf dem Markt büßen muss. Auch „Helles Bier und dunkle Schatten“, ein Nachtrundgang mit Besichtigung der Stadtbefestigung im Fackelschein und Turmbesteigung der Marktkirche, und „Stadtgeschichte sprichwörtlich“ enden folgerichtig in einer der zünftigen Kneipen wie etwa dem 680 Jahre alten „Brodhaus“. „Mein Feld ist die Welt“, fand der Handelsvertreter August Stukenbrok schnell heraus, seit er ab 1888 auf ausgedehnten Touren im Auftrag eines Textilhandels Kurzwaren an Läden und Hausfrauen zu verscherbeln suchte. Seine majestätische Fortbewegungsweise auf einem Drahtesel machte ihn nicht nur flink, sondern sorgte auch für (absatzsteigerndes) Aufsehen und gezielte Nachfragen und brachte ihn schließlich auf eine Idee. Seiner kaufmännischen Lehre alle Ehre machend, testete er sie zunächst im Nebenjob, ehe er sich schon 1890, als gerade mal 23-Jähriger, mit einer Fahrradhandlung selbstständig machte.

Erfolgreich: das Deutschland-Fahrrad

Verkaufte er anfangs zwei Räder monatlich, waren es ein paar Jahre später schon 64 am Tag. Da Stukenbrok Wege gefunden hatte, preiswert gute Qualität in ziemlich großen Mengen einzukaufen, reichten ihm die Käufer aus seiner Umgebung nicht mehr. Sein solides und elegantes, aber durchaus erschwingliches „Deutschland-Fahrrad“ (seit 1900 auch für Damen) sollte stetig neue Kunden erobern. Egal wo. Dafür ersann er einen Katalog, den er erstmals 1902 deutschlandweit mit einer Millionenauflage unters Volk brachte, und den dazugehörigen Versandhandel. Zählte sein Prospekt anfänglich nur ein paar Seiten, brachte er es bald auf Hunderte, denn der geschäftstüchtige Stukenbrok erweiterte sein Angebot hurtig um alles, was das Radfahren angenehmer machte: Cape, Zigarrenhalter, Fernglas, Reparaturausrüstung. 1915 kam sogar ein Damenrevolver im Lederetui unters Volk, denn „für Radfahrer, welche zu später Stunde fahren, sind meine Revolver von ganz besonderem Wert.“ Heute ist diese Waffe vor allem wert, bestaunt zu werden, und das kann man ausgiebig im „RadHaus“, einer ebenso originellen wie großzügigen Abteilung des Stadtmuseums Einbeck. Unzählige große, kleine, elegante und skurrile Gebilde erzählen die Geschichte des Fahrrads von Karl Friedrich von Drais bis zur Tour de France.

Für jedes Jahrzehnt hängt die passende Garderobe bereit, man kann also zeitgemäß bekleidet Hoch-, Ein-, Lauf-, Liege-, Last- und andere Räder ausprobieren, über den Knochenschüttler den Kopf schütteln und lernen, dass das Klapprad vom Militär erfunden wurde und 1944 bei der Landung der Alliierten zigtausendfach vom Himmel regnete. Dass in einer anderen Museumsabteilung genauso umfangreich übers Bierbrauen in Einbeck erzählt wird, wofür man um das älteste, etwa 570-jährige Bierfass Deutschlands herumlaufen und sich an Schankanlagen Wissen zapfen muss, ist ja wohl Ehrensache. Erst recht, dass beide Berühmtheiten verschmolzen wurden: zu einem Einbecker Bier-Fahrradtransporter. Das klingt nach Gemächlichkeit, doch die Südniedersachsen können auch anders. Schneller und schnittiger. Dafür mutierte der ehemalige Einbecker Kornspeicher zum PS-Speicher und nimmt seit vergangenem Jahr Besucher auf eine mehr als 130 Jahre alte Zeitreise auf Rädern mit. Hunderte zwei-, drei- und vierrädrige Fahrzeuge, darunter die weltweit größte Sammlung deutscher Motorräder und weltgrößte Sammlung von Klein- und Kleinstwagen sowie eine beeindruckende Zahl historischer Lanz-Bulldog-Zugmaschinen erzählen von den Phasen der individuellen Motorisierung.

Infos zu Einbeck

Einbeck

Anreise

Mit dem Pkw: Autobahn A 7, Abfahrt Nr. 69 (Northeim-Nord), dann 10 km nordwestlich auf der Bundesstraße 3.
Mit der Bahn: Auf der Bahnstrecke Hannover-Kassel bis Einbeck-Salzderhelden, dann mit dem Bus 230 bis Einbeck-Mitte.

Unterkunft

Erst im November öffnete das Hotel Freigeist gegenüber der Erlebnisausstellung im PS-Speicher und führt dessen Thema weiter. Auf Familien etwa warten bunte Reifenboxen mit Spielzeug. Übernachtung mit Frühstück ab 144 Euro für zwei Personen im Doppelzimmer, Tel. 0 55 61 / 3 19 99 70, www.freigeist-einbeck.de
Hotel Einbecker Hof, Neuer Markt 20, 37574 Einbeck, Tel. 0 55 61 / 9 32 70, DZ/F ab 65 Euro, www.einbeckerhof.de
Hotel Der Schwan, Tiedexer Str. 1, 37574 Einbeck (zwischen Markt und PS-Speicher), Tel. 0 55 61 / 46 09, DZ/F ab 110 Euro, www.schwan-einbeck.de

Allgemeine Informationen

Tourist-Information Einbeck, Marktstr. 13/15, 37574 Einbeck, Tel. 0 55 61 / 3 13 19 10, www.einbeck-marketing.de

Ausflüge - Sehenswert

Einbecker Brauhaus AG, „Heimat der guten Biere“, Papenstraße 4-7, Besichtigung und Verkostung im Ur-Bock-Keller, über www.Einbecker-Bier.de oder über die Tourist-Information.
Stadtmuseum Einbeck, unter anderem mit „Radhaus“ und „ProBIERen!“, Auf dem Steinwege 11/13, Tel. 0 55 61 / 97 17 10. Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 16 Uhr, www.stadtmuseum-einbeck.de
PS-Speicher mit einer der weltweit größten Sammlungen historischer Fahrzeuge, Tiedexer Tor 3, Tel. 0 55 61 / 92 32 00, www.ps-speicher.de
Sie finden, die Erfindung von Bockbier, Versandhandel und Katalogen allein kann die Stadt Einbeck nicht berühmt machen? Dann sei auch das noch verraten: Der Entdecker des Morphiums, Friedrich Wilhelm Sertürner, dem es um 1803/04 gelang, aus dem Opium des Schlafmohns Morphin zu isolieren, eröffnete 1809 in Einbeck seine erste Apotheke. Heute werden darin Zeitungen und Lottoscheine verkauft.
Der Apotheker und Pharmazeut Sertürner ist auch im Stadtmuseum Einbeck ein Thema.

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