Die brandheiße friesische Tradition lockt immer mehr Gäste an die Nordsee. Auf Sylt gibt es neun Biikefeuer. Die Dörfer wetteifern untereinander um das schönste und größte Feuer. Foto: Sylt Marketing / Georg Supanz, Hamann

Beim Biikebrennen am 21. Februar verabschieden die Sylter mit hellen Flammen den Winter. Das traditionelle Fest zählt für viele Insulaner mehr als Weihnachten und gehört zum immateriellen Kulturerbe.

Da haben sie nun mühevoll Reisig, altes Reet und vertrocknete Christbäume zusammengetragen, und nun das. Seit Stunden schüttet es. Alles nass. „Ob das mal gut brennt am Abend?“, unkt Dieter Ingwersen. Der 50-Jährige arbeitet als Teamleiter beim Bauhof Sylt. Er ist für die Pflege der Grünanlagen in Keitum zuständig - und seit fünf Jahren auch für die Vorbereitung der Biike des adretten Dorfes an der Wattseite der Insel. Das Wort Biike ist friesisch und bedeutet „Seezeichen“ oder „Feuermal“. In der heidnischen Zeit brannten die Opferfeuer, um den germanischen Gott Wotan gnädig zu stimmen. Später wurden mit den am 21. Februar entzündeten Biiken die Seefahrer verabschiedet. Vorher hielt man einen Gerichtstag ab, um alle Angelegenheiten zu regeln, falls die Männer nicht wiederkehrten. Die Walfangsaison begann traditionell am 22. Februar - Pidersdai nennen die Friesen den Namenstag von Petrus, Schutzpatron der Fischer. Heute leben die Sylter vom Tourismus statt vom Walfang.

Biike feiern sie immer noch. Nun werden symbolisch Winter und Frost verbrannt - manchmal ganz wörtlich in Gestalt einer Strohpuppe ganz oben auf dem Reisigberg. Erst wenn der Pider fällt, darf man das Feuer verlassen und bei Grünkohl, Kassler und reichlich Schnaps feiern. Am nächsten Tag haben die Kinder schulfrei. Auf Sylt gibt es neun Biiken, an der Schleswig-Holsteinischen Nordseeküste, auf den Inseln und Halligen sind es um die 60. Das gelebte Brauchtum bekam im Dezember 2014 den Ritterschlag: Es wurde in die Liste „Nationales Immaterielles Kulturerbe der Unesco“ aufgenommen. Ein Titel, mit dem sich auch die deutsche Brotkultur und die schwäbisch-alemannische Fastnacht schmücken dürfen. „Die Biike ist eine gute Gelegenheit, soziale Kontakte zu pflegen. Die Einheimischen treffen sich, ganz informell, und halten einen Schnack“, sagt Gästeführerin und Heimatforscherin Silke von Bremen (55). Tradition schweißt zusammen. Denn echte Sylter gibt es auf der Insel immer weniger. Viele können die ererbten Häuser der Eltern nicht halten, weil sie die Geschwister auszahlen müssen. Sie ziehen ganz weg oder pendeln mit dem Zug vom Festland zur Arbeit. Die Wohnungsnot auf Sylt ist immer wieder Thema der flammenden Reden, die am Biikefeuer gehalten werden.

Söl’ring ist das Friesisch der Sylter

Traditionell spricht man dabei Söl’ring. „Das Sylter Friesisch ist keine Mundart, sondern eine eigene Sprache“, erklärt Renate Schneider. Die 66-jährige Keitumerin stammt aus einer legendären Sylter Familie. Ihre Urururgroßmutter war die Inselberühmtheit Merret Lassen (1789-1869), die ihrem Mann, einem gestrandeten norwegischen Seemann, 21 Kinder schenkte. Heute erinnert eine Straße an das „Gebärwunder von Rantum“. Renate Schneider hat sich der Pflege des Friesischen verschrieben. Bei der Biike von Keitum hält sie die traditionelle Ansprache auf Söl’ring. Das Feuerwehrauto mit dem nötigen Megafon muss noch zum Brennplatz gefahren werden. Wo der liegt, wird in Keitum je nach Wetterprognose entschieden. Wenn Sturm angesagt ist, muss das Feuerspektakel auf eine Pferdewiese am Bahndamm ausweichen, über den der Autozug rauscht. Am traditionellen Platz am Wattenmeer wäre es zu gefährlich - Funkenflug könnte die Reetdächer der nahe gelegenen Häuser treffen. Der Trecker hat beim Auftürmen des Biikehaufens tiefe, schlammige Furchen in den Boden gefahren. Das Brennmaterial wird immer erst am Morgen des 21. Februar aufgeschichtet, „damit sich keine Vögel einnisten“, erklärt Gemeindearbeiter Dieter Ingwersen.

Von nun an heißt es weiter wachsam sein. Denn die Orte auf Sylt wetteifern nicht nur um die schönste und größte Biike. Man macht sich auch einen Spaß daraus, den Haufen der anderen anzustecken. Das vorzeitige Abfackeln hat eine ebenso lange Tradition wie das archaische Flammenspektakel selbst. Bei der Wache wechseln sich die Gemeindearbeiter mit Leuten von der freiwilligen Feuerwehr und dem Heimatverein ab. Dieter Ingwersen und sein Kollege Marcus Jacobsen stehen mit Gummistiefeln im Matsch und erzählen ein bisschen schadenfroh, dass die Biike in Archsum schon am Tag zuvor gebrannt habe. Die Westerländer Biike traf schon mehrfach ein heimlich geworfener Brandbeschleuniger. Den Archsumern im Sylter Osten wurde der Holzhaufen gar schon mal geklaut. Ausfallen muss das Fest deswegen allerdings nicht. „Die Biike wird nur eben bescheidener“, sagt Dieter Ingwersen. Damit ist man immerhin näher dran am historischen Original. „Früher waren die Biiken viel kleiner. In den Chroniken steht, dass man über das Feuer gesprungen sei“, sagt Heimatforscherin Silke von Bremen. Früher war ein Biikestreich noch ein harter Schlag für die Dorfgemeinschaft. Denn es war schwierig, Ersatz zu beschaffen. „Es gab ja kaum Brennmaterial auf Sylt“, erzählt Renate Schneider. „Wir zogen als Kinder wochenlang mit dem Leiterwagen über die Insel und haben Holz gesammelt.“

Biike ist eine Attraktion für Sylter und Touristen

Damals landete auch allerlei Müll im Feuer. Inzwischen hat das Ordnungsamt ein Auge drauf. „Wir verwenden nur biologische Anzündhilfen. Prima ist Fritteusenfett“, sagt Ingwersen. Bei schlechtem Wetter eben etwas mehr davon. Die brandheiße Tradition lockt inzwischen immer mehr Touristen auf die Insel. Dass sie nun nicht mal zur Biike unter sich sind, finden die Insulaner nicht tragisch: „Schließlich hat sich so manche Tradition dank des Fremdenverkehrs erhalten“, meint Silke von Bremen. „Biike ist für uns Sylter wichtiger als Weihnachten und Silvester“, sagt Claas-Erik Johannsen. Für den Besitzer des Hotels Benen- Diken-Hof ist es eine Herzenssache, seinen Gästen die Besonderheit des heimlichen Nationalfeiertags der Friesen näherzubringen. Am Biiketag gelten zum Beispiel eigene Gesetze. Kinder dürfen rauchen, zündeln, sich dreckig machen - alles, was sonst verboten ist. „Mein Vater hat mir als Zehnjähriger am Biiketag die erste Zigarette angeboten. Danach habe ich nie wieder geraucht. Bei meiner Schwester hat der Trick allerdings nicht ganz so gut funktioniert“, erzählt Claas-Erik Johannsen. In seinem Hotel gibt es für Familie, Freunde und Gäste ganz klassisch einen Schnaps vorweg und eine Fackel in die Hand, dann geht’s los.

Warm eingepackt in Mütze, dicke Socken und Gummistiefel. Hinterher wird gemeinsam Grünkohl gegessen. Partyvolk in Pelz und Pumps findet sich selten unter den Schaulustigen. Wer um diese Jahreszeit an die raue See reist, ist eingefleischter Sylt-Fan, dem Wind, Wetter und Kälte nichts ausmachen. „Die Gäste sind oft Karnevalsflüchtlinge. Nette, ruhige Leute“, hat Renate Schneider beobachtet. Begleitet vom Musikzug aus Husum- Rödemis wandert ein riesiger Fackelzug vom Feuerwehrhaus Keitum ortsauswärts Richtung Bahnlinie. Auf das Stichwort „Tjen di Biiki ön“ wird der Stapel entzündet. Die Sorge von Gemeindearbeiter Ingwersen ist unbegründet: Das Ding brennt wie Zunder. Sein Trick mit dem Fritteusenfett hat funktioniert. Während der Ort schon lustig beim Grünkohlessen zusammensitzt, hält die freiwillige Feuerwehr weiter Wache. Mehrere Tage kann es dauern, bis alle Glutnester ausgegangen sind. Einfach mit Wasser löschen ist keine Option. „Der Haufen sollte möglichst komplett zu Asche verbrennen. Denn die Reste darf man nicht einfach liegen lassen. Die werden entsorgt, und das geht nach Kilogramm“, erklärt Dieter Ingwersen. Auch das Aufräumen ist mühevoll.

Infos zu Sylt

Sylt

Anreise

Im Winter wird der Flughafen Westerland-Sylt weder aus Stuttgart noch aus Frankfurt angeflogen. Es gibt Umsteigeverbindungen mit Air Berlin via Düsseldorf ( www.airberlin.com ).
Alternativ mit Germanwings nach Hamburg ( www.germanwings.com ). Vom Bahnhof Hamburg-Altona fährt die Nord-Ostsee-Bahn jede Stunde nach Westerland.
Tipp: die günstige Kleingruppenkarte lösen! ( www.nob.de ).
Auf der Insel kann man sich mit dem Bus ( www.svg-busreisen.de ) oder Mietwagen fortbewegen, zum Beispiel über www.syltcar.com , www.syltmietwagen.de, www.rosier-mietwagen.de .

Unterkunft

Mit dem Slogan „Insel auf der Insel“ wirbt der Benen-Diken-Hof in Keitum. In dem Fünf-Sterne-Haus mit beeindruckender Auffahrt fühlt sich der Gast tatsächlich sofort behütet. Das ehemalige Kapitänshaus wurde mit viel Sinn für Stil in ein luxuriöses Hideaway umgebaut. Im Restaurant Kökken gibt es regionale Köstlichkeiten. Absolut herausragend ist die Bar. Inhaber Claas-Erik Johannsen steht am Wochenende persönlich hinter dem Tresen und versteht es, alle Gäste in seinem „Wohnzimmer“ in ein Gespräch zu verwickeln. Gemütlicher geht’s nicht. Doppelzimmer im Winter ab 166 Euro inklusive Frühstück, www.benen-diken-hof.de .
Fußläufig zur Westerländer Einkaufsmeile Friedrichsstraße bietet das Drei-Sterne-Hotel Niedersachsen ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Das familiengeführte Haus von 1925 wurde ökologisch modernisiert. Doppelzimmer im Winter ab 112 Euro inklusive Frühstück. www.hotel-niedersachsen.de
Auf Sylt gibt es eine Vielzahl an Anbietern, die Ferienwohnungen vermieten. Besondere Objekte hat Markus Wenzel von Appartements & mehr im Angebot ( www.kampeninfo.de ).

Essen und Trinken

Sehr gute Burger und Steaks vom 800 Grad heißen Grill bietet die Butcherei in Keitum, C.-P.-Hansen-Allee 2, Telefon 0 46 51 / 8 86 43 00 (keine Homepage).
Gemütlich geht es in der kleinen Holzbude Ivo & Co. in Wennigstedt zu. Leckere Küche, gute Weinauswahl, www.ivoundco-bistro.de .
Soßenliebhaber kommen bei Jens Rittmeyer im Restaurant Kai 3 in Hörnum auf ihre Kosten - der Sterne-Koch ist berühmt für Kreationen wie Ringelblumen-Gewürzsud oder Eisenkrautfond, www.budersand.de
Konsequent auf heimische Produkte setzt Johannes King. Die Gäste können dem mit zwei Michelin-Sternen dekorierten Koch dank offener Küche bei der Arbeit im Söl’ring Hof in Rantum zusehen, www.soelringhof.de

Allgemeine Informationen

Sylt Marketing, Stephanstraße 6, 25980 Westerland, Telefon 0 46 51 / 8 20 20, www.sylt.de .

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