Auf der Blumeninsel Mainau im Bodensee wird derzeit die schönste Dahliensorte ermittelt. Unsere Autorin hat einen Gärtner bei der Arbeit begleitet.

Mainau - Andreas Winterer ist ein Frühaufsteher. Wenn die Sonne über dem Bodensee aufgeht, stecken seine Füße längst in den ausgetretenen Arbeitsschuhen. Kein Wunder, schließlich arbeitet der 55-Jährige auf der Sonnenseite des Lebens. Genauer gesagt: am Südhang der Blumeninsel Mainau. Hier, wo es sogar den Schnecken oft zu heiß ist, wuselt der Parkgärtner täglich ab 6.30 Uhr mit seinem Team durch den Dahliengarten. Bei Sonnenaufgang öffnet der Garten- und Landschaftspark. Am frühen Morgen strömen jedoch nur wenige Gäste über die asphaltierten Wege - dort läuft zunächst das Gießwasser entlang. Braun gebrannt ist Winterer, trägt kurze Jeans und einen dünnen Pullover, in der Hand das obligatorische Gärtnermesser. Unter den Fingernägeln: Erde als Arbeitsnachweis.

Auf dem Weg hat er einen Eimer abgestellt, in dem ein Knäuel Schnur wartet. Wieder und wieder zieht er an dem Band. Das Grün der Dahlien raschelt. Die Knospen schaukeln hin und her. Es sieht aus, als würde ein Hund durchs Beet irren und seinen verlorenen Ball suchen. Winterer beugt sich nach unten, befestigt, ruckelt, knotet, schneidet. Gerade hat er einen weiteren Trieb an der Rankhilfe angebunden. „Von allein würden die Dahlien nämlich gar nicht stehen“, erklärt er. Winterer ist Fachmann - zuständig unter anderem für 12 000 Dahlienpflanzen im Ufergarten. Schon seit 26 Jahren ist er als Gärtner auf der Mainau tätig. Mit der Insel verbindet den Konstanzer eine besondere Tradition: Drei Gärtnergenerationen seiner Familie sind hier ausgebildet worden. Dass er stolz darauf ist, hier zu arbeiten, hört man daran, wie er von seiner Blumeninsel erzählt. „Bei der Arbeit als Parkgärtner steht für mich die Pflege an der Pflanze im Mittelpunkt. Das mag ich.“ Im benachbarten Staudengarten leuchten die Blüten in allen Farben.

Die Insel Mainau ist ein Paradies

Die neunjährige Theresa hat sich hinter den Sonnenhut gehockt und zählt laut: „38, 39, 40!“ Doch was wie ein Versteckspiel hinter hohen Stängeln und Grashalmen aussieht, ist eine Art Volkszählung. Für Eidechsen. „Schon wieder eine: 41!“, quietscht ihre kleine Schwester und zeigt mit dem Finger aufs Beet. Dort flitzt eine Echse gerade von der warmen Steinplatte in den Schatten der Gräser. Die Insel Mainau ist ein Paradies - nicht nur für Kinder und Eidechsen. Auf dem Bauernhof leben Esel, Schafe, Alpakas, Hasen, Hühner, Ziegen, Shetlandponys, Katzen und eine Kuh mit ihrem Kalb. Am Hafen legen Schiffe von vielen Landungsstellen am Bodensee an. Und an nahezu jeder Ecke der Insel können Besucher einkehren - ob im À-la-carte-Restaurant oder im Würstlegrill.

Dennoch gibt es auf dem Eiland immer wieder lauschige Orte abseits der Hauptwege. Die Sonne klettert höher am leicht bewölkten Himmel. Durch die beschauliche Bucht braust eine kleine Yacht. Sie dreht eine Runde, ehe der Motor abrupt schweigt. Am Horizont begegnen sich die Bodenseefähren. Winterer lenkt seine Schubkarre an der Uferpromenade entlang. Mittlerweile schlendern grüppchenweise Besucher durch den Garten. Legen an den Bänken mit der prächtigen Aussicht auf Deutschlands größtem See eine Pause ein. Kramen Äpfel und Stullen aus ihren Taschen. Zücken Tablets, Kameras und Smartphones, um die Blütenpracht zu fotografieren. J edes Jahr bestaunen 1,2 Millionen Besucher den Landschaftspark der 45 Hektar großen Insel Mainau. Was es bedeutet, dort zu arbeiten, wo andere ihren Urlaub verbringen? „Es ist schon etwas Besonderes und macht Spaß“, sagt Winterer. Nach Mainau verschlagen hat ihn der Zufall: Es war eine Stelle frei, er bewarb sich und wurde ausgewählt.

Das war 1989. Dass zum Mauerfall die Dahliensorte „Berliner Kleene“ der Favorit der Besucher war, daran erinnert sich der Gärtner noch genau. Unzählige Blumen hat er seither wachsen und verblühen sehen. Da war zum Beispiel „Tom Jones“, die ihren Namen von dem britischen Popsänger bekam und „Rolf Zuckowski“ nach dem Liedermacher. Andere hießen wie der Naturforscher „Alexander von Humboldt“ oder der Schriftsteller „Franz Kafka“ - Andreas Winterer kennt sie alle. Es sind allerdings nur einige der 273 Dahliensorten, die auf der Insel wachsen.

Beetpflege steht auf dem Stundenplan

Noch bis zum 4. Oktober können Besucher der Mainau die Dahlienkönigin krönen, indem sie für ihre Lieblingsblume abstimmen. Solange ist jede Sorte nummeriert und mit einem Namensschild versehen. Wegen der Wahl der schönsten Dahlie verfügen die Gärtner nicht nur über enormes Fachwissen, sondern sie gehen auch völlig anders mit den Pflanzen um, als es im Hausgebrauch üblich ist. Bis Mitte August schneiden sie konsequent die Knospen der Pflanzen heraus. So lässt sich die Hauptblüte hinauszögern. Selbst im Oktober wogt über dem Dahlienhügel daher noch ein farbenfrohes Blütenmeer. Langsam schiebt sich eine Wolke vor die Sonne. Auf der Stirn des Gärtners glitzern die Schweißperlen. Seinen dünnen grauen Pullover hat er ausgezogen und an die Seite gelegt. Beetpflege steht auf dem Stundenplan: Unzählige verblühte Dahlienblüten hat er schon ausgeschnitten, trockene Blätter entfernt, etliche Pflanzen ausgeputzt. Der Kompostbehälter wird voll und voller.

„Montags fangen wir an der einen Ecke an, bis Freitag haben wir den gesamten Dahlienhügel durch, und nach dem Wochenende geht es wieder von vorne los“, sagt Winterer. Im Spätsommer sind die Dahlien die Hauptattraktion im Park, ehe das Blumenjahr mit der Herbstausstellung allmählich ausklingt. Drei große Kompostkisten füllen die Gartenabfälle jeden Tag - dabei sind sie schon gepresst. „Wir kompostieren nicht auf der Insel, da wir dafür den Platz nicht haben“, sagt der Parkgärtner. Außerdem erfolgt die Schädlingsbekämpfung mit Nützlingen. Überwintern werden die Pflanzen hier trotz des milden Bodenseeklimas nicht - weil der Dahlienhügel in jedem Jahr völlig anders gestaltet wird. Dafür sorgen die Gartenplaner der Mainau, die die Blumensorten permanent variieren.

Und was geschieht im Herbst mit denjenigen Dahlien, die ihre Pflicht erfüllt haben und ausgegraben werden? „Das ist ganz unterschiedlich“, sagt der Gärtner. So nehmen manche Züchter ihre Pflanzen zurück, um sie fürs nächste Jahr als Mutterpflanze zu nutzen. Andere wandern in den Kompost. Winterer knipst zwei welke Blätter von der gelb-roten Semikaktusdahlie „Jessica“ ab. „Die finde ich besonders schön, sie steht auch in meinem Garten“, sagt er. Warum ihm gerade die so gefällt? „Weil der Hund meiner Schwester so heißt“, sagt er und schmunzelt.

Infos zum Bodensee

Anreise
Die Insel Mainau liegt im nordwestlichen Teil des Bodensees, der auch Überlinger See genannt wird. Sie gehört zur Stadt Konstanz. Mit dem Schiff ist sie von vielen Landungsstellen am Bodensee aus zu erreichen. Von Konstanz aus fährt der Bus der Linie 4, der nahe dem Eingang der Insel hält. Auf Mainau verkehrt außerdem ein Inselbus zur zentral gelegenen Schwedenschenke in der Nähe des Schlosses. Für Reisende mit dem Auto gibt es einen großen Parkplatz - die Insel selbst darf nicht mit dem Auto befahren werden.

Die nächstgelegenen Flughäfen sind Zürich, Stuttgart und Friedrichshafen; von allen drei Orten aus fahren öffentliche Verkehrsmittel zur Insel Mainau. Das Insel-Mainau-Kombiticket ist Zugfahrkarte, Schifffahrtschein und Eintrittskarte in einem und über die Deutsche Bahn zu buchen: www.bahn.de

Weitere Informationen zur Anreise gibt es unter www.mainau.de/anfahrt.html

Die Mainau
Die Mainau ist mit ihren rund 45 Hektar die drittgrößte Insel im Bodensee. Es wird davon ausgegangen, dass sie bereits um das Jahr 3000 v. Chr. besiedelt worden ist. Später wurde sie alamannisches Herzogsgut, Teil eines fränkischen Königsguts und Rittersitz, ehe sie ab 1540 dem Konstanzer Bischof gehörte und fortan an wechselnde Besitzer aus österreichischem, schwedischem und englischem Adel fiel.

Nachdem ab 1853 der badische Großherzog Friedrich I. die Mainau als Sommersitz genutzt hatte, wurde der Grundstein für den heute so beliebten Landschaftspark gelegt: Er richtete die großherzoglich badische Hofgärtnerei ein, legte neue Wege an und ließ mediterrane Pflanzen beschaffen. Schon damals waren Schwerpunkte seines Interesses das Arboretum, jene heute sehr sehenswerte Baumsammlung, der italienische Rosengarten und die Orangerie. 1856 verbrachte Friedrich I. seine Flitterwochen auf der Mainau, nachdem er Prinzessin Luise von Preußen geheiratet hatte - die Tochter des späteren Kaisers Wilhelm I. Mittlerweile leben seine Ururenkel im Barockschloss; die Mitglieder der gräflichen Familie Bernadotte betreiben heute das Wirtschaftsunternehmen Mainau GmbH und die Lennart-Bernadotte-Stiftung.

Infos und Öffnungszeiten
Für Besucher ist die Insel Mainau ganzjährig täglich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang geöffnet. Auch wenn das Blumenjahr 2015 offiziell am 25. Oktober endet, gibt es viele Attraktionen, die einen Besuch im Spätherbst und Winter lohnenswert machen: das Schmetterlingshaus, das Palmenhaus, das barocke Deutschordensschloss oder die Schlosskirche St. Marien. Der Eintritt für Erwachsene kostet bis zum 25. Oktober 19 Euro, danach über die Wintermonate 9,50 Euro. Für Kinder unter 12 Jahren ist der Eintritt frei. Mit dem Sonnenuntergangsticket lässt sich die Insel zum halben Preis besuchen. Bis 4. Oktober werden täglich um 13.30 Uhr offene Führungen über die Insel angeboten. www.mainau.de

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