Bundestrainer Joachim Löw hat im Spiel der deutschen Mannschaft noch einiges zu ordnen. Foto: imago/Ulmer

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft steht im zweiten Gruppenspiel gegen Portugal gehörig unter Druck. Doch wer soll die nötigen Tore zum Sieg schießen? Allerdings ist das nicht die einzige Frage.

Herzogenaurach - Der Fanbus, der während der EM durch Deutschland tourt und in den vergangenen Tagen bei der DFB-Elf in ihrem EM-Camp von Herzogenaurach haltmachte, gab während des Abschlusstrainings die Richtung vor. Die Jungs oben auf dem offenen Busdach grölten fleißig, so wie sie also zu früher Morgenstunde (von circa 8 Uhr an) zuletzt rund ums Gelände immer gegrölt hatten. Nach dem 0:1 gegen Frankreich etwa sangen sie „We are the Champions“ oder „The Final Countdown“, und der Chef der Kompanie brüllte alle zwei Minuten in sein Mikrofon, was das denn hier für eine geile Zeit sei. Das alles wirkte nach der Niederlage gegen den Weltmeister nicht so ganz stimmig, aber sei’s drum. EM 2021 ist ja nur einmal, und weil es die EM 2020 nicht wie geplant gab, muss das jetzt halt offenbar alles auch mal raus, so irgendwie.

 

Nun, am Freitagvormittag, sangen die euphorischen Burschen wieder – und sie gaben, ob sie das wollten oder nicht, ein passendes Motto vor fürs zweite Gruppenspiel an diesem Samstag gegen Portugal in München (18 Uhr/ARD), als sie sangen: „Auf geht’s, Deutschland, schieß ein Tor!“

Debatten über das System

Bundestrainer Joachim Löw hielt da gerade auf dem nahe gelegenen Übungsplatz (den der Bus selbstredend nicht ansteuern durfte), eine Ansprache an die Mannschaft vor dem Training. Gut möglich, dass es da kurz vor der Abfahrt nach München auch ums Toreschießen ging. Womöglich auch um die Taktik und die Ausrichtung. Womöglich aber auch: um das alles zusammen.

Denn nicht nur die Sangesbrüder auf dem Bus hatten ja offenbar die große Frage der vergangenen Tage im Sinn: Wie und mit wem soll Deutschland ein Tor schießen gegen Portugal nach dem 0:1 gegen Frankreich, samt karger Offensivleistung? Die Debatten über System und Ausrichtung werden nun wahrscheinlich bis zum Anpfiff bleiben – und nach dem Spiel nicht abebben. Vor allem, wenn die Sache schiefgehen sollte.

Mehr Wucht gefordert

Ilkay Gündogan fordert grundsätzlich mehr Wucht im deutschen Offensivspiel. „Ich erhoffe mir, dass wir mehr nach vorne spielen und mehr Chancen kreieren. Weil wir es können und eine Mannschaft sind, die offensiv denkt“, sagte der Mittelfeldmann. Und weiter: „Ich weiß nicht, was im Kopf des Trainers vorgehen wird. Ob sich an der Formation etwas ändern wird. Wir haben zwei Systeme, die wir gut spielen können.“ Deutlicher kann es ein Fußballprofi unterschwellig wohl kaum formulieren, wie er selbst die Systemfrage beantworten würde.

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Gündogan plädiert also für eine Umstellung auf eine Viererkette. Gegen Frankreich hatte die deutsche Elf mit einer Dreierreihe plus den beiden Außen Joshua Kimmich und Robin Gosens gespielt. Ob Löw nun umstellt gegen Portugal oder ob er seine Elf im gleichen System, aber mit einer offensiveren Ausrichtung ins Spiel schickt, das alles bleibt abzuwarten – und ist offen.

Wohin mit Joshua Kimmich?

Die Vorteile eines Systemwechsels liegen auf der Hand. Personell müsste Löw nichts verändern: Matthias Ginter, gegen Frankreich rechtes Glied der Dreierkette, könnte in der Viererkette nach rechts rücken – und Joshua Kimmich, gegen die Franzosen rechts auf der Seite aktiv, könnte in der Mittelfeldzentrale ran. Ilkay Gündogan wiederum dürfte dann eine Position nach vorne rücken, ins offensive Mittelfeld.

Das Szenario mit dem aggressiven Anführer und Strategen Kimmich hinter den weiter vorne postierten Toni Kroos und Ilkay Gündogan verspräche wohl mehr Tiefe und Passqualität im Zentrum als noch gegen Frankreich, als sich der in der vergangenen Saison extrem torgefährliche Gündogan im defensiven Mittelfeld aufrieb. Und als Kimmich über rechts zwar emotional und mit klaren Ansagen Einfluss nahm – aber eben meist nicht im Spielaufbau.

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Ob sich Joachim Löw nun zu einer Änderung durchringt, wird aus deutscher Sicht bis zum Anpfiff die große Frage sein – denkbar ist auch eine Variante mit einer Viererkette mit Kimmich als Rechtsverteidiger. Dann aber wäre der Profi des FC Bayern wohl noch mehr seiner offensiven Stärken als gegen Frankreich beraubt, als er im Dreier-/Fünferkettenkonstrukt immerhin oft den rechten Mittelfeldmann und nicht nur den Rechtsverteidiger geben durfte.

Löw verteidigte seinen Kurs und die Ausrichtung aus der Partie gegen die Franzosen. Auf Nachfrage, ob das nicht doch einen Tick zu defensiv gewesen sei, entgegnete er, dass er aufgrund der Dreierkette nicht vier, sondern eben nur drei Verteidiger ins Rennen geschickt habe. Die Außen Gosens (links) und Kimmich zählte Löw als Mittelfeldspieler mit, was man zumindest bei Ballbesitz so unterschreiben konnte. Und, so Löw weiter: „Wir hatten mit Toni Kroos und Ilkay Gündogan ja zwei offensiv ausgerichtete zentrale Mittelfeldspieler.“ Die aber waren gegen Frankreich eben meist so weit hinten, dass sie eher als Sechser vor der Abwehr gefordert waren – und daher ihre Stärken vorne kaum einbringen konnten.

Die Verkündung von Löws Aufstellung gegen Portugal also, sie dürfte fast so spannend werden wie das Spiel selbst.