Kann die erneuten Fehler nicht verstehen: Der deutsche Abwehrspieler Mats Hummels (li.) Foto: AFP

Das deutsche Nationalteam offenbart beim WM-Start gegen Mexiko eklatante Schwächen. Die Spieler halten sich mit Kritik nicht zurück.

Moskau - Die Blicke der deutschen Fans im Luschniki-Stadion in Moskau: fassungslos. Die Mimik der deutschen Spieler auf dem Rasen: geprägt von Verzweiflung. Die Lage beim Bundestrainer: irgendwie orientierungslos. Und all das war auch kein Wunder. Denn: Die ohnehin schwierige Mission Titelverteidigung der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist noch kniffliger geworden – nach einer historischen Niederlage.

Erstmals seit 36 Jahren hat die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ein Auftaktspiel bei einer Weltmeisterschaft verloren. 0:1 hieß es am Sonntagabend gegen Mexiko. Und das, was Toni Kroos nach der Partie analysierte, machte diese Niederlage besonders bitter: „Wir haben keine Lösungen gefunden.“ Die Folge mit Blick auf das weitere Turnier: „Wir stehen jetzt unter Druck.“ Und nicht nur das.

Deutliche Kritik am Defensivverhalten

Beim Titelverteidiger ist gleich nach dem ersten Spiel Feuer unterm Dach – was die Analyse von Mats Hummels zeigte. Der Abwehrspieler sprach von einem „zu späten Weckruf“, weil er „nicht verstehen“ konnte, dass seine Mannschaft die gleichen Fehler machte wie schon im Test gegen Saudi-Arabien (2:1). „Unsere Absicherung war nicht gut“, sagte Hummels, „das ist das, was ich oft anspreche.“ Gehört wurde er angeblich nicht in den vergangenen Tagen, weshalb Julian Brandt in dieselbe Richtung ging: „Wir verteidigen mit zwei Partien. Die einen rennen vor, die anderen zurück.“ Joshua Kimmich ergänzte: „Wenn man es nicht über die Qualität lösen kann, muss man über die Mentalität kommen. Das haben wir nicht geschafft.“ Harte Worte, weshalb auch für den Bundestrainer Joachim Löw, der auf den umstrittenen Mesut Özil gesetzt hatte, klar war: „Wir müssen eine Reaktion zeigen.“

Am kommenden Samstag (20 Uhr) trifft das deutsche Team in ihrem zweiten Spiel der Gruppe F auf Schweden, am darauffolgenden Mittwoch ist Südkorea der Gegner. „Sechs Punkte“, wusste Kroos, müssen noch her. Einerseits, um überhaupt das Weiterkommen zu sichern, andererseits, um vielleicht doch noch den Gruppensieg anpeilen zu können. Schließlich droht ansonsten im Achtelfinale ein Duell mit Brasilien. Doch Gedanken an die K.o.-Runde waren am Sonntag nicht angebracht.

Löw: „Widerstände überwinden“

Nach einem Schnellstart der Mexikaner hatte das deutsche Team die Partie zwar kurzzeitig im Griff – und es schien, als nehme dieser Auftakt der WM in Russland den von den deutschen Fans gewünschten Verlauf. Doch diese ordentliche Phase dauerte nicht lange – dann nahmen die Mexikaner den Weltmeister geradezu auseinander. Eine körperbetonte Balleroberung, ein vertikaler Pass – schon war das deutsche Mittelfeld überspielt, die Abwehr in Unterzahl. Das geschah immer wieder. Und irgendwann war das 1:0 der Mexikaner eine logische Folge. Hirving Lozano war in der 35. Minute derjenige, der dem Weltmeister nach einem Ballverlust von Sami Khedira den Nackenschlag versetzte. Von dem sich das deutsche Team nicht mehr erholte. „Sie haben uns gnadenlos ausgekontert“, klagte Hummels.

Einen Freistoß an die Latte von Kroos gab es noch vor der Pause. Danach wurde die Dominanz im deutschen Spiel zwar größer, und speziell nach der Einwechslung von Marco Reus (60. für Khedira) kam auch mehr Tempo ins deutsche Spiel. Einige Möglichkeiten zwischen der 65. und der 77. Minute waren die Folge. Konsequenz und Genauigkeit fehlten aber im Bemühen um den Ausgleich, ein bisschen Pech kam dazu, als Julian Brandt den Außenpfosten traf. Kurz danach war Schluss – und die Zweifel an der Mission Titelverteidigung sind plötzlich groß, weil das Team wie im Testspielmodus wirkte. Von der Wachsamkeit, der Gier und der Frische, die vor vier Jahren (4:0 gegen Portugal) alle Ambitionen unterstrich, war am Sonntag nichts zu sehen. Die Anfälligkeit wirkte erschreckend, die Torgefahr war überschaubar. Sogar Fragen nach der Kaderzusammenstellung kamen auf, weil man sich gut vorstellen konnten, dass einer wie Leroy Sané die eine oder andere überraschende Aktion hätte starten können.

Für ein solches Fazit ist es noch recht früh. Zunächst muss das deutsche Team mit einer „nicht gewohnten Situation“ (Löw) umgehen. „Wir müssen Widerstände überwinden“, sagte der Coach. Und eine erhebliche Steigerung herbeiführen. Denn sonst, meinte Hummels, „ist die WM schnell vorbei“. Dabei hat sie gerade erst angefangen.

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