Rivale auf der Rennbahn: Der Bayer Johannes Lochner, hier beim Training, fordert seinen sächsischen Teamkollegen Francesco Friedrich heraus. Foto: Witters/SebastienBoue

Der Bobfahrer Johannes Lochner will endlich die Dominanz seines deutschen Teamkollegen und Rivalen Francesco Friedrich brechen.

Yanqing - Das hätte schiefgehen können. Da wollte Johannes Lochner dem Bob-Dominator Francesco Friedrich auf dessen Heimbahn in Altenberg Anfang Dezember ein Schippchen schlagen, den damals seit fast einem Jahr unbesiegten Doppel-Olympiasieger hinter sich lassen – und dann unterlief dem Berchtesgadener ein blödes Missgeschick. Er stellte den Helm zu nahe an einen Heizlüfter, und weil der ordentlich arbeitete, schmolz das Innenvisier an, so dass Lochner die Eisrinne nur verschwommen erkennen konnte. „Ich bin mehr oder weniger die Bahn heruntergestürzt, da hatte ich keine Chance mehr, alles war beschlagen“, erzählte er, „Hauptsache, wir sind auf vier Kufen angekommen, es hätte anders ausgehen können.“

 

Der Bayer findet in Yanqing sofort zu seiner Linie

Man lernt aus Fehlern, das gilt zweifellos für den Bob-Piloten, der für den Bobclub Stuttgart-Solitude an den Start geht, aber in Schönau am Königssee aufgewachsen ist und lebt. Bei den Winterspielen, wo an diesem Dienstag (13.15 Uhr/ZDF) die Entscheidung ansteht, hält sich Lochner von Heizlüftern und anderen Gegenständen fern, die ein potenzielles Risiko ausstrahlen. Es sieht ganz gut aus für den 31-Jährigen, die Bahn in Yanqing und Lochner verstehen sich auf Anhieb gut. Der Bayer fand sofort eine gute Linie, zwei Mal gelang ihm die Trainingsbestzeit. „Ich fühle mich besser als 2018 in Südkorea, da kamen wir nicht so zurecht mit der Bahn. Hier ist das ganz anders“, freute sich der Viererbob-Weltmeister von 2017, der seine erste olympische Medaille gewinnen will: „Die Linien sitzen. Wenn ich noch mehr fahre, wird es nur schlechter.“

Sein großes Ziel heißt: Francesco Friedrich schlagen. Wenn man den Großmeister des Bobsports bei diesen Spielen besiegt, liegt die Wahrscheinlichkeit bei über 90 Prozent, dass man die Goldmedaille bekommt. Der Doppel-Olympiasieger von Pyeongchang war im Zweier ein Jahr lang ungeschlagen, ehe er nach 21 Weltcupsiegen in Folge am Neujahrstag 2022 in Sigulda nach einem verpatzten Lauf nur Zwölfter geworden war. „Wir müssen uns gar keine Sorgen machen“, sagte der Sachse aus Pirna nach dem Ende seiner Serie, die gesamte Saison habe gezeigt, dass das Team Friedrich „gut in Schuss“ sei, und „gut vorbereitet für China“. Keine Widerrede. Mitte Januar holte Friedrich, von allen „Franz“ genannt, in St. Moritz seinen sechten Titel als Europameister im Zweier – vor Johannes Lochner.

Es wird Zeit, den Spieß umzudrehen

Es wäre dem Bayern ein großes Anliegen, in Yanqing den Spieß endlich umzudrehen. Er wolle „natürlich nicht zuschauen“, wie sein sächsischer Konkurrent „wieder 16 Weltcups gewinnt. Das kratzt am Ego, wenn der dir Woche für Wochen um die Ohren fährt“, bekannte der fünfmalige Weltcupsieger vor Olympia. Nun haben Lochner und Friedrich außerhalb der Weltcuprennen im Zweier und Vierer keine Berührungspunkte – auch charakterlich sind sie verschieden. Der eine ist ein lustiger, bayerischer Bursche, der in seiner lebensfrohen Art gerne mal einen Spruch raushaut; der andere ist ein strukturierter Sachse aus Oberbärenburg, der sich in der Arbeit völlig verlieren kann.

Dennoch kommen die deutschen Bob-Asse gut miteinander klar, selbst, wenn mal etwas derbere Sätze fallen. Lochner hatte vor der WM 2020, die auf Friedrichs Heimbahn in Altenberg ausgetragen worden war, den etwas unappetitlichen Wunsch geäußert, dass er „ihm gerne ins Wohnzimmer scheißen würde“. Es war nicht despektierlich gemeint, man feixt und flachst im Lager der Bob-Piloten. „Das spiegelt unser Verhältnis gut wider“, rückte der Berchtesgadener seine Aussage ins rechte Licht, „außerhalb der Strecke gibt es Gaudi, sobald das Visier runter ist und die Ampel auf grün springt, gibt es Krieg.“ Und auch das Wort „Krieg“ meint er nicht in seiner wahren Schärfe.

Für Lochner die Medaille, für Friedrich die Fahne

In China folgt Lochners nächster Angriff auf der Bahn. Für die Kurve 13, die den Rodlern und den Skeletoni so viele Schwierigkeiten bereitete, hat er jedenfalls einen Plan. „Man muss die Kurven im oberen Teil genau treffen. Wenn man da einen Fehler macht, ist die ganze Geschwindigkeit weg“, erklärt Lochner. Es wäre ihm mehr als ein Anliegen, am Dienstagabend als Olympiasieger mit der deutschen Flagge in die TV-Kameras zu winken – Francesco Friedrich hatte ja schon seinen großen Auftritt mit der Fahne. Bei der Eröffnungsfeier im Vogelnest von Peking.