Tradition mit Schick: Fesch Gekleidete trafen sich beim Deutschen Trachtentag in Wendlingen. Dort wurde auch das schickste Gewand gekürt. Die Egerländer Tracht wurde zur Tracht des Jahres gekürt.
Fesch, fröhlich, vielfältig: Vom „Floderer“ über handgestrickte „Batzerl-strümpfe“ bis zum reich bestickten Dirndl reichte das Rendezvous schick Gekleideter beim Deutschen Trachtentag in Wendlingen. Während der Bundesgeneralversammlung des Deutschen Trachtenverbands wurde auch der Titel „Tracht des Jahres“ vergeben: Er ging an den Bundesverband der Egerländer Gmoin. Das Prädikat verlieh Thomas Strobl (CDU), baden-württembergischen Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident.
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Eine böhmische Tracht wird zur Tracht des Jahres? Aus gutem Grund, wie Strobl in seiner Laudatio betonte. Die Heimatvertriebenen hätten einen wichtigen Teil zur Erfolgs- und Wohlstandsgeschichte des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen. Ihre kulturelle Prägung habe die baden-württembergische Kultur entscheidend mitgestaltet. „Und nicht zuletzt würde es uns als Land ohne die Vertriebenen gar nicht geben“, so der Christdemokrat. Denn bei der großen Volksabstimmung im Jahre 1951 hätten mehr als 80 Prozent der Vertriebenen für die Gründung eines Südweststaats, dem späteren Land Baden-Württemberg, gestimmt: „Das war damals ganz entscheidend.“
Neue Heimat im Ländle
Inzwischen hätten die Egerländer längst im Ländle ihre Heimat gefunden – aber eben auch ihre Heimatregion in Böhmen nicht vergessen: „Sie pflegen seit ihrer Ankunft hier ihre kulturelle Identität und ihre Traditionen auf eine Art und Weise, die man gar nicht hoch genug schätzen kann“. Trachten liegen nach Ansicht von Thomas Strobl im Trend. Mehr als 500 Vereine gibt es im Land. Und genauso wenig wie es „den Baden-Württemberger“ gebe, gebe es „die baden-württembergische Tracht“: „Vielfalt schafft Verbundenheit und Heimat – und Heimat kennt keine Grenzen.“
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Grenzenlos war auch die Freude der Ausgezeichneten über die Auszeichnung. Die Egerländer Tracht hat laut Mathias Rödl eine besondere Bedeutung. Der erste Vorsitzende der Egerländer Gmoin (Gemeinden) in Wendlingen ist auch Mitglied im Landesverband Baden-Württemberg, und er freute sich darüber, dass mit der Würdigung die mühselige Instandhaltung der teils aufwendig gestalteten Trachten wertgeschätzt werde. Er führte aus, dass im Egerland, einer Region im Westen des heutigen Tschechiens, je nach Landstrich verschiedene Trachten bestehen würden. Nach Ende des Ersten Weltkriegs erhielt die Egerländer Tracht neben der traditionellen allerdings auch eine politische Rolle: Wer sie trug, bekannte sich zum „Deutschtum“. Ende der 1930er-Jahre wurden acht Trachtengebiete im damaligen Regierungsbezirk Eger festgelegt: Eger, Karlsbad, Asch, Luditz, Marienbad, Chotischau und Bischofsteinitz.
Frauen mögen`s vielfältig
Die Frauentrachten unterscheiden sich besonders: Die Kleidung aus Marienbad ist prächtig anzusehen. Das schwarze „Leiwl“ aus Samt oder Wollstoff mit bunten Pailletten, Borten, Litzen und Perlen macht viel her, und die Goldhaube gibt den Beziehungsstatus wieder. Sie wird nämlich von verheirateten Frauen getragen. Eine große geblümte Schürze und ein farblich passendes, buntes Schultertuch machen die Marienbader Tracht komplett. Ganz anders die Egerer Frauentracht. Sie wirkt eher mit schlichter Eleganz. Aber auch die bestickte Bluse, der rote Rock mit schwarzer Schürze und das zum „Nabenitzer Knoten“ gebundene Kopftuch können die Trägerin schmuck kleiden. Die Männer tragen`s einheitlicher. Weniger Unterschiede gibt es bei ihren Trachten, führte der Fachmann aus. Sie erkennt man an ihrem schwarzen „Floderer“, dem mit Seidenbändern verzierten Hut. Aber auch eine braune Jacke und schwarze „Kniebundhousn“ schmücken die Herren. Blickfang sind die Egerländer Hosenträger aus Leder, genannt „S G’schirr“. Sie sind durch achteckige „Huasnoa(n)toutaran“, Plaketten aus Metall oder auch vergoldet, mit der Hose verbunden. Eines aber ziert Männer- wie Frauenbeine: Handgestrickte weiße „Batzerlstrümpfe“ und Schnallenschuhe oder hohe Lederstiefel vervollständigen die Tracht.
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Tradition mit Schick
Rund 100 Delegierte und Vertreter der Kinder- und Jugendgruppen waren zum Deutschen Trachtentag gekommen. Veranstalter waren die Stadt, der Landesverband Baden-Württemberg und der Südwestdeutsche Gauverband der Heimat- und Trachtenvereine. Der Trachtentag findet als Bundesgeneralversammlung normalerweise jährlich in wechselnden Orten statt, wegen Corona gab es allerdings Unterbrechungen.
Der Deutsche Trachtentag in Wendlingen
Tracht des Jahres
Das weltweit einmalige Prädikat "Tracht des Jahres" verleiht der Deutsche Trachtenverband seit 2006. Mit der Auszeichnung werden die Aktivitäten und Aktionen von Vereinen geehrt, die sich in herausragender Weise um die Erhaltung, die Wiederentdeckung und die öffentliche Darstellung der bodenständigen und regionaltypischen Trachten Verdienste erworben haben.
Ausstellung
Im Stadtmuseum Wendlingen in der Kirchstraße 4 bis 6 ist noch bis Sonntag, 8. Mai, die Sonderausstellung „Tracht des Jahres“ zu sehen. Ausgestellt sind alle Trachten, die dieses Prädikat bislang erhalten haben. Geöffnet ist das Museum samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 10 bis 12 Uhr sowie von 14 bis 17 Uhr.
Mehr Informationen im Internet unter www.museum-wendlingen.de.