Mit ihren Arbeiten im Deutschen Pavillon setzen die israelische Künstlerin Yael Bartana und der türkischstämmige Berliner Theaterregisseur Ersan Mondtag einen starken Akzent in Venedig. Eingeladen hat sie die Kuratorin Çağla Ilk, Leiterin der Kunsthalle Baden-Baden.
Sogar eine Ehrenurkunde hat er erhalten – eine „verdienstvolle Anerkennung“ für 25 Jahre Schufterei bei der Eternit Aktiengesellschaft. Gestorben ist Hasan Aygün trotzdem viel zu früh, vermutlich lag es am Asbest. Wer weiß, ob die Sonderbeauftragte für Berufskrankheiten seinen Fall noch geprüft hat, in jedem Fall liegt ihre Visitenkarte nun in einer Vitrine im Deutschen Pavillon neben anderen Habseligkeiten von Hasan Aygün, einem Gastarbeiter, der eigentlich in die DDR kam, um dort sein Glück zu machen.
Ein Stück DDR-Geschichte
Aygün war der Großvater des Berliner Theatermachers Ersan Mondtag, der bisher ungern in Verbindung mit seiner türkischen Herkunft gebracht wurde, weshalb er seinen Namen kurzerhand eindeutschte. Und nun erzählt er doch die Geschichte des Opas, der, so Mondtag, „die Drecksarbeit“ für die Deutschen machte – und jetzt sogar im Rampenlicht der diesjährigen Biennale steht. Denn Mondtag hat mitten in den Deutschen Pavillon einen düsteren braunen Turm gebaut, ein Häuschen aus DDR-Zeiten, das das des Opas gewesen sein könnte. Die Teller in der Küche sind eingestaubt, die Tapeten verblichen, die Terrasse auf dem Dach verwaist.
Kluger Griff mit Hintersinn
Schon viele Künstlerinnen und Künstler haben sich an der protzigen Naziarchitektur des Deutschen Pavillons abgearbeitet, ob Hans Haacke, Isa Genzken oder Christoph Schlingensief. Mit Çağla Ilk wird nun ein neues Kapitel aufgeschlagen. Denn mit der Leiterin der Kunsthalle Baden-Baden wurde eine Kuratorin für den Deutschen Pavillon berufen, die wie Mondtag türkische Wurzeln hat. Als zweiten Gast hat sie Yael Bartana eingeladen, eine aus Israel stammende Künstlerin. Ein kluger Griff mit Hintersinn – Deutschland wird bewusst von einer Jüdin und einem Migranten repräsentiert.
Während Mondtag mit seinem begehbaren Wohnturm ein Stück DDR-Geschichte aufarbeitet, versucht Yael Bartana in ihrer Kunst die Geschichte zu überwinden und ihr positive Zukunftsvisionen entgegenzusetzen. So schwebt im Deutschen Pavillon nun das Modell eines Raumschiffs, das die Menschheit in ein friedlicheres Morgen bringen soll. Eine digitale Projektion gibt schon mal Einblicke in diese paradiesischen Zustände mit zwitschernden Vögeln und viel Grün – digital animiert.
In einer Videoinstallation spielt Bartana auch kess mit der Naziästhetik und lässt gestählte Körper rituelle Tänze aufführen und Fackeln übers Feld tragen. Leni Riefenstahl lässt grüßen – und es ist auch diese parodierende Aneignung, die zwar nicht von der drückenden Last der deutschen Geschichte befreien kann, aber doch wie ein Schritt nach vorn wirkt. Dazu passt, dass Ersan Mondtag vor das Portal einen riesigen Erdhaufen hat schaufeln lassen, der dem Nazibau den repräsentativen Auftritt verpatzt. Der Pavillon scheint förmlich begraben, versunken unter 300 Tonnen Erde aus der Türkei. Ein starkes Symbol: türkische Erde als Humus für eine neue, gemeinsame deutsche Zukunft.
Klangerlebnisse auf der Insel
So ist der Deutsche Pavillon einer der stärksten dieser Biennale, sodass es keiner zweiten Station bedurft hätte. Trotzdem hat Çağla Ilk noch einen weiteren Ort hinzugenommen: die unspektakuläre Insel La Certosa. Rund um eine Ruine warten nun Klangerlebnisse der beunruhigenden Art auf Besucher. Hier ein bedrohliches Brummen, dort ein Surren und Beben, das Nicole L’Huillier mit Silikonmembranen erzeugt.
Sobald man in den kleinen Wald gelangt ist, scheint ein Hubschrauber über einem zu kreiseln und etwas zu suchen – und plötzlich ahnt man, wie sich ein Mensch auf der Flucht fühlt, der vom Himmel aus verfolgt wird.
Deutscher Pavillon
Die Organisation des deutschen Beitrags wird vom Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart organisiert. Die Auswahl der Künstler wird von einem Kurator oder einer Kuratorin getroffen. In diesem Jahr ist das Çağla Ilk, die in Berlin am Theater gearbeitet hat und inzwischen die Kunsthalle Baden-Baden leitet.
Dauer
Die Ausstellung ist von 20. April bis 24. November täglich außer montags zu sehen (Ausnahmen: 22. April, 17. Juni, 22. Juli, 2. und 30. September, 18. November): bis 30. September von 11 bis 19 Uhr, Freitag und Samstag von 11 bis 20 Uhr, ab 1. Oktober von 10 bis 18 Uhr.
Netz
Mehr Infos unter https://www.labiennale.org/en.