Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit: Lucas Lazogianis (unt.) bei der Junioren-EM 2021 gegen den Ukrainer Oleksandr Prymaschenko Foto: imago/Ka/Caliskan

Lucas Lazogianis fühlt sich in erster Linie als Ringer im griechisch-römischen Stil, doch der Sportler aus Stuttgart-Weilimdorf zeigt nicht nur auf der Matte, dass er verschiedene Fähigkeiten besitzt.

Polen, Österreich, Armenien, Ungarn. Lucas Lazogianis kommt rum in Europa. Es geht dem Mann aber nicht darum, viele Länderpunkte in möglichst kurzer Zeit zu sammeln, es geht ihm um Punkte auf der Matte. Der Stuttgarter ist Ringer, bei der SG Weilimdorf hat er das Handwerk erlernt, für seinen Heimatclub startet der 20-Jährige bei Meisterschaften, in der Bundesliga trägt der griechisch-römische Kämpfer das Trikot des ASV Urloffen aus der Ortenau. „Dieser Sport benötigt alles“, betont Lucas Lazogianis, „es geht gleichermaßen um Kraft, um Ausdauer, um Koordination, um Beweglichkeit. Welche andere Sportart kann das von sich behaupten?“ Zugegeben, viele dürften es nicht sein.

 

Nicht nur bei den Trainingskämpfen bei den den Turnieren sind diese Eigenschaften auf der Matte vonnöten. Auch im Leben fernab von Würfen, Schultersiegen, Techniken und Punkten muss ein Ringer flexibel sein, um einen komplizierten Spagat auf verschiedene Arten zu beherrschen.

Da sind die unterschiedlichen Herausforderungen in Sport und (Berufs-)Ausbildung. Lucas Lazogianis besucht die SRH-Hochschule in Heidelberg, wo er Betriebswirtschaftslehre im vierten Semester studiert. In Präsenz, was aufgrund seiner Reisen zu Lehrgängen der Nationalmannschaft oder zu Wettkämpfen ein ausgeklügeltes Zeitmanagement erfordert – und auch eine exzellente Vernetzung mit den Kommilitonen, um an die nötigen Mitschriebe zu kommen, wenn er Vorlesungen wegen des Sports verpasst hat. Zugleich zählt das Kraftpaket zur Sportfördergruppe der Bundeswehr und ist Teammitglied des ASV Urloffen, wo er in der Klasse bis 98 Kilogramm antritt.

Zudem ist der Stuttgarter immer wieder am Heimatstandort Weilimdorf, wo er gemeinsam mit Trainer Kevin Strecker an seinen Fähigkeiten feilt und passende Trainingspartner sucht. „Ohne die Hilfe meiner Mutter bin ich aufgeschmissen“, gibt Luca Lazogianis zu, „sie ist meine Managerin und Sekretärin.“ Koordination ist auch neben der Matte ein Muss.

Tanja Frömel-Lazogianis hatte es damals kaum geahnt, als ihr Filius mit sieben Jahren zum Schnuppertraining der Ringer zur SG Weilimdorf marschierte – niemand in der Familie war dieser Sportart verschrieben und Lucas besuchte bis dato das Fußballtraining des Clubs. Doch der Mattenkampf faszinierte den Buben, und so tauschte er die Fußballschuhe gegen die Ringerschuhe, übte Wurftechniken statt Fallrückzieher und zählte als 14 Jahre alter Teenager zu den Besten Deutschlands. In sechs Kämpfen siegte er bei seiner ersten deutschen Meisterschaft fünfmal, unterlag lediglich dem späteren Meister. „Von da an war mein Ehrgeiz unermesslich“, erzählt er, „ich habe hart trainiert, mir wurde nichts in den Schoß gelegt.“

Selbstdisziplin und Beharrlichkeit im Sport, Zielstrebigkeit und Lernausdauer im Gymnasium – „wenn’s drauf ankam, konnte ich mich motivieren“. 2019 zimmerte Lucas Lazogianis sein Abitur und wurde deutscher Juniorenmeister seiner Gewichtsklasse, die EM und die WM beendete er jeweils auf Rang fünf; nach der Pandemiepause von 2020 und 2021 wurde der Stuttgarter im Mai nationaler Champion nach dem Finalsieg über den 31 Jahre alten Routinier Ramsin Azizsir (Wacker Burghausen), der bei der EM 2017 Bronze gewonnen hatte.

Lucas Lazogianis weiß, dass Medaillen im Ringen wertvoll sind, aber vornehmlich der Ehre dienen – Garant für ein siebenstelliges Bankkonto im Haben sind sie nicht. Der deutsche Meister kommt finanziell gut über die Runden, erhält Sold von der Bundeswehr, wird vom ASV Urloffen für die Kämpfe entlohnt, freut sich über Geld von der Sportförderung und ist dankbar für die Zuwendungen seiner Sponsoren. „Ich kann mein Leben damit gut finanzieren“, sagt der Ringer, der in Stuttgart bei den Eltern wohnt und in Heidelberg am Olympiastützpunkt ein Zimmer hat. „Ich weiß, dass ich davon nicht reich werde und ich nach meiner Karriere einem Beruf nachgehen werden muss.“

Welchen Job Lucas Lazogianis ausüben wird, wenn er das Ringertrikot nur noch zum Spaß anzieht, weiß er nicht. Das steht noch in den Sternen. Zunächst steht die U-23-WM im Oktober auf dem Programm, die Qualifikation für die WM der Männer wäre eine „ganz große Sache“ und 2024 locken die Olympischen Spiele in Paris, eine Teilnahme schätzt der 20-Jährige nicht als „unrealistisch ein, wenngleich ich dafür die Nummer eins in Deutschland in meiner Klasse sein muss“. Wenn’s mit Paris nicht klappt, dann eben Los Angeles 2028. Lucas Lazogianis möchte ihn noch eine Weile durchhalten, den anspruchsvollen Spagat zwischen Sport und Berufsausbildung. Die nötigen Fähigkeiten besitzt er: Kraft, Ausdauer, Koordination und Beweglichkeit.