Ingo Meckes ist seit 1. September 2024 Vorstand Sport im Deutschen Handball-Bund (DHB). Foto: IMAGO/wolf-sportfoto/IMAGO/Marco Wolf

Der Schwabe Ingo Meckes ist als neuer Vorstand Sport des Deutschen Handball-Bundes für das große Ganze verantwortlich. Was hat die Männer-Nationalmannschaft vor der anstehenden WM den Frauen voraus? Ist das Team reif für den Titel?

Die Männer-Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) testet vor der am 14. Januar beginnenden WM zweimal gegen Brasilien. Am 9. Januar (18.30 Uhr/ZDF livestream) in Flensburg und am 11. Januar (16.20 Uhr/ZDF) in Hamburg. Ingo Meckes, Vorstand Sport im DHB, spricht über die Aussichten, gibt aber auch Einblicke in seine Arbeit.

 

Herr Meckes, DHB-Vorstandschef Mark Schober stammt aus Möglingen, Ihr Vorgänger Axel Kromer ist ein Schwabe, Sie auch – ist das Zufall oder steckt mehr dahinter?

(lacht) Das kann ich nicht sagen. Der Grund, warum der DHB mich kontaktiert hat, war wohl eher, dass ich beim Schweizer Handball-Verband in ähnlicher Funktion 13 Jahre lang tätig war, wir da einige spannende Projekte umgesetzt haben und ich eine andere Sichtweise mitbringe, als dass ich Schwabe bin.

Sie spielten für den TSB Horkheim, scheiterten in Ihrer Zeit als Kreisläufer mit der TSG Oßweil 2004 nur ganz knapp am Bundesliga-Aufstieg. Wie sehr haben Sie diese Stationen geprägt?

Der Handball hat mich immer geprägt. Von den sechs Jahren in Oßweil war ich fünf Jahre lang Kapitän, dann habe ich BWL studiert und ein Logistik-Projekt mit 130 Mitarbeitern für einen US-Großkunden geleitet. Für mich war früh klar, dass ich eher ins Sportmanagement als auf die Trainer-Schiene gehe.

Sie sind seit 1. September 2024 für den DHB tätig. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Den einen Teil, der mit dem internationalen Spielbetrieb und der internationalen Vernetzung zusammenhängt, kenne ich aus meiner Zeit in der Schweiz, das erleichtert mir Vieles. Was das Spezifische für Handball-Deutschland betrifft, verfeinere ich mein Netzwerk ständig. Vieles dabei ist mit Reisen verbunden. In den ersten sechs Monaten will ich überall dabei sein, um mir einen umfassenden Überblick zu verschaffen und alles möglichst hautnah zu spüren.

Bei der abgelaufenen Frauen-EM spürten Sie bestimmt viel Luft nach oben, die Entwicklung im Nationalteam stagniert.

Wir sind mit Platz sieben dort gelandet, wo wir aktuell hingehören. Es gab keinen Ausreißer nach unten, leider aber auch nicht nach oben. Wir waren bei dieser EM weit weg davon, einen der Großen richtig zu ärgern.

Der DHB war, unabhängig von Vertragslaufzeiten, immer wieder mal für eine Überraschung gut. Wird man denn definitiv mit Bundestrainer Markus Gaugisch in die Heim-WM 2025 gehen?

Es gibt keinerlei Diskussionen um den Bundestrainer. Wir sind dabei, die gemeinsamen Analysen zu finalisieren. Zudem sind wir in ständigem Austausch und werden schauen, welche Schritte notwendig sind, um für die Heim-WM mehr herausholen zu können.

Wie sehen diese Schritte konkret aus?

Wir werden im März, April und dann auch im September in sechs Länderspielen gegen Topgegner testen und wollen da Schritte nach vorne machen. Diese bieten dem Bundestrainer Möglichkeiten, auch neue Spielerinnen, neue Formationen auszuprobieren, den Konkurrenzkampf zu erhöhen. Und: Wir müssen einen Kulturwandel vollziehen.

„Wir müssen Fokus richtig setzen“

Was ist darunter zu verstehen?

Warum schafft es das Team nicht, gegen große Gegner dranzubleiben, Rückschläge wegzustecken? Wir müssen lernen, uns richtig einzuschätzen. Wie gelingt es, mal über sich hinauszuwachsen, mal einen Riesenfight hinzulegen, wie es Ungarn bei der Heim-EM geschafft hat? Wir müssen den Fokus richtig setzen: Es geht nicht um Leben und Tod, es geht um Erfolg im Sport, um die Gier, das Maximale erreichen zu wollen. Dazu gehören auch Abläufe um die Mannschaft herum. Das sind mittel- bis langfristige Prozesse.

Zum Beispiel?

Bei den Norwegerinnen etwa habe ich das Gefühl, da ist jeder Schritt klar, selbst wenn sie den nur im Teamhotel machen. Die immer gelebte Leistungskultur drumherum gehört eben auch dazu.

Um die Abläufe zu optimieren, hat man für den Männer- und Frauenbereich jeweils Nationalmannschaftsmanager eingestellt.

Benjamin Chatton und Anja Althaus sind wichtige Personen, die in den Nationalmannschaften und jeweiligen Ligen ein hohes Standing haben und großen Respekt genießen. Ich persönlich kann während der großen Turniere den auch dann nicht ruhenden Handball-Alltag vorantreiben und auch andere notwendigen Termine wahrnehmen, weil die beiden sich vollumfänglich um die Teams kümmern. Sie bieten einen top Mehrwert.

Kommen wir zur Männer-WM. Ist das Team reif dafür, um um den Titel zu spielen?

Das Team hat sich super entwickelt. Wir haben eine junge Mannschaft, die noch jahrelang so zusammenspielen kann. Es ist ein neues Selbstverständnis in der Truppe da, das zeigte auch das 35:26 im EM-Quali-Spiel gegen die Schweiz vergangenen November. Trotz vieler Ausfälle so loszulegen, das war beeindruckend. Trotzdem sind wir gut beraten, bei der WM erst einmal nur auf die ersten drei Gegner zu schauen.

Polen, Tschechien und wieder die Schweiz.

Genau, das sind alles gute Nationen. Wenn wir alles reinlegen und gute Leistungen abliefern, werden wir alle drei Spiele gewinnen, da bin ich mir sicher. Dann haben wir eine super Basis für das weitere Turnier und eine Riesen-Steilvorlage mit Blick aufs Viertelfinale. Und ab dem Viertelfinale kann alles passieren. Aber erst einmal gilt es, die Hausaufgaben in der Vorrunde zu machen.

Von einer Durchgangsstation mit Blick auf die Heim-WM 2027. . .

. . .will keiner etwas wissen. Das wird keine Testbatterie, wir wollen in jedem Turnier das Bestmögliche herausholen. Das ist immer das aktuell Größte für alle Spieler. Alle sind hungrig darauf, Olympia-Silber zu bestätigen.

Im Finale gab es ein ernüchterndes 26:39 gegen Dänemark.

Nach dem legendären Viertelfinale gegen Frankreich und dem nächsten Riesenfight gegen Spanien war das vielleicht am Ende ein Endspiel zu viel. Und wie viele Schlappen haben die Dänen kassiert, bevor sie den ersten Titel geholt haben? Man muss auch lernen, ein Finale zu spielen. Von daher können wir einiges daraus mitnehmen.

„Froh, dass wir Alfred an Bord haben“

Alfred Gislason hat Vertrag bis 2027. Gibt es Gedanken, sogar darüber hinaus zu verlängern?

2027 ist ganz schön weit weg, oder? Im Spitzensport ist das fast eine Ewigkeit. Dass Alfreds Vertrag immer ein Thema ist, verstehe ich als Zeichen für die hohe Wertschätzung, die er seit Jahrzehnten genießt. Daher sind wir sehr froh, dass wir stabil aufgestellt sind und Alfred für die kommenden Turniere an Bord haben. Alles Weitere werden wir sehen.

Deutschland ist bis 2032 fast schon Dauergastgeber großer Turniere. Fluch und Segen?

Wir können solche Events perfekt organisieren. Und wenn wir das gesamte Umfeld sehen, ist es ganz wichtig, dass der DHB immer wieder als Ausrichter oder Co-Ausrichter beteiligt ist, weil Deutschland der größte Handballmarkt ist, was Zuschauer- und Medieninteresse betrifft.

Für die Doppel-EM 2032 gab es erst gar keine Gegenkandidaten. Zeigt das nicht die fehlende internationale Vielfalt der Sportart?

Weltweit mag das zutreffen. Aber bevor eine WM in den USA über die Bühne gehen kann, ist noch viel Vorarbeit mit Unterstützung der internationalen Verbände und Vereinigungen nötig. Nehmen Sie die Olympischen Spiele in London. Es herrschte ein Riesenhype um Handball, aber durchgesetzt hat sich unser Sport auf der Insel leider nicht.

Fehlt es dem Handball im Vergleich zum Basketball nicht an jugendlichen Fans und Nachwuchs?

Das glaube ich nicht. Durch den Einfluss der NBA wirkt der Basketball zwar cooler, hipper. Doch zum Beispiel in Skandinavien, speziell in Norwegen, gibt es einen Riesenzuwachs an Handball-Nachwuchs. Und wir in Deutschland forcieren das, indem wir die Großveranstaltungen im eigenen Land ausrichten – wir spüren, wie sich die Heimturniere auch bei uns in den Mitgliederzahlen niederschlagen.

Was ist wahrscheinlicher, ein Titel mit den Frauen oder mit den Männern?

Momentan sind die Männer einen Schritt weiter. Sie haben eine Kaderstruktur mit Potenzial, denn sie können noch über Jahre zusammenbleiben und an Qualität gewinnen. Da sind die Voraussetzungen gut. Das mit den Frauen in Zukunft auch zu schaffen, ist eine unserer Kernaufgaben.

Info


Ingo Meckes
Der Ex-Handballer und heutige Funktionär wurde am 28. Mai 1976 in Heilbronn geboren. Er spielte am Kreis für die TSG Oßweil (2000 bis 2006), Bayer Dormagen (2006 bis 2009) und den TSB Horkheim (bis 2000 und von 2009 bis 2010). Von 2011 bis Januar 2024 arbeitete der Diplom-Betriebswirt als Chef Leistungssport und Mitglied der Geschäftsführung für den Schweizerischen Handball-Verband (SHV). Meckes war zudem für den SHV in mehreren Gremien der Europäischen Handball-Föderation (EHF) vertreten. Seit 1. September 2024 fungiert er als Nachfolger von Axel Kromer als Vorstand Sport des Deutschen Handball-Bundes (DHB). Meckes hat seinen Hauptwohnsitz in Heilbronn. Seine Hobbys sind Politik und Outdoor-Sportarten.

WM-Testspiele
Die deutschen Handball-Männer testen zweimal gegen Brasilien. Am 9. Januar (18.30 Uhr/ZDF livestream) in Flensburg und am 11. Januar (16.20 Uhr/ZDF) in Hamburg.

Männer-WM
Das deutsche Team spielt in der Vorrunde in Herning/Dänemark am 15. Januar (20.30 Uhr) gegen Polen (ARD live), am 17. Januar (20.30 Uhr) gegen die Schweiz (ZDF) und am 19. Januar (18 Uhr) gegen Tschechien (ARD). Sollte Deutschland in die Hauptrunde einziehen, wird die ARD ein Spiel, das ZDF zwei Spiele des DHB-Teams übertragen. Die Aufteilung wird erst vorgenommen, wenn die Begegnungen bekannt sind. Die Tage (21., 23. und 25. Januar) stehen fest, die Uhrzeiten noch nicht. Mögliche Anwurfzeiten sind 15 Uhr, 18 Uhr und 20.30 Uhr. Zieht das deutsche Team bis ins Finale ein, würde die ARD das Viertelfinale (29. Januar) und das Endspiel (2. Februar) übertragen, das ZDF das Halbfinale (31. Januar).

Frauen-WM
Für die Frauen-WM (26. November bis 14. Dezember 2025), mit der deutschen Mannschaft in der Vorrunde in der Stuttgarter Porsche-Arena, hat der Vorverkauf begonnen. Tickets unter: https://worldhandball25.com/de (jüf)