Die Kleinen im Blick: Der Kirchentag bietet viele Mitmachaktionen. Foto: epd

500 Jahre nach der Reformation geht es beim 36. Evangelischen Kirchentag, der am Mittwoch beginnt, nicht nur um das historische Jubiläum, sondern auch um die Zukunft einer Gesellschaft, die zunehmend von und mit Aufregern lebt .

Stuttgart - An Besuchern mangelt es Berlin selten. In dieser Woche werden viele von ihnen durch orangefarbene Schals mit dem Aufdruck „Du siehst mich“ auffallen. Mehr als 100 000 Dauerteilnehmer erwarten die Organisatoren des Deutschen Evangelischen Kirchentags von Mittwoch bis zum Sonntag in Berlin und Wittenberg. Das Kirchentagsmotto meint nicht nur einen Kontrapunkt zur Anonymität der Großstadt. Die drei Worte werden in der Bibel der schwangeren Sklavin Hagar zugeschrieben, die ihrer Herrin Sarah, der Frau Abrahams, davongelaufen ist – und durch Gott gerettet wird. Die Worte aus dem Alten Testament sollen allen Hoffnung geben, die verzweifelt sind, die am Rand stehen, um die sich niemand kümmert. Ein Thema, das bis in die Gegenwart reicht.

Statt über Menschen zu reden, wolle man miteinander reden, interpretiert die Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au den Schwerpunkt der diesjährigen Großveranstaltung. „Wir reden nicht über Flüchtlinge oder über Andersdenkende“, sagt die Theologin: „Wir werden einander zuhören in reformatorischer Gelassenheit und streiten mit protestantischem Selbstverständnis.“ Dies sei der Beitrag des Kirchentages „in einer Zeit verbaler Provokationen und Angriffe auf einen gesellschaftlichen Grundkonsens“. Dazu bieten die etwa 2500 Veranstaltungen Gelegenheit.

Zuhören in reformatorischer Gelassenheit

Bei dem fünftägigen Christentreffen, das alle zwei Jahre an einem anderen Ort stattfindet (zuletzt in Stuttgart), wird auch diesmal wieder gebetet, gefeiert und diskutiert. Vier Monate vor der Bundestagswahl ist das eine Möglichkeit, Politiker von einer anderen Seite kennenzulernen. Die meisten Bundesminister und Vertreter der Opposition werden Vorträge halten, die Bibel auslegen, auf Podien diskutieren und sich kritischen Fragen stellen – schließlich verstehen sich Kirchentage auch immer als gesellschaftspolitische Plattform. Dort werden aktuelle Fragen verhandelt, steht mehr Zeit zum Nachhaken zur Verfügung als in den meisten Fernsehdebatten.

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