Fahri Yardim, Pheline Roggan und Christian Ulmen (v. li.) genießen bei Ulmens Serie „Jerks“ ungewöhnlich viel Freiheit. Foto: dpa

Wenn Schauspieler Regie führen, arbeiten sie lieber fürs Kino als fürs Fernsehen. Denn sie beklagen sich über die Eingriffe von TV-Redakteuren in ihre Konzepte. Einige Stars wie Christian von Ulmen aber haben Freiräume im Fernsehen erobert.

Stuttgart - Das wird kein Zufall sein: Wenn prominente Schauspieler selber Filme machen, dann stets fürs Kino, aber nie fürs Fernsehen. Matthias Schweighöfer hat mit „You are wanted“ immerhin eine Serie für den Streamingdienst von Amazon gedreht, aber Til Schweiger wollte seine „Tatort“-Krimis nicht selbst inszenieren, obwohl er das gekonnt hätte. Aktuell arbeitet Moritz Bleibtreu an seinem Erstlingswerk „Cortex“ – natürlich fürs Kino.

Dan Maag findet das ganz natürlich: „Der große Traum eines Filmemachers ist doch nicht der Fernsehfilm. Das Kino ist ganz klar die Königsdisziplin.“ Maag ist Geschäftsführer von Schweighöfers Firma Pantaleon und hat seit dessen Regiedebüt „What a Man“ (2011) alle Filme des Stars produziert. Er ist überzeugt: „Wenn 100 angehende Regisseure die Wahl hätten, ihr Debüt fürs Kino oder fürs Fernsehen zu drehen, würden sich 99 für den Kinofilm entscheiden.“ Als Produzent geht es ihm offenbar ähnlich, obwohl Pantaleon auch schon fürs Fernsehen gearbeitet hat: „Das Nadelöhr beim Fernsehen ist die Redaktion.“ Maag vermisst dort den Mut zum Risiko: „Redakteure wollten nicht innovativ, sondern in erster Linie erfolgreich sein.“

Herrliche Ausflüge

Christian Ulmen hat ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Seine selbst produzierten Formate haben sich schon zu MTV-Zeiten („Unter Ulmen“) durch einen hohen Improvisationsanteil ausgezeichnet: „Die Arbeit als Schauspieler hat mir zwar mehr Aufmerksamkeit beschert, aber ich habe sie eher als eine Art herrlicher Ausflug betrachtet. Das größere berufliche Glück habe ich schon immer aus den Produktionen geschöpft, die ich selbst verantwortet habe.“

Bei „Jerks“ (Maxdome/Pro 7) ist Ulmen Hauptdarsteller, Autor, Regisseur und Cutter in Personalunion. Er schneidet gerade die dritte Staffel und betrachtet die Serie als „Seelenheil“, denn dank des großen Improvisationsanteils habe er all das weglassen können, was ihn bei Dreharbeiten sonst immer nerve: „Wir proben nicht, wir lernen keine Texte, wir setzen kein aufwändiges Licht.“ Er hat das Projekt auch ARD und ZDF angeboten, aber vergeblich: „Man ist dort gewöhnt, Bücher abzunehmen und über einzelne Dialogsätze zu diskutieren.“

Viele unsinnige Einwände

Ähnlich wie Maag sieht Ulmen eine mangelnde Bereitschaft, eingefahrene Wege zu verlassen: „Mit dem Wort ‚Regisseur’ assoziieren viele Redakteure automatisch einen Mann, der eine Filmhochschule absolviert und für den Sender auch schon diverse Serienfolgen gedreht hat. Kinoproduzenten sind anscheinend eher bereit, auch mal ‚out of the box’ zu denken und ein Projekt einer quereinsteigenden Frau anzuvertrauen. Beim Fernsehen ist man dagegen traditionell eher darauf bedacht, vor allem nichts falsch zu machen.“ Er habe zwar auch schon Redakteure erlebt, die „eine echte Bereicherung“ gewesen seien, aber es gebe eben auch viele, „die unsinnige Einwände vorbringen, weil sie sich sonst überflüssig fühlen, wenn eine Produktion prima läuft.“

Das klingt nach Machtspielchen, und diesen Vorwurf wollen die Sendervertreter natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Heike Hempel, Leiterin der ZDF-Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie II und stellvertretende Programmdirektorin, betont, es gehe nicht „um Machtsphären, die zu sichern sind, sondern um gutes Programm.“

Schlicht zu teuer fürs Fernsehen

Christian Granderath, Leiter der Fernsehfilmredaktion des NDR, reagiert sogar richtig sauer: „Es ist doch ein billiger Jakob, pauschal über Redakteure zu schimpfen.“ Er versichert, es gebe „keinerlei Vorbehalte, wenn jemand mit einer Vision zu uns kommt, der ausreichend Erfahrung und Kompetenz mitbringt.“

Redaktionen erhielten viele Angeboten und müssten eine Auswahl treffen, die sich nicht zuletzt nach den Kriterien Finanzierung und Sendeplatz richte: „Viele der Filme, die von bekannten Schauspielern fürs Kino gedreht worden sind, hätten wir uns schlicht nicht leisten können.“ Immerhin werden Hauptdarsteller von ZDF-Reihen wie „Bergdoktor“ (Hans Sigl) oder „Ella Schön“ (Annette Frier) laut Hempel in den kreativen Prozess mit einbezogen. Der Einfluss von Wolfgang Stumph ist sogar so groß, dass er sich bei den von ihm angestoßenen Projekten mittlerweile als ausführender Produzent nennen lässt.

Rücksicht aufs ältere Publikum

Der Schauspieler Oliver Wnuk hat für eine eigene Idee grünes Licht bekommen. Er stammt aus Konstanz und träumt schon lange von einer TV-Reihe, die in seiner Heimat am Bodensee spielt. Also hat er ein entsprechendes Drehbuch geschrieben.

Wnuk hat zwei Romane, ein Theaterstück und viele Hörspiele verfasst. Er weiß also, wie das ist, wenn man aus seiner Schublade raus will und erst mal auf Skepsis stößt, und kann verstehen, dass seine Kollegen lieber fürs Kino drehen: „Dort genießt man im Idealfall größere erzählerische Freiheiten, weil man nicht einen bestimmten Sendeplatz und damit verbundene Sehgewohnheiten bedienen muss.“ Er hat aber auch Verständnis für die Redakteure, die an ihr überwiegend älteres Publikum denken müssten: „Mit einem Drehbuch, in dem auf jeder Seite ein paar mal ‚Fuck‘ steht, stößt man bei ARD und ZDF unter Umständen auf Widerstand.“

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