Zeichner-Kollektiv aus Stuttgart Deutschland soll eigene Superhelden bekommen

Von Frank Rothfuß 

Die Zeiten, als man sich auf Amerika verlassen konnte, sind vorbei. Es wird Zeit zu handeln. Das macht ein Kollektiv von Zeichnern mit starker Stuttgarter Färbung: Deutschland bekommt eigene Superhelden. Ade Superman, Grüß Gott Lorelei!

Stuttgart - Man kann ihnen nicht entkommen. Aus ihrem natürlichen Biotop, dem Comicheft, sind Superman, Batman, Spiderman, Iron Man, Thor und wie sie alle heißen, längst entlaufen; mittlerweile raufen sie sich auf den Leinwänden. Sie sind allgegenwärtig, die Kinos sind fest in ihrer Hand. „Doch haben die USA kein exklusives Copyright auf maskierte Überwesen“, sagten sich Zeichner in Österreich um Harald Havas und Thomas Aigelsraiter. Sie gründeten eine Österreichische Superhelden-Initiative – kurz ÖSI. Sie sammelten Geld via Internet und haben acht Hefte der Austrian Superheroes mit einem Team um Lady Heumarkt und dem Donauweibchen herausgegeben.

Es kämpfen der Jeck und Gamsbart

Vom Erfolg beflügelt, erweiterten sie ihr Uni­versum ins Nachbarland. Dort macht sich nun die Liga Deutscher Helden auf, Superschurken zu bekämpfen. In Szene gesetzt unter anderem von den Stuttgartern Martin Frei, Stefan Dinter und dessen Bruder Jan, Exilant in Berlin. Drei ­Nummern sind finanziert, ebenfalls via Crowdfunding. Band eins ist im Handel. Er spielt in Frankfurt und München, man jagt Mutanten. Und wie es im Genre üblich ist, es kracht.

Einen Schwaben hat man nicht in der Liga der Deutschen Helden. Es gibt den Jeck aus Köln, Gamsbart aus Bayern, die ­Lorelei vom Rhein, und Watzmann. Ein Berg von einem Mann. Sehr schön, wenn er nach der Klopperei seufzt: „Der Berg ruht.“ Wolfgang Ambros lässt grüßen. Also, Stefan Dinter und Martin Frei, wann kommt der schwäbische Superheld, das Hutzelmännle oder die Schöne Lau? „Eine Nixe haben wir schon“, sagt Dinter, „aber wie wäre es mit Feinstaub? An Regentagen ein unauffälliger Ministerpräsident mit knarrender Stimme, aber er raubt Dir die Luft, wenn die Sonne scheint!“

Viele renommierte Zeichner sind an Bord

Man merkt, die haben Spaß bei der Arbeit. Doch wie erfindet man einen Trupp voll Superhelden, die zwar erkennbar nach Deutschland gehören, aber nicht lächerlich oder wie laufende Klischees wirken? Nicht umsonst übersetzen Verlage und Produktionsfirmen die Namen der englischen Helden nicht mehr, Wolverine hört sich unheimlich an, Vielfraß klingt nach Essstörung; bei Batman schwingt Düsteres mit, Fledermausmann klingt nach Fasching; Spiderman lässt einen die Wände hochgehen, bei der Spinne holt man die Fliegenklatsche.

„Das ist eine Gratwanderung“, sagt Stefan Dinter, vor allem weil es unzählige Vorbilder gibt, die jeder im Kopf hat. Heimatdümmelnd soll es nicht werden, ironisch auch nicht, „Wir wollen eine richtige Superheldengeschichte erzählen“, sagt Frei. „Ich mag die Naivität des Genres“, sagt Dinter, der in seinem Verlag Zwerchfell vielen deutschen Zeichnern eine Heimat bietet. Auch die Stuttgarterin Naomi Fearn mit ihrem „Zuckerfisch“ startete dort ihre Karriere. Ebenso wie Sarah Burrini und ihr „Das Leben ist kein Ponyhof“.

Burrini ist ebenfalls mit an Bord, wie einige andere deutsche Zeichner und Texter. Jan Dinter schreibt unter anderem die Geschichten, Frei macht die Bleistiftzeichnungen, Stefan Dinter tuscht die Geschichten. „Wir haben uns das amerikanische Modell zum Vorbild genommen“, sagt Frei. Man arbeitet im Team, so kommt man zügiger voran, muss aber auch das Ego hintenanstellen. Sonst kümmern sie sich ja von der Idee bis zum Druck um ihre eigenen Projekte, nun schaffen sie nach Vorgabe. Dinter: „Das ist auch mal schön. Es muss zwar schnell gehen, aber ich kann mich aufs Tuschen konzentrieren: Das ist Zeichnen im Zen.“

Die Superhelden tobten sich schon in Stuttgart aus

Martin Frei (Jahrgang 1964) hat schon Comics gemacht, als die jungen Wilden wie Burrini noch mit Wachsmalfarben kritzelten. Er ist einer der Wegbereiter des Genres im Lande, von Science-Fiction über Arbeiten für das Magazin „MAD“ bis zum VfB-Maskottchen Fritzle reicht seine Bandbreite. Superhelden hat er zwar mal in einer Parodie veralbert, aber ansonsten ist dieses Projekt Neuland für ihn. „Wir machen das mit Augenzwinkern, natürlich, aber wir nehmen die Figuren ernst.“ Sie bekommen Biographien und sind in der deutschen Geschichte verwurzelt. In Band zwei taucht in einer Rückblende etwa Helmut Schmidt auf, so manche Staatskrise ließ sich offenbar nur mit Hilfe von Superhelden bewältigen.

So was machen die Amis ja schon lange. Captain America zog gegen die Nazis in den Krieg, Spiderman traf mal Barack Obama. Nebenbei haben die Superhelden auch mal Stuttgart besucht. In dem Film „The Avengers“ demonstriert der Halbgott Loki (gespielt von Tom Hiddleston) seine magischen Kräfte, indem er sich in Stuttgart austobt. Allerdings nicht im Original, sondern in der Knopie. Ein Abklatsch erstellt in Cleveland in den Vereinigten Staaten. Da gab’s im Cafe Rüdiger Wein, Kaffee und Kuchen an der „Bolzstaraße“. Dass der Hauptbahnhof wie ein Bushäuschen aussah, die Polizeiautos noch grün und weiß waren sowie amerikanische Sirenen auf dem Dach haben, geschenkt. Doch Respekt, es gab ein Schild, auf dem stand: „Reserviertes Parken. Mit Parkschein oder Bewohnerparkausweis für die Zone 38.“ Den Showdown gab’s im Biergarten. Ob die Deutsche Helden Liga auch mal in Stuttgart tätig wird? Wer weiß. So wie Stuttgart 21 die Stadt umgräbt, kann ein Kampf von Superhelden auch nicht mehr viel kaputt machen.

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