Erst mit 18 Jahren wechselte Nina Hoffmann vom Speerwerfen zum Downhillfahren. Schnell feierte sie Erfolge, gewann Sponsoren und kämpfte gegen die Weltbesten. Wie ist ihr das gelungen?
Val di Sole - Nina Hoffmann wollte extra nicht springen – aus Angst vor einer Verletzung. Für einen Sprung fühlte sie sich nicht sicher genug, lieber auf dem Downhillrad durch das Hindernis rollen. Hauptsache kein Risiko, schließlich war es das letzte Rennen vor dem Finale beim Weltcup Anfang Juli in Les Gets, Frankreich.
Ihr Ex-Freund hat sie zum Mountainbiken gebracht
Doch dann passierte genau das, was die 25-Jährige eigentlich verhindern wollte: Sie fiel nicht beim Springen, sondern beim Durchrollen über den Lenker, stürzte aus etwa drei Meter Höhe und prallte mit dem Helm voraus auf den Boden. Für ein paar Minuten war da erst mal nichts, Hoffmann verlor das Bewusstsein. Als sie aufwachte, fühlte sich ihr kompletter Oberkörper nicht gut an, ihre Schulter und Rippen schmerzten, sie forderte eine Nackenkrause. „Das habe ich so noch nie erlebt. Ich habe eine Viertelstunde gebraucht bis ich wusste, wo ich bin und was überhaupt passiert ist“, erzählt sie heute. Und weiter: „Ich habe mit allem gerechnet.“ Das Ende ihrer Karriere?
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Hoffmann lebt in Jena und gilt als die deutsche Mountainbike-Hoffnung. Die 25-Jährige misst sich bei Downhill-Rennen mit den Besten der Welt. Und das, obwohl sie erst im Alter von 18 Jahren das Mountainbiken für sich entdeckte. Davor glänzte sie in einer ganz anderen Sportart: im Speerwerfen, wo sie aber immer wieder mit Verletzungsproblemen zu kämpfen hatte. „Dann kam mein Ex-Freund um die Ecke – und der ist Fahrrad gefahren“, erzählt sie.
Selber am Rad schrauben und im Auto übernachten
Hoffmann hatte ihre neue Leidenschaft gefunden. „Ich mag diesen Adrenalin-Kick beim Downhillfahren. Und man ist draußen in der Natur, in den Bergen, sieht super coole Landschaften“, schwärmt sie. Wie hat sie es aber so schnell in die Downhill-Weltspitze geschafft? Ein „bisschen Talent“ muss eine Rolle gespielt haben, vermutet sie. Und vom Speerwerfen habe sie die nötige Athletik mitgebracht. „Ich hatte die Kraft und die Körperspannung, das Bike zu halten. Das hat mir extrem geholfen, dass ich mich so schnell entwickeln konnte.“
Bis zum vergangenen Jahr fuhr sie auf eigene Faust zu den Weltcup-Rennen, schraubte selbst an ihrem Wettkampfrad und übernachtete im Auto, einfach, weil es günstiger war. Inzwischen hat sie sich ein eigenes Team aufgebaut, bestehend aus einem Trainer/Manager, einem Mechaniker und ihrer Schwester. Möglich wurde dies durch ihren Podiumsplatz beim Gesamtweltcup 2019: „Dann haben viele Sponsoren für 2020 noch mal eine Schippe draufgelegt.“
Der erste Wettkampf nach dem schlimmen Sturz
Zurück zum Rennen in Frankreich Anfang Juli: Am Ende hatte Hoffmann das berühmte Glück im Unglück, nicht mal eine Operation musste die Mountainbikerin über sich ergehen lassen. Die Ärzte diagnostizierten eine Schultereckgelenksprengung.
Jetzt nimmt Hoffmann am kommenden Wochenende sogar an der Weltmeisterschaft im Downhill im italienischen Val di Sole teil, ihr Rennen ist am Sonntag gegen 13 Uhr. „Ich freue mich riesig“, sagt sie. Es ist ihr erster Wettkampf nach dem schlimmen Sturz in Frankreich. Klar, solche Vorfälle lassen sich beim Downhillfahren kaum komplett verhindern, Hoffmann muss damit rechnen. Aber wie blendet sie die Angst vor einem erneuten Sturz aus?
Hoffmann muss ihre Ziele zurückschrauben
„Ich analysiere immer, warum ich gestürzt bin – und es gibt eigentlich immer einen Grund. Das nimmt mir dann extrem die Angst fürs nächste Mal“, erklärt sie. Obwohl die 25-Jährige zugibt, dass das mit fortschreitendem Alter schwieriger wird: „Vor ein paar Jahren war ich noch viel draufgängerischer.“ Heute wisse sie, was alles passieren könne, ist deshalb deutlich vorsichtiger geworden.
Zur WM fährt sie daher auch ohne große Erwartungen an eine Platzierung: „Ich möchte die Strecke sicher runterkommen und ein gutes Rennen fahren – und dann schauen, was dabei rauskommt.“ Nach ihrem schweren Sturz in Frankreich muss sie auch ihre Ziele für den diesjährigen Gesamtweltcup zurückschrauben. Eigentlich hatte sie eine Top-Drei-Platzierung im Blick, aber „das ist nicht mehr möglich, drei Weltcups waren ja schon“.
Doch für das Weltcup-Finale Mitte September in Snowshoe, USA, nimmt sie sich Großes vor: „Vielleicht bin ich bis dahin so fit und selbstbewusst, dass ich aufs Podium oder auf den ersten Platz fahren kann.“ Einem Sturz im letzten Rennen vor dem Finale sollte sie dann aber zwingend aus dem Weg rollen – oder springen, je nachdem für was sie sich dieses Mal entscheidet.