Julia Kunsek gibt auch ohne Partner eine gute Figur ab. Foto: www.sportfotografie-gerner.de

Julia Kunsek ist Deutsche Meisterin im Solo-Tanz. Für den Schwarz-Weiß-Club Esslingen tritt sie bei Wettbewerben in ganz Europa an. Wie die 57-Jährige von deutschen Gewohnheiten profitiert hat und welches Ziel sie noch anpeilt.

Der Tanzsport hat ein Männerproblem – zumindest empfindet das Julia Kunsek so. Als Frau sei es stets eine Herausforderung, einen geeigneten Partner zu finden, erzählt die Fellbacherin, die für den Schwarz-Weiß-Club Esslingen über das Parkett schwingt. Zwar werden traditionelle Geschlechterrollen beim Sport – die Jungs zum Fußball, die Mädels zum Ballett – längst hinterfragt. Dennoch sagt Kunsek: „An Männern mangelt es beim Tanzen immer.“

 

Doch die Szene scheint seit einiger Zeit aus der Not eine Tugend zu machen. Dafür sprechen neue Wettbewerbe, die in klassischen Paartanzarten wie Standard und Latein aus dem Boden sprießen. Mittendrin: Julia Kunsek. Sie hat im November bei der Premiere der Deutschen Meisterschaften im Solo-Tanz den Titel in der Disziplin Latein gewonnen. Für die Veranstaltung in Dortmund hat sie sich eine eigene Choreographie ausgedacht, denn: „Das sind ganz andere Figuren, mit dem Paartanz haben die nicht viel zu tun.“ Kunsek, die auch bei Turnieren für Duos antritt, fügt hinzu: „Alleine kommt es mehr auf die Show an, da man mit dem Publikum und nicht mit dem Partner kommuniziert.“

Ein lang gehegter Traum

Der Erfolg in Dortmund macht die 57-Jährige stolz. Ebenso wie die Teilnahme an der Equality-Europameisterschaft in Wien. Equality – das ist noch so ein neues Format, bei dem Frauen mit Frauen und Männer mit Männern tanzen. Im imposanten Sophiensaal der österreichischen Hauptstadt ging Kunsek im Sommer zusammen mit Tatiana Karina-Wedrich an den Start. Mit Erfolg: Bei ihrem Equality Debüt triumphierten die beiden in der Kategorie „Female 40+ Latin“.

Frau tanzt mit Frau: Julia Kunsek (links) bei der Equality-EM.

„Ich probiere einfach gerne Neues aus und habe Spaß am Lernen“, sagt Kunsek, die neben Deutsch, Englisch und Italienisch muttersprachlich Russisch beherrscht. Sie ist in der rund 1500 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Republik Baschkortostan geboren und aufgewachsen. Während ihrer Jugend absolvierte sie dort eine Ausbildung zur Klavierspielerin. Kunsek sagt: „Das Tanzen war damals immer mein großer Traum, aber irgendwie ist es nicht dazu gekommen.“ Das änderte sich erst, als sie längst in die Region Stuttgart gezogen war, einen deutschen Mann geheiratet und mit ihm Kinder bekommen hatte. Kunsek brachte den Nachwuchs eines Tages zum Tanzunterricht, dabei flammte in ihr selbst der alte Traum wieder auf. „Ich habe dann beim Kindertraining gefragt, ob ich auch mitmachen kann.“

Mehr als zehn Jahre ist das her. Kunseks erwachsene Söhne rasen inzwischen lieber – wie ihr skispringender Mann – mit Brettern durch den Schnee. Dafür tanzt sie selbst bis zu fünfmal pro Woche, in Esslingen und manchmal auch beim Casino Club Cannstatt. Hinzu kommen Turniere in ganz Deutschland und sogar schon in Spanien – ein enormer zeitlicher Aufwand. Das ist für die Pianistin und Organistin, die im Fach Korrepetition an der Hochschule für Musik in Stuttgart lehrt, allerdings kein Problem. Sie sagt: „Wenn ich den ganzen Tag auf der Arbeit sitze, sind die eineinhalb Stunden in der Halle danach ein schöner Ausgleich.“

In Deutschland tanzen die Älteren

Außerdem sei sie sehr diszipliniert, wenn es darum gehe, Dinge zu üben. Diese Eigenschaft habe sie sich während der Klavier-Ausbildung in Russland angeeignet. In ihrer alten Heimat komme dem Tanzen gesellschaftlich eine hohe Bedeutung zu, erzählt Kunsek. Besonders das Ballett spiele traditionell eine große Rolle. Aber auch Deutschland sei im Tanzsport gut aufgestellt. Vor allem unter Älteren wachse die Nachfrage, die höchsten Mitgliederzahlen seien in den Klassen ab 50 Jahren aufwärts zu verzeichnen. „Hier ist es normal, dass auch ältere Menschen einem Hobby nachgehen“, sagt Kunsek und fügt hinzu: „Für mich war das ein Glücksfall, diese Möglichkeit gibt es in vielen anderen Ländern nicht.“

Ein Ziel hat sie noch vor Augen: die Teilnahme am achttägigen Blackpool-Dance-Festival an der englischen Westküste. „Das ist das bekannteste Turnier der Welt, mit internationalen Spitzenpaaren, in einem wahnsinnigen Saal“, schwärmt Kunsek. Ohnehin reist sie gerne zu den Tanzevents. „Dort trifft man ständig neue Leute aus der ganzen Welt.“ Man feuere sich bei den Wettbewerben gegenseitig an und feiere anschließend gemeinsam. Kunsek sagt: „Das ist wie ein Nachhausekommen.“