Auf der Erfolgswelle: Max Lemke (li.) und Jacob Schopf. Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Jacob Schopf und Max Lemke siegen auch im Kajak-Zweier – sie sind die ersten deutschen Männer, die in Paris Doppel-Gold geholt haben. Anschließend sprechen die Kanuten Klartext mit Olaf Scholz.

Das hatte sich Olaf Scholz ganz sicher entspannter vorgestellt. Und gemütlicher. Der Bundeskanzler wollte am Freitag ein bisschen beim Kanu zuschauen, womöglich die eine oder andere deutsche Medaille bejubeln, in Ruhe in der Sonne einen Kaffee trinken – und dann gestärkt weiterziehen ins Deutsche Haus in der Pariser Innenstadt. Doch auf dem Weg zum Ausgang des Wassersportstadions Vaires-sur-Marne lief er Tom Liebscher-Lucz über den Weg, der sich kurzerhand zum Sprecher der deutschen Kanuten aufschwang, die mit nun schon vier Medaillen (2x Gold, 1x Silber, 1x Bronze) neben den Reitern das erfolgreichste Team sind.

 

Mehrere Minuten redete der Olympiasieger auf Olaf Scholz ein, platzierte eine politische Botschaft nach der anderen. Der Bundeskanzler hörte zu, nickte ständig, wirkte aber nicht allzu interessiert. Und wusste doch: Das mit dem gemütlichen Besuch an der Kanustrecke hat nicht funktioniert – weil in Deutschland Sport und Politik bei vielen wichtigen Themen im selben Boot sitzen.

Die Stärke ausgespielt

Wenn jemand das Recht hat, dazu kritische Fragen zu stellen, dann sind es die deutschen Kanuten. Denn sie rufen verlässlich Top-Leistungen ab. Am Donnerstag hatten sie in den beiden wichtigsten Rennen zunächst zwei Medaillen geholt, danach wurden die Freunde aus den Kajak-Vierern der Männer (Gold) und Frauen (Silber) zu Konkurrenten – alle vier Zweier-Boote erreichten am Freitag den Finallauf, in dem Max Lemke und Jacob Schopf den nächsten Gold-Coup landeten.

Das Erfolgsduo siegte im Kajak-Zweier über 500 Meter vor den Teams aus Ungarn und Australien. „Wir hatten einen guten Start, es war ein perfektes Rennen“, sagte Jacob Schopf, und Max Lemke erklärte: „Wir wussten, dass wir das stärkste Boot sind. Diese Stärke haben wir ausgespielt.“

Max Rendschmidt und Tom Liebscher-Lucz, die mit Lemke und Schopf tags zuvor im Kajak-Vierer triumphiert hatten, belegten Rang fünf – ihr Endspurt war diesmal einen Tick zu spät gekommen. „Es haben nur ein paar Zentimeter zu Bronze gefehlt, doch wir haben alles auf dem Wasser gelassen“, sagte Liebscher-Lucz, „viel wichtiger für uns alle war Gold im Vierer, das sind wir der hohen Erwartungshaltung, auch unserer eigenen, gerecht geworden. Heute war nicht mehr im Tank.“ Ähnlich sah es Rendschmidt: „Wir haben gezeigt, was wir können. Wahnsinn, was Max und Jacob geleistet haben, wir haben auf sie getippt.“ Lemke und Schopf sind nun die einzigen deutschen Männer, die in Paris Doppel-Gold geholt haben.

Sebastian Brendel fährt hinterher

Die zweite Medaille gewannen Paulina Paszek und Jule Hake, allerdings erst nach langem Warten. Hinter den überlegenen Neuseeländerinnen und dem ersten ungarischen Boot waren der deutsche Kajak-Zweier und das zweite ungarische Duo zeitgleich ins Ziel gekommen, es folgte eine nervenzehrende Warterei über mehrere Minuten. Letztlich wurde an beide Teams Bronze vergeben. „Das war ein sehr emotionaler Moment für uns alle“, sagte Paulina Paszek mit Tränen in den Augen, „dieser geteilte dritte Platz ist ein unfassbares Glück.“ Das Sebastian Brendel auch gerne erlebt hätte.

Der dreimalige Olympiasieger (einmal London 2012, zweimal Rio 2016) ging in seinem womöglich letzten großen Rennen im Canadier-Einer über 1000 Meter leer aus – er wurde im Endlauf Letzter. „Das ist ein ernüchterndes Ergebnis, mit dem ich erst einmal klarkommen muss“, sagte Brendel (36), der mit den windigen Bedingungen haderte, „ich bin enttäuscht und kann noch nicht sagen, ob das mein finales olympisches Rennen war. Ich werde in den nächsten Tagen in Ruhe darüber nachdenken.“ Ob sich auch Olaf Scholz diese Zeit nimmt?

„Doppelte Leistung wird nicht belohnt“

Schon in der Mixed-Zone unmittelbar nach ihrem Finale hatten Tom Liebscher-Lucz und Max Rendschmidt ungewohnt offen darüber gesprochen, warum das Team D in Paris nicht gerade auf einer Erfolgswelle reitet. „Bei einigen Verbänden ist offenbar der Blick für die Realität verloren gegangen“, sagte Rendschmidt. Und Liebscher-Lucz fügte hinzu: „Bei uns werden nur die Athleten mitgenommen, die eine Medaillenchance haben.“ Und wenn es im Vorfeld eines Großereignisses mal nicht laufe, bekomme man die Ansage, „jetzt mal keine Faxen“ mehr in den sozialen Netzwerken zu veranstalten, sondern lieber hart zu trainieren. Darüber hinaus ging es aber auch um grundsätzliche Dinge: die Sportförderung, Deutschlands Olympia-Bewerbung, das Prämiensystem. „Bei uns gibt es Geld nur für die wertvollste Olympia-Medaille, wenn ich mehrere hole, ist das egal“, sagte Rendschmidt, „doppelte Leistung wird in Deutschland nicht belohnt.“ Und Liebscher-Lucz meinte: „Es wäre schön, wenn der Bundeskanzler uns nicht nur mit Blick auf die nächsten Wahlen besuchen würde.“

Wer nun dachte, Tom Liebscher-Lucz fehle es an Mut, Olaf Scholz dies alles auch ins Gesicht zu sagen, lag falsch. Fünf Minuten später stand der Olympiasieger dem SPD-Politiker gegenüber – und wiederholte seine kritischen Gedanken und konstruktiven Anregungen. Am Ende lud er den Bundeskanzler noch zu einem Trainingsbesuch ein. Auch darauf bekam er als Antwort ein Nicken. Dabei hätte Olaf Scholz spätestens in diesem Moment klar sein müssen, dass sich Tom Liebscher-Lucz und die deutschen Kanuten damit nicht zufrieden geben werden.