Frustrierte deutsche Handballer nach der klaren Niederlage im olympischen Finale. Foto: dpa/Marcus Brandt

Das deutsche Handball-Nationalteam verliert im Kampf um den Olympiasieg gegen Dänemark klar mit 26:39 – und muss sich mit der Silbermedaille erst anfreunden. Kai Häfner vom TVB Stuttgart macht sein letztes Länderspiel.

Es ist nach einem verlorenen Olympia-Finale immer schwierig, den Wert einer Silbermedaille sofort richtig einzuschätzen. Erst recht, wenn die Niederlage so deutlich ausgefallen ist. Während die deutschen Handballer nach der 26:39-Pleite gegen Dänemark mit hängenden Köpfen vor ihrer Bank standen, gab es einen, der gedanklich schon etwas weiter war. Bundestrainer Alfred Gislason nahm alle seine Spieler in den Arm, gratulierte jedem Einzelnen. Zu zwei starken Wochen. Und zu Platz zwei. „Die Mannschaft“, sagte er, „hat ein großartiges Turnier gespielt.“ Allerdings dürfte es ein bisschen dauern, bis das bei wirklich allen angekommen ist, was sie bei diesen Sommerspielen geleistet haben. Weil das Finale noch ein bisschen nachhallen wird.

 

Andreas Wolff zum Beispiel hatte schon nach einer Viertelstunde genug gehabt. Genug gesehen, genug kassiert, genug in sich hineingefressen. Der Torwart, der das Halbfinale gegen Spanien mit einer außerirdischen Quote (50 Prozent gehaltene Bälle) fast alleine gewonnen hatte, schimpfte auf seine Abwehr, ging dann völlig frustriert hinaus zur Bank. Dort nahm er einen Schluck aus der Trinkflasche, leerte im Gespräch mit dem Kollegen David Späth seinen Kropf, winkte ab und schüttelte resigniert den Kopf. Wolff wusste bereits in diesem Moment und beim Stand von 6:13, dass gegen Dänemark nichts zu holen sein würde. Sein Gefühl hat ihn nicht getrogen.

Die Abwehr bekommt keinen Zugriff

Wolff machte kurz darauf Platz für Späth, der aber ebenfalls keine Hand an irgendeinen Wurf brachte. Acht Minuten später kehrte Wolff zurück ins Tor, da lag sein Team 10:19 hinten, und spätestens zu diesem Zeitpunkt war nicht nur ihm, sondern jedem in der Halle klar: Dieses Spiel ist entschieden. Prompt stimmten die Einheimischen auf der Tribüne französische Gesänge an – wäre ein Olympia-Finale zwischen Dänemark und Frankreich, das in einem dramatischen Viertelfinale an Deutschland gescheitert war, interessanter gewesen? Vermutlich. Denn das junge deutsche Team war an diesem Tag überfordert. In allen Belangen.

„Ich hatte im Vorfeld gesagt: Wenn wir eine Chance haben wollen, müssen wir von Anfang an dagegen halten“, sagte Bundestrainer Alfred Gislason, „aber das Spiel war eigentlich schon nach zehn Minuten vorbei. Bis dahin war jeder Wurf der Dänen ein Treffer, wir haben in der Abwehr nichts zu fassen bekommen.“ So sah es auch Juri Knorr. „Wir haben zu keinem Zeitpunkt unser Level erreicht“, erklärte der Spielmacher, „die Vorstellung war ein Albtraum. Natürlich bin ich dankbar für die letzten Wochen, wir standen verdient im Finale – doch ausgerechnet dann zeigen wir die schlechteste Leistung seit langer Zeit.“

Auch die Erfahrung ist ein Faktor

Die Abwehr, ansonsten ein Bollwerk, bekam nie Zugriff auf die Dänen, die nahezu perfekt spielten, zur Pause 21:12 führten und am Ende völlig ungefährdet gewannen. Was auch damit zu tun hatte, dass die Deutschen sichtlich beeindruckt waren von der Bedeutung des Moments – es war schließlich für alle das bis dahin größte Spiel ihrer Karriere. Die Dänen verfügen über mehr Erfahrung.

Das Team um Torhüter Niklas Landin und Mikkel Hansen, die beide ihr letztes Länderspiel absolvierten, gewann die letzten drei WM-Titel, holte 2016 Olympia-Gold und 2021 Olympia-Silber, dazu 2024 Platz zwei bei der EM. Dort, wo die Dänen sind – an der absoluten Weltspitze –, wollen die Deutschen erst noch hin. Das Potenzial, das hat sich nicht zuletzt bei den Siegen gegen Frankreich (35:34 nach Verlängerung) und Spanien (25:24) im olympischen Viertel- und Halbfinale gezeigt, ist vorhanden – der Weg aber trotzdem noch weit. „Wir haben eine gute Zukunft vor uns“, sagte Juri Knorr, „denn wir sind jung und talentiert. Aber wir müssen aus solchen Spielen lernen.“

Golla: „Die Dänen sind die Besten“

Schließlich ist im olympischen Finale von der Entwicklung, die es im deutschen Team in den vergangenen Monaten zweifelsohne gab, wenig zu sehen gewesen. Stattdessen zeigten die Dänen, angetrieben vom überragenden Welthandballer Mathias Gidsel (11 Tore), ihre Klasse. Die deutschen Handballer hatten deren Tempo, Ballsicherheit, Physis und Wurfkraft nichts entgegenzusetzen. „Die Dänen“, sagte der deutsche Kapitän Johannes Golla, „sind das beste Team der Welt.“ Weshalb es aus deutscher Sicht auch keinen Grund gibt, das olympische Turnier nicht als großen Erfolg zu werten. „Diese Mannschaft sorgt für eine positive Resonanz, die der deutsche Handball in der Form schon lange nicht mehr hatte. Das kann man gar nicht hoch genug bewerten“, sagte Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar, der Manager der Füchse Berlin, zu den Auftritten des Nationalteams in Paris und Lille.

Kaum zum Einsatz kam im Olympia-Finale Kai Häfner (35) vom TVB Stuttgart. Für den Linkshänder war es das letzte Länderspiel, er beendet seine internationale Karriere. „Es war sensationell, dass ich das noch erleben durfte“, sagte der Rückraumspieler, „dafür bin ich unendlich dankbar. Es ist schön, dass wir eine Medaille geholt haben.“

Deren Wert in den nächsten Tagen noch steigen wird. Ganz sicher.