John Cryan beerbt Anshu Jain an der Seite von Jürgen Fitschen und soll Deutschlands größtes Geldhaus nach der Hauptversammlung Mitte Mai 2016 alleine führen Foto: dpa

Der neue Chef der Deutschen Bank will bei dem skandalgeschüttelten Institut ordentlich aufräumen. Deutschlands größtes Geldhaus stehe wegen seiner ramponierten Reputation vor immensen Herausforderungen, schrieb John Cryan am Mittwoch in einem Brief an die rund 100 000 Mitarbeiter.

fRankfurt - Der seit Mittwoch amtierende neue Co-Vorstandschef der Deutschen Bank will sich erst Ende Oktober über seine konkreten Pläne für das Geldhaus äußern. In einem Brief an die rund 100 000 Mitarbeiter bekräftigte John Cryan allerdings, dass er an der im Frühjahr vom Vorstand beschlossenen und vom Aufsichtsrat einstimmig unterstützten Strategie 2020 festhalten wird. Damit rüttelt er nicht am Verkauf der Postbank, an der Schließung von 200 der noch 750 Filialen der Deutschen Bank, an der Aufgabe von Standorten im Ausland und an Einschnitten auch im Investmentbanking. Der 54-jährige Brite hat die Pläne im Aufsichtsrat selbst mit abgesegnet.

Zum Thema Kulturwandel äußert sich Cryan, der die Bank bis Frühjahr 2016 zusammen mit Jürgen Fitschen führt und dann allein das Ruder übernehmen soll, in seinem zweiseitigen Brief nicht, er betont lediglich, dass „unsere Reputation durch Fälle von schwerwiegendem Fehlverhalten beschädigt worden ist“.

Strafzahlungen werden die Bank noch für „einige Zeit“ belasten, ist sich Cryan sicher. Er räumt auch ein, dass die Beziehungen zu den Aufsichtsbehörden nicht gut seien und verbessert werden müssten. Sowohl die Bankenaufseher in den USA als auch in Deutschland hatten die Zusammenarbeit der Bank bei der Aufklärung von Skandalen und Manipulationen bemängelt. Felix ­Hufeld, Chef der Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin, fordert Cryan auf, für „zuverlässige und belastbare Prozesse“ in der Bank zu sorgen. Das Institut müsse „nachbessern“.

Cryan betont in dem Brief, dass Geschäftsfelder, die nicht den Standards entsprechen würden, aufgegeben würden. Niemand könne versprechen, dass die Bank keine Fehler machen werde. Er versichere aber, dass „wir Probleme entschieden identifizieren, Lösungen finden und diejenigen zur Rechenschaft ziehen werden, die sich falsch verhalten“.

Der Brite, für den es eine Ehre ist, „diese Institution führen und mich als ‚Deutschbanker‘ bezeichnen zu dürfen“, beklagt auch die finanzielle Lage der Bank. Das Geschäftsmodell sei zu diversifiziert und zu komplex. Es gebe mangelhafte und ineffektive Prozesse, veraltete und nicht angemessene Technologien. Damit kritisiert Cryan auch die Arbeit seines Vorgängers Anshu Jain und von Co-Chef Fitschen. Die beiden hatten das Haus seit Juni 2012 geführt, Jain hat die Bank Ende Juni verlassen.

Die Bank werde den Umfang ihrer Aktivitäten reduzieren, schreibt der neue Co-Chef. Was dies im Detail bedeutet, lässt er offen. Er halte es für richtig, den Sommer und Frühherbst zu nutzen, um zu prüfen, wie die Strategie 2020 am besten ausgeführt werde. Da die Bank Filialen schließen und die Kosten deutlich senken will, rechnen Beobachter unter anderem mit einem deutlichen Stellenabbau, möglicherweise sogar in ­fünfstelliger Höhe.

In den nächsten Monaten werde in der Bank wohl nicht alles harmonisch und ohne Probleme verlaufen, schreibt Cryan. Der gesamte Vorstand werde unermüdlich daran arbeiten, dass die Deutsche Bank wieder dorthin zurückkehre, wo sie hingehöre: „ins Herz der deutschen Gesellschaft und ihrer Wirtschaft als eine führende globale Bank für Finanzdienstleistungen“.

Während Zweifel nicht ausgeräumt sind, dass der ausgeschiedene Co-Chef Jain von den Manipulationen etwa beim Interbankenzins Libor gewusst haben könnte, für die die Deutsche Bank in den USA und in Europa insgesamt mehr als drei Milliarden Euro an Strafe zahlte, lobt Cryan seinen Vorgänger: Jain habe in seiner mehr als 20-jährigen Tätigkeit einen erheblichen Beitrag für die Bank geleistet.

Ob Cryan wirklich gut Deutsch spricht, wie die Bank betont, wurde den 100 000 Beschäftigten am Mittwoch nicht klar. Zwar gibt es eine Audiofassung des Briefes. Die aber wurde nicht von Cryan, sondern von einer automatischen Stimme vorgelesen, die nicht einmal Cryans Vornamen und mehrere andere Wörter korrekt aussprach. Bereits auf der Hauptversammlung Ende Mai hatte die Bank für Kopfschütteln gesorgt, als Jain seine Rede auf Englisch vortrug, im Saal aber nur die Stimme eines deutschen Synchronsprechers zu hören war.

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