Seit den 1960er Jahren leben in Schönaich viele Menschen, deren Wurzeln in einem sizilianischen Dorf liegen: in Mirabella Imbaccari. Die beiden Orte verbindet ein schicksalhaftes Band.
In seiner Heimatstadt Mirabella Imbaccari, einem Dorf in der sizilianischen Provinz Catania, stehen viele Häuser leer. Auf den Schildern, mit denen die Immobilien zum Kauf angeboten werden, seien oft deutsche Mobilfunknummern zu lesen, erzählt Gaetano Venezia. Tatsächlich finden sich im Internet Häuser in Mirabella, die weniger als 10 000 Euro kosten.
Der 66-Jährige sitzt in einem Besprechungsraum seiner Karosseriefirma in Schönaich, um von den Anfängen zu erzählen. Bis vor drei Jahren vertrat Venezia die SPD im Gemeinderat. Mirabella Imbaccari ist Partnerkommune von Schönaich und zählte, laut italienischer Einwohnerstatistik, zuletzt noch rund 4200 Einwohner. In der Vergangenheit waren es schon mal deutlich mehr als doppelt so viele. Rechnet man die Nachkommen dazu, dürften heute deutlich mehr „Mirabellesi“ im Landkreis Böblingen leben als in Sizilien.
Die Familien reisten den Vätern hinterher
Viele davon in und um Sindelfingen, vor allem aber auch in Schönaich. „Im Jahr 1999, als ich zum Gemeinderat gewählt wurde, gab es in Schönaich etwa 400 Wahlberechtigte aus Mirabella“, erzählt Venezia. Eine Statistik, die verlässlich belegen könnte, wie viele Mirabellesi und ihre Angehörigen heute in Schönaich leben, gibt es nicht. 500 seien es ungefähr, schätzt Venezia.
Die Geschichte der Schönaicher Mirabellesi beginnt mit dem deutsch-italienischen Anwerbeabkommen von 1955. Bis zum Anwerbestopp 1973 waren es mehrere hunderttausend italienische Staatsbürger, die als „Gastarbeiter“ nach Deutschland einreisten. Viele die kamen, folgten dabei dem Ruf derer, die früher aufgebrochen waren. So auch in Schönaich und in Sindelfingen, weiß Gaetano Venezia. 1959 geboren, kam er als kleines Kind Anfang der 1960er Jahre. Der Vater war 1961 vorangegangen, die Familie reiste später nach. „Als ich ein kleiner Bub war, haben erst drei bis vier Familien aus Mirabella in Schönaich gewohnt“, erinnert sich der Karosseriebaumeister.
Natürlich lockte die Arbeit, vor allem bei Daimler in Sindelfingen. Dass aus einem einzigen Dorf Familie auf Familie folgten, sei den vielen Briefen geschuldet gewesen, die den Freunden und Verwandten in Mirabella vom „Glück“ im fernen Schönaich berichteten. „Statt Hausaufgaben zu machen, habe ich nach der Schule für die Eltern Briefe geschrieben“, erzählt Venezia.
Vater und Mutter diktierten, der junge Gaetano schrieb. Die Schulbildung der Eltern sei gering gewesen, sagt der 66-Jährige, der neben der italienischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Die Briefe motivierten immer mehr, der Armut in Sizilien den Rücken zu kehren. Alle hatten das Ziel, die Familie zu versorgen und von dem in Deutschland verdienten Geld ein Haus in Mirabella zu bauen. „Den meisten“, sagt Venezia, „gelang das auch.“
Der dadurch ausgelöste Bauboom verschaffte Mirabella vor allem in den 80er bis frühen 90er Jahren einen wirtschaftlichen Höhenflug, wie Venezia erzählt. 1991 lebten laut Statistik plötzlich wieder über 9000 Menschen in Mirabella. Auch dort lockte zeitweise die Arbeit. Doch es war eine „Blase“, die bald platzte. Viele, die zurückwollten und es versuchten, mussten feststellen, dass sie sich in Sizilien nicht mehr zurechtfanden, so Venezia.
Die zweite Generation, wie er, seien hier „die Italiener“ und dort „die Deutschen“, beschreibt Venezia den Prozess der Entfremdung von der Heimat. „Die dritte und vierte Generation geht, wenn überhaupt, nur noch im Urlaub zurück.“ Viele Häuser, die einst für sie gebaut wurden, stehen heute leer. Als der Bauboom zu Ende war, war auch der Höhenflug Mirabellas vorbei. Der Ort hat heute weniger Einwohner als Ende des 19. Jahrhunderts. Das Schicksal des fast 2000 Kilometer entfernten Dorfs war jahrzehntelang mit Schönaich und dem Landkreis Böblingen verbunden.
Die Mirabellesi sind nur lose verbunden
Noch finden sich in Schönaich an vielen Stellen Spuren der Mirabellesi. Neben Venezias Unternehmen der große Lebensmittelhändler „Gentile Gusto“ zum Beispiel. Auch Maurizio Parlabene lebt hier. Sein Vater Francesco war 1960 gekommen. Bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr lebte er in Schönaich. „Auch er hatte am Anfang nicht gedacht, dass er bleiben wird“, erzählt sein Sohn, der uns ein Familienfoto zur Verfügung stellt, das Mitte der 60er Jahre aufgenommen wurde: Es zeigt den Vater und zwei seiner Onkels, die alle damals in Schönaich lebten.
Die ursprünglich eng geknüpften Bande der Gemeinschaft der Mirabellesi, die einst dafür sorgten, dass immer wieder neue Zuzügler aus Sizilien den Weg in die Schönbuch-Gemeinde fanden, seien heute lose geworden, erzählt Venezia weiter. „Wir haben es nicht geschafft, die Kommune der Mirabellesi in Schönaich zusammenzuhalten.“ Die jungen Leute fehlten heute. Das sei zwar schade, man könne es aber auch positiv sehen, sagt er: „Vielleicht ist es Ausdruck einer gelungenen Integration.“
Freundschaft und Nutzen
Anwerbeabkommen
Das deutsch-italienische Anwerbeabkommen wurde im Dezember 1955 in Rom unterzeichnet und war das erste bilaterale Abkommen der Bundesrepublik, um gezielt ausländische Arbeitskräfte („Gastarbeiter“) anzuwerben. Es regelte die Rekrutierung durch Anwerbebüros und diente als Vorbild für spätere Abkommen, etwa mit Spanien und der Türkei.
Aktueller Besuch
Eine Schönaicher Delegation befindet sich derzeit für einige Tage in Mirabella. Für Bürgermeisterin Anna Walther ist es der Antrittsbesuch. Seit 2019 besteht eine offizielle Partnerschaft zwischen Schönaich und dem 4200-Einwohner-Städtchen in der Provinz Catania auf Sizilien. (krü)