Der Forschungsverbund zur künstlichen Intelligenz namens „Cyber Valley“ könnte Anknüpfungspunkt für das deutsch-französische Zukunftsprojekt werden. Foto: dpa

Die Landes-CDU will das im Koalitionsvertrag verankerte Prestigevorhaben in den Südwesten holen. Die Idee geht auf Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron zurück.

Berlin - Noch ist nicht klar, welche konkrete Gestalt das deutsch-französische Zukunftsprojekt zur künstlichen Intelligenz annehmen wird – doch verschiedene Wirtschaftsregionen reißen sich bereits darum, Standort des öffentlichen Forschungszentrums zu werden. Den Anfang machte am Dienstag die stellvertretende saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD), die die Vorzüge ihres Bundeslandes pries und auf das Deutsche Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken hinwies. Da wollte Baden-Württemberg, namentlich die Landes-CDU, nicht zurückstehen und warb am Mittwoch in geballter Mannschaftsstärke dafür, dass das Vorhaben im Südwesten realisiert wird.

„Das Zentrum für künstliche Intelligenz muss ein deutsch-französisches Zukunftswerk werden“, sagte Andreas Jung, der Vorsitzende der Südwest-Landesgruppe im Bundestag, unserer Zeitung, „und Baden-Württemberg wäre dafür ein exzellenter Standort.“ Die starke Industrie und der Mittelstand mit seinem überdurchschnittlichen Engagement bei Forschung und Entwicklung böten dafür „geradezu ideale Bedingungen für den deutschen Standort dieses Zentrums“. Unterstützung erhält er dabei nicht zuletzt auch vom stellvertretenden Ministerpräsidenten Thomas Strobl: „Die Künstliche Intelligenz ist ein Motor der Digitalisierung, für die Zukunft unseres Landes – und als Baden-Württemberger sage ich selbstbewusst: Ich kann mir das nirgends besser vorstellen als bei uns im Südwesten.“ Weiter sagte der CDU-Bundesvize: „Wir sind mit dem Cyber Valley in der Region Stuttgart und Tübingen, etwa mit dem Max Planck Institut, hervorragend aufgestellt, ebenso mit dem KIT in Karlsruhe, ganz in der Nähe zu Frankreich. Das würde absolut passen!“

Im Koalitionsvertrag verankert

Der Anstoß für das Projekt kam im vergangenen Jahr von Emmanuel Macron. „Warum nicht gemeinsam eine europäische Innovationsagentur schaffen, ein gemeinsames Programm für künstliche Intelligenz, das Europa zum internationalen Wachstumsmotor machen würde?“ fragte der französische Präsident Ende September in seiner Sorbonne-Rede zur Zukunft Europas. Im Januar fand sich die „KI“ nicht nur in einer gemeinsamen Erklärung von Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel wieder, sondern auch in einer mit großer Mehrheit beschlossenen Bundestagsresolution zum 55. Jahrestags des deutsch-französischen Élyséevertrages. Und schließlich hat das Vorhaben auch Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden, den CDU, CSU und SPD ausgehandelt haben. „Deutschland und Frankreich müssen insbesondere auch Innovationsmotor sein und werden dies in Vorhaben wie der Erforschung Künstlicher Intelligenz unter Beweis stellen“, heißt es im Kapitel zu Bildung, Wissenschaft und Digitalisierung: „Wir werden gemeinsam mit unseren französischen Partnern ein öffentlich verantwortetes Zentrum für künstliche Intelligenz errichten.“ Nicht wollen, sondern werden.

Ob es gleich die Dimensionen des gemeinsamen Vorzeige-Industrieprojekts Airbus annimmt, ist zu bezweifeln. Der Bundestagsabgeordnete Jung stellt jedoch klar, dass es nicht nur um ein paar wenige Stellen oder gar nur eine Art Sekretariat geht, sondern ein Multi-Millionen-Euro-Vorhaben, für das sich der Einsatz lohnt – nicht zuletzt weil die internationalen Wettbewerber USA und China das Thema schon lange für sich entdeckt haben. So hat etwa Peking das Ziel ausgegeben, den Vereinigten Staaten bis 2025 die Führungsrolle auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz abzunehmen, weshalb gerade beispielsweise in der Hauptstadt 1,7 Milliarden Euro in einen KI-Gewerbepark investiert werden.

Viele Forschungspartner

In Baden-Württemberg gibt es nach Ansicht der CDU bereits genug Anknüpfungspunkte, um von hier aus die europäische Aufholjagd zu starten. Der Stuttgarter Abgeordnete Stefan Kaufmann, für seine Partei Obmann im Ausschuss für Bildung und Forschung, macht ebenfalls Werbung: „Klar ist, dass Stuttgart mit dem Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme mit Co-Sitz in Tübingen unbestritten eine der führenden europäischen Forschungseinrichtungen im Bereich intelligenter und selbstlernender Systeme beheimatet.“ Nicht umsonst entstehe in der Landeshauptstadt „mit dem Cyber Valley ein weltweit beachtetes Cluster für Themen der künstlichen Intelligenz“. Deshalb dürfe es auf Bundesebene „ohne vertiefte Diskussion keine Vorfestlegung auf einen Standort für ein Deutsches Zentrum für künstliche Intelligenz geben“.

Verschiedene CDU-Abgeordnete aus dem Südwesten preisen in einer gemeinsamen Stellungnahme, die unserer Zeitung vorliegt, die konkreten Vorzüge ihrer Regionen. „Mit dem KIT in Karlsruhe und den Universitäten Heidelberg und Mannheim verfügt die Rhein-Neckar-Region nicht nur über exzellente Forschungsinstitutionen, sondern hat auch das Flaggschiff SAP auf diesem Gebiet vorzuweisen“, wirbt Unionsfraktionsvize Stephan Harbarth: „Wissenschaftliche Expertise und praktische Anwendung könnten in dieser Region ideal miteinander verzahnt werden.“ Die Ulmerin Ronja Kemmer merkt an, dass sich die Universität ihrer Stadt „zu einem führenden Zentrum für das hochautomatisierte Fahren entwickelt“ habe: „Informatiker, Ingenieure und Psychologen forschen gemeinsam mit Experten aus der Automobilindustrie zum mitdenkenden Auto der Zukunft.“ Der Freiburger Matern von Marschall verweist auf die fünf Professuren zur Künstlichen Intelligenz an der dortigen Universität mit insgesamt 50 wissenschaftlichen Mitarbeitern. „Das Zentrum für künstliche Intelligenz, das wir gemeinsam mit unseren französischen Partnern aufbauen wollen, muss in Baden-Württemberg angesiedelt werden“, fordert auch Lothar Riebsamen, der den Wahlkreis Bodensee vertritt: „Die Entwicklung des Autonomen Fahrens wie die Luft- und Raumfahrtindustrie - nirgends arbeiten Forschung und Entwicklung in diesen Wirtschaftszweigen so eng und erfolgreich zusammen wie in unserem Bundesland und meinem Wahlkreis Bodensee.“

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