Dachtel feiert 750-Jahr-Jubiläum und sämtliche Aidlinger Ortsteile machen mit. Das war nicht immer so, wie ein Gespräch am Rande eines Jahrgangstreffen zeigt.
Die beiden Dörfer Dachtel und Deufringen hatten außer ihrer Nähe über lange Zeit nicht viel gemeinsam. Bis vor 54 Jahren gehörten sie sogar zu unterschiedlichen Landkreisen. Freundschaft oder gar Liebe untereinander waren verpönt – im Gegenteil: Bei Begegnungen im Grenzgebiet auf dem Schallenberg flogen die Fäuste – und gelegentlich sogar Pfeile.
Heute ist das alles anders, wie zuletzt auch das Dachteler 750-Jahr-Jubiläum am Wochenende zeigte. Hier schaffte und feierte die Gesamtgemeinde begeistert mit – sogar die Deufringer. Zum Ausklang des viertägigen Dorffests fand am Montagmittag im Festzelt ein gemeinsames Mittagessen für ehrenamtliche Helfer, Handwerker sowie die Jahrgänge ab dem Jahr 1965 statt.
Draußen schüttet es, im Zelt schwelgt man in Erinnerungen
Die Idee mit dem Jahrgangstreffen kam offenbar gut an: Während es draußen schüttete, strömten die Gäste ins Festzelt, schunkelten zur Musik des Musikvereins Stammheim und schwelgten in Erinnerungen und Anekdoten. Stefan Hotzy (Jahrgang 1943), ehemaliger Kicker bei den Aidlinger Fußballern, denkt zum Beispiel gerne daran zurück, wie er sich einst im Dachteler Rössle am Tischkicker heiße Duelle gegen den späteren Ortsvorsteher Paul Wirth lieferte.
Mit am stärksten vertreten war der Jahrgang 1955. In diesem Jahr wurde Ulrich Eisenhardt geboren. Dachtels Ortsvorsteher traute sich etwas, was sonst kaum ein Dachteler je gewagt hätte: Er heiratete eine Deufringerin. Der „Fuchs“ und sein „Schneckle“ – so heißen die Dachteler und Deufringer ihren jeweiligen Ortsnecknamen nach – sind bis heute glücklich verheiratet. „Was sich liebt, das neckt sich“, sagt Ulrich Eisenhardt augenzwinkernd.
Jahrgangstreffen bietet reichlich Gelegenheit für Neckereien
Für Neckereien bot das Jahrgangstreffen dann auch reichlich Gelegenheit – insbesondere zwischen Deufringern und Dachtelern, wie am Rande der Veranstaltung aus der humorigen Unterhaltung einer Gruppe unterschiedlicher Jahrgänge herauszuhören war. „Mir waret keine Feinde, aber au et grad Freunde“, beschreibt Günther Renz (Jahrgang 1941) das nachbarschaftliche Verhältnis. Bei Herbert Schneider (Jahrgang 1950) klingt das etwas drastischer: „Mir waret eigentlich Erzfeinde“, sagt der Vorsitzende der Schützenkameradschaft Dachtel.
Schneider weiß noch gut, wie er als Schulkind im Nachbarort beim Warten auf den Bus öfter mal „Schläg’ kriagt hot“. Den Deufringern ging es wohl nicht viel besser. „Wenn die zu ons nuff komme send, hemmer se mit Pfeil und Boga de Schalleberg wieder ’nonter g’jagt“, erzählt Schneider verschmitzt. Die Pfeile habe man damals aus dem Schilf unten am Riedgraben gebastelt. Außer blauen Flecken sei aber nie viel passiert.
Sogar bei der Feuerwehr gibt es Rivalität
Die nachbarschaftlichen Frotzeleien betrafen auch die Feuerwehr. Günther Renz und Herbert Schneider erinnern sich noch gut daran, wie nach einem Blitzschlag 1969 sechs Scheunen abbrannten und die Deufringer Wehr bei den Löschanstrengungen mit Abwesenheit glänzte. Der Grund: Wegen Kanalarbeiten klaffte ein Graben vor dem Feuerwehrmagazin und die Löschfahrzeuge konnten nicht ausrücken. „Des war natürlich schwer blamabel“, sagt Schneider grinsend.
Mittlerweile sind die Abteilungen längst zu einer Aidlinger Gesamtwehr zusammengeführt, und auch sonst kommt man zwischen Deufringen und Dachtel gut miteinander aus. Immerhin hatte der Annäherungsprozess ja auch schon mit der Eröffnung der Deufringer Schallenbergschule Ende 1963 begonnen – übrigens auf vormals Dachteler Gemarkung. „Ab da waret mir dann Schulkamerade’ und Freunde“, sagt Schneider.
Der Zusammenhalt rührt zu Tränen
Birgit Breitling, selbst eine Nei’gschmeckte aus „Broataholz“ bei Ammerbuch, fühlt sich in Dachtel voll integriert. Immerhin wohnt sie schon seit 35 Jahren hier und seit der Generalsanierung des von ihr intensiv genutzten Backhauses kennt man sie im Ort unter dem Spitznamen „Berta Backblech“. Wenn sie an das Ortsjubiläum denkt und daran, wie es die gesamte Gemeinde vereint, kommen ihr fast Tränen der Rührung. „Wie die Leut’ alle zamma schaffet und zamme haltet“ – das sei schon etwas ganz Besonderes.
Quizfrage: Was ist der Unterschied zwischen Deufringen und Dachtel?
Bevor es dann aber zu harmonisch wird, grätscht Herbert Schneider noch einmal verbal dazwischen und erklärt, dass die Dachteler den Deufringern jetzt mal gezeigt hätten, wie man so ein Ortsjubiläum richtig feiert, nachdem deren 750-Jahr-Feier im Jahr 2018 doch eher in die Kategorie „Reddichfeschd“ gefallen sei.
„Diese kleine Spötteleien braucht’s einfach“, sagt Birgit Breitling alias Berta Backblech dann. „Solang’s auf dieser Ebene bleibt, muss mer des pflega“, ist sie überzeugt. „Genau“, sagt Herbert Schneider – und macht wie zur Bestätigung noch einen Witz: „Was isch der Onderschied zwischa Deufrenga und Dachtel? Die Deufrenger hen die bessere Nachbr.“
Da geht noch was
Bilanz
Trotz Regen am Sonntagabend und am Montag zeigt man sich beim Veranstalterverein Dorfgemeinschaft Dachtel sehr zufrieden mit dem 750-Jahr-Jubiläum. Man habe knapp auf die Null kalkuliert, sagt der Vorsitzende Thorsten Mieskes. Mit geschätzt bis zu 12 000 Gästen an vier Tagen liege man sogar über dem Planansatz von 10 000 Personen.
Ausblick
Die Jubiläumsveranstaltungen sind nach dem langen Festwochenende noch nicht vorbei. In den Sommerferien gestaltet die Dorfgemeinschaft einen Tag im Ferienprogramm der Gemeinde, am 29. November gastiert noch einmal die SWR1-Disco im Bürgerhaus und am 13. Dezember ist eine „Stehetse“ am Backhaus geplant. Auch über das Jubiläumsjahr hinaus will die Dorfgemeinschaft aktiv bleiben – unter anderem bei der Organisation des jährlichen Backhausweinfests.