Dettingen mauserte sich in der Zeit des Wirtschaftswunders zum Antik-Mekka. Amerikanische Soldaten kauften Naziuniformen, Promis Teppiche und Möbel.
Goldgräberstimmung herrschte früher im kleinen Dettingen am Fuße der Teck. Vor allem amerikanische Soldaten kauften alles, was nicht niet- und nagelfest war. Der Hype um Militaria wie Naziuniformen, Abzeichen und Orden führte an Wochenenden zu einem Stau der Straßenkreuzer. Selbst Pelze, Teppiche, geschnitzte Engel und Möbel wurden den Dettingern regelrecht aus den Händen gerissen. Während der Wirtschaftswunderzeit mauserte sich der Ort mit zwölf Antikläden und -hallen zur Antiquitätenhochburg der Region.
„Auch sonntags haben sie mein Haus gestürmt“, erinnert sich der frühere Antikhändler Reinhold Breier. Wenn er seine Ruhe wollte, musste er mit seiner Familie zum Essen in ein Gasthaus flüchten. „Die Amerikaner haben alles gekauft, was geglänzt hat“, berichtet der 82-Jährige. Gläser, Spiegel, Skulpturen, am besten vergoldet, und Uhren in allen Größen und Ausführungen – nur alt musste es aussehen. Selbst der Kupferkübel, der als Mülleimer diente, fand einen Abnehmer. Aber nicht nur die einfachen GIs aus den Stuttgarter Patch Barracks haben ab den 1970er Jahren in Dettingen ihren Kaufrausch bei einem Wechselkurs von eins zu vier ausgelebt. Einmal sei ein waschechter General mit einem Militärhubschrauber auf dem Acker gelandet, „um bei meinem Onkel einzukaufen“, erinnert sich Claus Breier, der den Betrieb von seinem Vater übernommen hat. „Wir hatten richtig gute Kundschaft – von München bis Hamburg “, berichtet der Sohn. Und der Vater zählt Namen auf wie den früheren Kölner Torwart Toni Schumacher, die Schauspielerin Maria Schell, die eigens aus Wien anreiste, aber auch Minister aus der Landesregierung und „viele hohe Tiere aus Wirtschaft und Justiz“. Geholfen habe bestimmt die Nähe zur Autobahn.
Ein General landete mit dem Hubschrauber
Die Bauern haben ihre Bühnen ausgeräumt
Das sieht auch Walter Wanner so, der in Dettingen als Hobbyhistoriker gilt. Als er einmal bei einer Aufzeichnung vom „Nachtcafé“ in Ludwigsburg Wieland Backes traf und der fragte, woher er denn komme, fiel dem früheren SWR-Talkmaster zu Dettingen gleich ein: „Das ist doch das Trödeldorf.“ Dort habe er auch schon mal eingekauft.
Anfangs seien die Antikhändler in Dettingen von Haus zu Haus gegangen. Die Bauern hätten gern die alten Schränke hergegeben, Münzen aus der Kaiserzeit und allerlei Plunder und Trödel, die sie auf den Bühnen fanden. Aber mancher rieb sich dann die Augen, wenn er das Preisschild zu seinem abgelaugten oder aufpolierten Schrank im Schaufenster entdeckte. So erging es auch Wanner selbst einmal. Als Bub hatte er von seinem Großvater einen kleinen Globus geschenkt bekommen, der noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammte. „Da waren sogar die Kolonien eingezeichnet“, erinnert sich der Dettinger an das gute Stück von 1910. Als er den Globus für zwölf D-Mark an den Antikhändler Schmid verkaufen konnte, war er zunächst überglücklich. Die Freude währte allerdings nur bis zum nächsten Sonntag. Da stand der Globus bei Schmid im Schaufenster für 120 Mark. „Das war mir eine Lehre“, meint Wanner rückblickend, danach habe er nichts mehr angeboten. Breiers Vater fuhr für Kundenwünsche bis ins Allgäu und nach Südtirol. „Es waren richtig hippe Leute da, bunte Vögel und GIs mit ihren schrillen Brillen.
Das Dorf war am Wochenende komplett zugeparkt, und die Bauern mussten aufpassen, wenn sie aufs Feld fahren wollten.“ So erinnert sich Wolfgang Diez an die Blütezeit von Dettingen, als Souvenirs aus „good old Germany“ dort weggingen wie warme Semmeln. In seiner Galerie erinnert eine Ausstellung mit Möbeln, Geschirr und Tand aus Breiers Fundus an Überfluss und Wohlstandsmüll, denn Silberbesteck und Zinnbecher von damals hätten heute nur noch Materialwert. „Das Wertebewusstsein hat sich geändert“, stellt der Galerist fest. Selbst bei Markenporzellan, Perserteppichen und Schnitzkunst seien die Preise abgestürzt.
Ein Globus mit eingezeichneten Kolonien
Lieber Ikea als Eiche rustikal
Und das kam so: In den 1990er Jahren ließ die Nachfrage allmählich nach. Der Kalte Krieg war zu Ende, und immer mehr Amerikaner kehrten heim. Die Deutschen stellten sich lieber Ikea-Möbel statt Eiche rustikal in die Wohnung. Und Claus Breier reiste immer weiter ostwärts auf der Suche nach Schnäppchen, und er eröffnete eine Dependance in Ungarn und beschäftigte Aufkäufer. Noch immer durchforsten Sammler seine Auslagen, Breier beliefert Stammkunden mit besonderen Stücken und ist in den Online-Handel eingestiegen. Unlängst schickte er ein komplettes Meissner-Porzellan-Service nach China. Aber Möbel verkauft er fast keine mehr. „Die Zeiten haben sich geändert“, stellt der 59-Jährige trocken fest und erzählt: „Mein Vater ist fast vom Glauben abgefallen. Ich habe seinen barocken Sekretär, der früher 30 000 Mark wert war, zum Auktionshaus gebracht samt einer Schachtel mit Wiking-Modellautos. Die Modellautos gingen für 1000 Euro weg. Aber der Sekretär hat keine 3000 Euro eingebracht.“
Damals und heute
Ausstellung
„Sammlerstücke, Überfluss und Wohlstandsmüll“ titelt die Ausstellung in der Atelier-Galerie Diez in Dettingen, Kirchheimer Straße 85. Die Schau ist den Dettinger Antikhändlern gewidmet. Erinnert wird an die Zeit, in der Zinnbecher und teures Porzellan, Perserteppiche, Bauernschränke, Edeltrödel und Repliken für viel Geld gehandelt wurden. Was damals als Wertanlage galt, taugt heute meist nur noch als Ladenhüter. Die Schau ist bis 6. Februar zu sehen, samstags und sonntags 16 bis 18 Uhr
Dettingen
Die verkehrsgünstig an der Autobahn 8 gelegene Gemeinde ist durch die Diskussion über das zunächst geplante Gewerbegebiet Hungerberg bekannt geworden. Ein Bürgerentscheid kippte 2021 dessen Ausweisung und damit die Ansiedlung von Cellcentric, einer der größten Brennstoffzellen-Produktionsanlagen in Europa, die nun wenige Kilometer weiter in Weilheim angesiedelt werden soll.