Pfarrer Johannes (Lars Mikkelsen, li.) im Zwist mit August (Morten Hee Andersen). Foto: Arte

Der Arte-Zehnteiler „Die Wege des Herrn“ schafft es stolze 550 Minuten lang, mit der religiösen Zerrüttung einer dänischen Pastorendynastie Spannung zu erzeugen – und uns die weltliche Gegenwart zu erleichtern.

Kopenhagen - Etwas zu beherrschen, das man eigentlich gar nicht dominiert, sondern nur ausgesprochen gut kann, ist eine ziemlich nordeuropäische Sicht der Dinge; darin ähnelt das Dänische dem Deutschen bis aufs Wort „beherske“. Warum der Kopenhagener Nachwuchspfarrer August Krogh lieber als Militärseelsorger nach Afghanistan geht, anstatt das schönste Gotteshaus der Hauptstadt zu übernehmen, erklärt er seiner entsetzten Frau deshalb damit, endlich mal tun zu wollen, „was ich nicht sowieso schon beherrsche“: Die Arbeit also, aber auch sich selbst, seinen Glauben und all die verdrängten Zweifel einer geradlinigen Kirchenkarriere.

Genau diese Karriere war dem Geistlichen von Geburt an vorbestimmt. Im Zentrum des bei Arte mehrfach verschobenen Zehnteilers „Die Wege des Herrn“ steht Augusts Familie, deren Männer in neunter Generation Gottesdiener sind. Verteilt auf drei Donnerstage handelt die Serie nur oberflächlich von einer Pastorendynastie im protestantisch geprägten Dänemark. Unterschwellig entspinnt sich um den Sturmritt von Johannes Krogh und seinen beiden Söhnen eine vielschichtige Gesellschaftsanalyse von ungemein aktueller Wucht. Das fesselt von der ersten bis zu 550. Minute wie ein Psychothriller.

Ein Gottesmann von Welt

Der charismatische Probst, grandios verkörpert von Mads Mikkelsensälterem Bruder Lars, bewirbt sich darin ums vakante Amt des Bischofs von Kopenhagen. „Ja ich glaube an Gott“, bezeugt er bei der feurigen Bewerbungsrede und fügt unterm Gelächter der anwesenden Gemeinde hinzu, die Aussage sei intimer, aber auch kontroverser, „als wenn ich mich hier und jetzt hinstelle, um zu sagen, wie, wann und wo ich zuletzt Sex gehabt hätte“.

Den hat er danach unter der Dusche mit seiner toughen Ehefrau Elisabeth (Ann Eleonora Jørgensen) – womit frühzeitig klargestellt wäre: Hier agitiert kein frömmelnder Eremit im Elfenbeinturm religiöser Prinzipientreue. Johannes ist ein Mann von Welt, dessen graumelierter Hipsterbart attraktiv mit dem strengen Talar um Deutungshoheit ringt.

Verlust der Kontrolle

Bis die Katastrophe beginnt. Denn kaum, dass der sozial engagierte Pfarrer den Kampf ums Bischofsamt gegen die Mitbewerberin verloren hat, bricht das Kartenhaus seiner Existenz in sich zusammen. Während der leidlich geheilte Ex-Alkoholiker komplett die Kontrolle über sich verliert, wird zunächst sein ältester Sohn (Simon Sears) beim Diplomprüfungsbetrug erwischt, danach dessen Bruder (Morten Hee Andersen) im Kriegseinsatz traumatisiert. Seite an Seite rauschen sie fortan fast ungebremst eine Abwärtsspirale hinab, verlieren ihre Selbstbeherrschung und zunehmend auch den Zugriff auf das Leben anderer.

Doch wie schon im weltweit gefeierten Politdrama „Borgen“ schafft es der Showrunner Adam Price auch hier, sich nicht am Chaos seiner Protagonisten zu weiden. Im Gegenteil: Erst durch die Fehlbarkeit augenscheinlich makelloser Charaktere wie Johannes und August wird die Fehlbarkeit aller vermenschlicht. Wenn sogar Seelsorger nur noch das eigene Seelenheil kümmert, wenn aus dem Glauben Zweifel erwächst und aus dem Zweifel Verzweiflung, skizziert Price nicht weniger als die Sinnsuche der westlichen Gesellschaften am Ende ihrer Selbstheilungskräfte.

Kampf der Instinkte

Mit etwas religiöser Fantasie macht das „Die Wege des Herrn“ zur zeitgenössischen Adaption der Genesis von Adam und Eva, Kain und Abel. Dafür bedarf es trotz einiger Kriegs- oder Sexszenen praktisch keiner Effekthascherei; der Kamera reicht manchmal eine zweiminütige Nahaufnahme ohne Schnitt. Was sich nach der unverhofft verlorenen Bischofswahl auf Lars Mikkelsens Gesicht abspielt, erzählt mehr über den Kampf der Instinkte mit unserer Selbstbeherrschung als mancher Dialog.

Am Ende ist dieser Kampf weder gewonnen noch verloren. Er verhilft uns aber zur Erkenntnis, wie angreifbar selbst Positionen höchster Moral sind. Diese Kulturtechnik zu behersken, pardon: zu beherrschen ist überaus förderlich in schwierigen Zeiten.

Ausstrahlung: Arte, ab 29. November 2018, 20.15 Uhr; bis 29. 12. 2018 in der Mediathek des Senders.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: