Ein badischer Pfarrer wird vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. 80 Jahre später, an diesem Sonntag wird er in Freiburg selig gesprochen. Warum hat das so lange gedauert?
In seinem letzten Brief an den Todeskandidaten wird der Freiburger Erzbischof Conrad Gröber sentimental. „Lieber Max! So darf ich Sie wohl anreden in Erinnerung an längst vergangene Konstanzer Zeiten“, schreibt er am 8. März 1944. Fast ein halbes Jahrhundert ist es her, da hat Gröber als junger Münsterpfarrer das Konradihaus geleitet, ein katholisches Internat in der Bodenseestadt. Max Josef Metzger war einer seiner Schützlinge und schlug selbst die geistliche Laufbahn ein. Jetzt wartet der Diözesanpriester im Zuchthaus Brandenburg-Görden auf seine Hinrichtung. „So vieles liegt dazwischen. Und so Schweres. Aber in Gottes Namen! Auch das Schwere hat seelisch und religiös seinen großen Wert, auch das Allerschwerste“, schreibt Bischof Gröber.
Für viele Katholiken, vor allem in seiner badischen Heimat, ist Metzger, 1887 in Schopfheim geboren, so etwas wie ein katholischer Dietrich Bonhoeffer. Noch in der Todeszelle verfasste er Gedichte, die von Glaubensstärke und Zuversicht zeugen. Am kommenden Sonntag wird er im Freiburger Münster selig gesprochen. Papst Franziskus schickt dazu Kurt Kardinal Koch, den ehemaligen Bischof von Basel und heutigen Ökumene-Chef im Vatikan. Unweigerlich gerät aber auch das schwierige Verhältnis des Pfarrers zu seinem damaligen Bischof wieder in den Blick.
Sympathie und Unverständnis
Zeit ihres Lebens waren die beiden Männer in Kontakt. Doch es sei „eine Geschichte zunehmenden Nichtverstehens und wachsender Entfremdung“, analysiert Christian Heß. Der Pfarrer aus March-Gottenheim hat seine Doktorarbeit über Metzger verfasst. Ein endgültiges Urteil über die Beziehung von Gröber und Metzger möchte er auch jetzt nicht sprechen. Womöglich ruhen noch Überraschungen in den Archiven. In Gröbers Abschiedsbrief aber erkennt er neben Sympathie auch hilfloses Unverständnis.
Seligsprechungsverfahren folgen in der katholischen Kirche klaren Regeln. Kirchenrechtlich muss ein Wunder oder – wie bei Metzger – ein Märtyrertod nachgewiesen werden. Bei Heiligsprechungen werden sogar zwei Wunder verlangt. Im Fall von Metzger dauerte das Anerkennungsverfahren fast 20 Jahre. Zwei Kommissionen forschten und schickten am Ende 6000 Seiten in den Vatikan. Dann geschah zwölf Jahre scheinbar nichts, ehe überraschend im Frühjahr die frohe Kunde kam. „Das ist relativ flott“, sagt Christian Heß. Bei Franziskus Maria vom Kreuze Jordan, Ordensgründer der Salvatorianer aus Gurtweil bei Waldshut, der 2021 zum Seligen aufstieg, dauerte es ganze 79 Jahre. Bei Papst Johannes Paul II. rekordverdächtige sechs Jahre.
Richtig ist, dass erst einmal viele Jahrzehnte verstrichen, ehe sich überhaupt das erzbischöfliche Ordinariat an die Causa Metzger wagte. Die Vorgeschichte, die ein zwiespältiges Licht auf den einst hoch angesehenen Erzbischof wirft, könnte ein Grund für die langjährige Zurückhaltung gewesen sein. Für Gröber war Metzger wohl vor allem eine Herausforderung. Die Pfarrer sollten ihre Arbeit tun, für den Umgang mit der Staatsmacht sah sich der Bischof allein verantwortlich. Ein Freigeist wie Metzger störte dabei.
„Ich würde den Führer erschießen“
Später wird auch Gröber das Regime kritisieren. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen, hält der Erzbischof das aber zunächst für legal. Geprägt vom Kirchenkampf des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist er vor allem bestrebt, die Stellung der katholischen Kirche zu sichern. Dem ordnet der „braune Conrad“, wie er damals von manchen genannt wird, vieles unter. Provokationen kann er nicht gebrauchen. „Bei der gewaltigen Aufgabe, die Ihnen obliegt, stelle ich mich als Oberhirte der badischen Katholiken rückhaltlos auf Ihre Seite“, verspricht er öffentlich dem neuen badischen Reichsstatthalter Robert Wagner.
Doch Max Josef Metzger hat seine eigene Analyse. Den Nazis müsse sich die Kirche entgegenstellen, erklärt er in einer Denkschrift. Nach einer Radioansprache von Adolf Hitler im Februar 1933 sieht er seine „schlimmsten Befürchtungen übertroffen“. Hitler sei „ein geisteskranker Hysteriker“, „ein Rohling schlimmster Art“. Ohne Bedenken würde er ihn „erschießen, um dadurch die Tausende von Menschen, die seinetwillen das Leben lassen müssen, davor zu bewahren“, erklärt er.
Dabei ist Metzger zu diesem Zeitpunkt nicht nur Priester, sondern längst auch überzeugter Pazifist. Bereits 1906 tritt er der Deutschen Friedensgesellschaft bei. Trotzdem nimmt er als Feldgeistlicher am Esten Weltkrieg teil und erlebt die blutigen Kämpfe am Hartmannsweilerkopf im Südlichen Elsass. Es sind traumatische Erlebnisse. Nach einer schweren Erkrankung scheidet er aus, wird Mitglied im Internationalen Versöhnungsbund und entwickelt 1917 ein Friedensprogramm, das er an Papst Benedikt XV. adressiert.
Die Gestapo stellt einen Hinterhalt
Zugleich engagiert er sich sozial. In Graz eröffnet er eine der ersten Trinkerheilanstalten, mit der er später nach Meitingen bei Augsburg umzieht. Aus Solidarität wird er Abstinenzler, aus Überzeugung Vegetarier. Vor allem aber engagiert er sich für die Einheit der Christenheit. Er gründet die überkonfessionelle Una-Sancta-Bewegung. „Protestanten, werdet katholisch. Katholiken, werdet protestantisch“, lautet sein Aufruf. In der konfessionellen Spaltung sieht er einen der Gründe für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs.
Immer wieder gelingt es ihm, Verbündete zu finden. Dabei nimmt er auch Gruppen ins Visier, die nicht zu den typischen Gesprächspartnern der katholischen Kirche zählen. Gegenüber Sozialisten und Kommunisten hat er keine Berührungsängste. „Jesus Christus steht über den Parteien“, ist seine Überzeugung. Bei seiner Kapitalismuskritik bedient er sich anfangs auch antisemitischer Klischees. Dann denkt er um. Gegen den Judenhass der Nazis geht er in klare Opposition. Alle Vorwürfe, die dem Judentum gemacht würden, träfen in gleicher Weise auf die arische Rasse zu. Es gehe nur um eine Projektion, um vom eigenen Unvermögen abzulenken, stellt Metzger fest.
1934 wird Metzger erstmals für einige Tage inhaftiert. 1939, nach dem Ausbruch des Krieges, dauert die Haft schon einen Monat. 1943 stellt die Gestapo ihm dann eine Falle. Metzger, der zu diesem Zeitpunkt längst davon überzeugt ist, dass die deutsche Niederlage unvermeidbar ist, verfasst ein Memorandum zu künftigen demokratischen Strukturen in Deutschland. Über eine Vertraute mit schwedischem Pass will er das Papier dem Bischof im Uppsala zuspielen. Doch die Frau ist eine Agentin. Metzger wird erneut verhaftet.
Der Bischof schreibt dem Volksgericht
Noch einmal sieht sich sein Bischof gezwungen, seinem renitenten Pfarrer zur Seite zu springen. Doch das Gnadengesuch klingt wie eine Distanzierung. Er bedaure zutiefst Metzgers „politische Verbrechen“, schreibt Conrad Gröber an den berüchtigten Präsidenten des „Volksgerichtshofs“, Roland Freisler. Metzger sei ein Außenseiter und Nörgler. Er bitte aber darum, ihn zum „Heldentod an der Front“ zu begnadigen.
War das Ausdruck von Zynismus oder doch das Einzige, was nach realistischer Einstellung für Metzger überhaupt noch zu erreichen war, wie manche Forscher vermuten? Freisler ließ sich nicht beeindrucken. Am 14. Oktober wird Metzger an Händen gefesselt in den Saal des „Volksgerichtshofs“ geführt. Das Erzbischöfliche Ordinariat hat einen Rechtsanwalt bestellt, doch Max Josef Metzger hat kaum Gelegenheit, sich zu verteidigen. „Hochverrat“ wird ihm vorgeworfen. Oder „Feindbegünstigung“. Das ist Freisler sowieso einerlei. Er urteilt im Akkord und hat schon viereinhalb Stunden Zeitverzug.
Selbst Metzgers Engagement in der Una-Sancta-Bewegung ist für das Gericht ein Verbrechen. „Una sancta – una sanctissima – una – das sind wir, und weiter gibt es nichts!“, schreit Freisler den Priester an. Nach 70-minütiger Verhandlung ergeht das Urteil: Als „für alle Zeit ehrloser Volksverräter“ wird Metzger „mit dem Tode bestraft“.
Ein halbes Jahr verbringt Metzger in der Todeszelle. Dann fällt das Fallbeil. Er habe sein Leben Gott angeboten für den Frieden der Welt und die Einheit der Kirche, hat Metzger schon Jahre zuvor erklärt. Nun stirbt er im Gefühl stolzer Verachtung, wie er in einem seiner letzten Briefe mitteilt. „Ich wusste, dass es keine Schande, sondern eine Ehre war, von einem solchen Gericht als ,ehrlos’ erklärt zu werden.“ Seine Kirche bestätigt jetzt mit der Seligsprechung, dass sie es genauso sieht.