Timo Hildebrand beim Spaziergang in Botnang: „Die Waldluft ist besonders. Man bekommt den Kopf frei.“ Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Lange war der ehemalige Torwart-Profi Timo Hildebrand auf Sinnsuche. Heute macht er Yoga, ernährt sich überwiegend vegan, engagiert sich sozial und ist Gründer eines Restaurants.

Stuttgart - Norwegen. Da möchte er unbedingt noch hin, antwortet Timo Hildebrand auf die Frage, ob er noch Träume hat. Die steilen Bergwände und majestätischen Fjorde, die kennt er bisher nur von Bildern. Dabei ist es nicht so, dass der 42-Jährige nicht rumgekommen wäre. In den USA war er, in Afrika, Asien. Jetzt reizt ihn der Norden Europas. Dort zu wandern, es wäre ein Abenteuer.

 

Timo Hildebrand mag Abenteuer. Vor allem in der Natur. Vor einem Jahr hat er es mit seiner Freundin bis zum Gipfel der Zugspitze geschafft. Mit seinem SUP-Board paddelt er regelmäßig auf Flüssen, mit dem E-Bike legt er weite Strecken zurück. „Ich brauche nicht jede Woche einen Bungee-Jump, um mich lebendig zu fühlen“, sagt er. Mehr und mehr zieht es ihn ins Grüne – „und das hat nichts mit der Pandemie zu tun.“ Er sei schon immer einer gewesen, der die Stille mag, sich gerne zurückzieht. Trubel, den gab es in seinem Leben zuhauf.

Timo Hildebrand ist einer jener Menschen, den die Stuttgarter unmittelbar mit ihrer Stadt verbinden. Auch sieben Jahre nach seiner Torwart-Karriere wird er erkannt auf der Straße. Noch immer klopfen ihm Männer auf die Schulter und erkennen an, was er für den VfB geleistet hat. Damals, 2007, als die Stuttgarter Deutscher Meister wurden. Und es gibt noch weitere Details, die unvergessen sind: Hildebrand war Teil der „Jungen Wilden“ des VfB, die unter Felix Magath bundesweit Furore machten. Er hat den Rekord von Oliver Kahn geknackt – 884 Bundesliga-Minuten blieb er ohne Gegentor. 2006 wurde er als Nationaltorhüter WM-Dritter. Er hat in Valencia gespielt und in Lissabon, in Frankfurt, Hoffenheim und bei Schalke. Er hat Höhenflüge erlebt und Täler durchschritten. Am Ende seiner Karriere ist Hildebrand nach Stuttgart zurückgekehrt. Er nennt die Stadt „meine Heimat“, auch wenn er weder hier geboren noch aufgewachsen ist.

Der Junge vom Land

Schon vor Jahren hat Hildebrand sich ein Haus gekauft in Botnang. Von seinem Balkon aus blickt er auf den Wald, auch den Fernsehturm kann er sehen. Das Gespräch über sein Leben findet bei einem Spaziergang in seinem Stadtteil statt. Die Herbstsonne scheint auf den weichen Waldboden, auf dem sich ein Meer aus Laub ausgebreitet hat. Hildebrand ist oft hier. „Die Waldluft ist besonders. Man bekommt den Kopf frei.“Der ehemalige Starkeeper wirkt noch immer fit. Kein Kilo zu viel. Er ist kein Selbstdarsteller. Ein großer Redner auch nicht. Bittet man ihn, einen Satz über dieses oder jenes zu sagen, sagt er genau: einen Satz. Man kann herrlich mit ihm darüber lachen. Und es ziemlich sympathisch finden, dass er sich nicht als Supermann inszeniert.

Timo Hildebrand kommt vom Lande. In Worms wurde er geboren, mit dem fünf Jahre älteren Bruder Volker und den Eltern wohnte er in Hofheim-Ried, einem Dorf in Südhessen. 5300 Einwohner. Hier kennt jeder jeden, sagt Hildebrand. Man hält zusammen, engagiert sich für dieselben Vereine und legt Wert darauf, eine Gemeinschaft zu sein.

Schon mit vier Jahren ist Timo Hildebrand fußballbegeistert. Beim FV Hofheim 1911 verbringt er seine gesamte Freizeit. „Man musste ihn bremsen, sonst hätte er auf dem Sportplatz übernachtet“, sagte seine Mutter Karin mal. Sie erinnert sich gerne daran, wie in Darmstadt die ganze Halle seinen Namen rief, da war er sechs oder sieben Jahre alt. Timos wichtigster Ratgeber in dieser Zeit ist sein Patenonkel Günther, ein lebensfroher Mann. Er ist sein erster Fußballtrainer. Und er schenkt ihm die ersten Torwarthandschuhe.

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Eine gute Kindheit? Hildebrand fällt die Antwort schwer. Einerseits darf er seiner Leidenschaft nachgehen, wird unterstützt und geliebt. Andererseits ist da viel Streit und Stress. Die ganze Familie leidet unter dem alkoholkranken Vater. „Als Kinder haben wir das so erlebt: Streit. Vater weg. Betrunken wiedergekommen. Noch mehr Streit. Das hat mich geprägt, ich brauche heute Harmonie um mich“, sagt Timo Hildebrand.

Seine Mutter sei immer die Starke gewesen, die sich um alles gekümmert habe. Sie verlässt ihren Mann nicht, sondern pflegt ihn, als er schwer erkrankt. Bis zu seinem Tod 2013. Timo Hildebrand sagt heute: „Der Verein in Hofheim war mein Anker, mein Zuhause. Hier konnte ich Energie loswerden, aber auch neue tanken. Ich wusste, was von mir erwartet wurde. Das gab mir Struktur.“

1980 kauft sich die Familie ein Haus. Eine große finanzielle Herausforderung. Auch Mutter Karin muss nun Vollzeit als Verkäuferin in einer Bäckerei arbeiten. Teure Urlaube sind da nicht drin, eine Reise in den Bayerischen Wald ist das höchste der Gefühle. Timo ist das ganz egal, wenn seine Eltern ihm nur die 50 Mark teure Torwarthose kaufen, die er sich schon so lange wünscht.

Mit 15 Jahren zieht er von zu Hause aus, ins Fußballinternat des VfB. „Stuttgart, das war die große, weite Welt für mich.“ Das erste halbe Jahr ist schwierig. Er telefoniert täglich mit seiner Mutter. Die bringt alle 14 Tage Kuchen vorbei. Der Erfolg kommt schnell. Bereits nach einem Jahr ist er in der Auswahl und verkündet seinen Eltern: „Ab jetzt spiele ich nur noch Fußball.“ Es ist das einzige Mal, dass die Mutter ihn zu etwas zwingt. Er muss eine Lehre machen: Groß- und Außenhandelskaufmann.

Liebesbriefe aus China an den Torwart

Was dann folgt, ist hinreichend bekannt. Hildebrand kämpft sich beim VfB Stuttgart nach oben, wird weltweit bekannt. Sogar aus China kommen Liebesbriefe. Seine Mutter wird in der Bäckerei angepöbelt: „Schämst du dich nicht, anderen den Job wegzunehmen, wo dein Sohn so viel verdient?“

Noch heute kann Timo Hildebrand das Adrenalin spüren, das ihn nach jedem gewonnenen Spiel beflügelte. Er sagt aber auch, dass das nicht lange anhielt. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Der Druck wiegt schwer. „Als Torwart“, sagt er, „darfst du dir keine Fehler erlauben. Man ist jede Woche aufs Neue nervös.“ Nicht immer fühlt er sich in der Männerwelt Fußball wohl. „Das war eine Ellenbogen-Gesellschaft. Man durfte nie Schwäche zeigen, musste immer den starken Macker raushängen.“ Über Gefühle oder Ängste spricht damals kaum einer. Das sei heute anders.

Die anderen Spieler verpassen Hildebrand den Spitznamen „Nobbi Negativ“, weil für ihn meist das Glas halb leer ist und nicht halb voll. „In meinen Augen war alles Scheiße und eine Katastrophe“, erinnert er sich. Der Platz. Der Rasen. Die Einstellung des Teams. „Ich wollte was erreichen, und wenn dann nicht alle mitzogen, gab es Unmut.“ Die negative Haltung hat er heute abgelegt. „Ich versuche, Lösungen zu finden, anstatt alles schlecht zu reden.“

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Nicht immer wird Hildebrand während seiner Karriere hofiert. Als Joachim Löw ihn für die EM 2008 nicht nominiert, bricht eine Welt für ihn zusammen. Es ist der Anfang einer Abwärtsspirale. 2012 steht er ohne Verein da, fühlt sich traurig und leer. Aber er lernt auch etwas in dieser Zeit: Demut. Rückblickend sagt er, er habe falsche Entscheidungen getroffen, zu wenig Selbstbewusstsein gehabt. Freunde sagen ihm: „Das gehört dazu. Es hat dir als Mensch gut getan.“

Lange ist Hildebrand ein Sinnsucher, der nicht weiß, wer er ist, wer er sein kann. „Ich habe extremer nach meinem Weg gesucht als andere“, glaubt er. Er liest Bücher von Paulo Coelho („Der Alchimist“ ist sein Favorit) und geht zum Psychologen. Heute nimmt er das Leben an, wie es ist: „Es geht immer eine Tür auf. Alles macht irgendwie Sinn. Manchmal erkennt man das erst später.“

Er sagt, er sei dankbar, dass er den Luxus habe, sich neu zu erfinden. Auch, weil er sich um Geld keine Sorgen machen muss. Er habe es nie sinnlos rausgehauen, erzählt er. Den Sportwagen, den er sich mal gegönnt hat, gab er schnell wieder ab. Mehr Erfüllung findet er, wenn er sich für diejenigen engagiert, die wenig haben. Hildebrand gehört zum Vorstand der Stuttgarter Hilfsorganisation Stelp. In einem Flüchtlingslager in der Türkei hat er mitgeholfen, einen Spielplatz zu bauen. Er traf dort Kinder, die nichts kennen außer Elend. „Es hat mir einmal mehr klar gemacht, in welchem Paradies wir leben. Ich fühle mich verantwortlich, etwas zurückzugeben.“

Die alte Verbundenheit zum VfB

Mit dem VfB fühlt Hildebrand sich noch immer eng verbunden. Unter dem Titel „Bankgeflüster“ dreht er regelmäßig Interview-Folgen für die Mercedes-Benz Bank, Hauptsponsor des Vereins. Seit kurzem trainiert er den Torwart der E-Jugend-Mannschaft, in der auch sein Sohn Fußball spielt. Er hat in der Live-Kommunikation Tailormade gearbeitet, für die er immer noch Botschafter ist. Aktuell ist er vor allem als Geschäftsführer seines Restaurants gefordert. Im Juli hat Hildebrand zusammen mit dem Künstler Tim Bengel und dem Koch Christian Weber im Stuttgarter Westen das vegane Lokal vhy! eröffnet. Diese Woche hat er als langjähriger Investor den Börsengang der Veganz AG begleitet.

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Gesundheit und Ernährung sind Themen, über die man sich mit Timo Hildebrand sehr gut unterhalten kann. Seit Jahren sensibilisiert er Menschen für die vegane Lebensweise, die längst auch im Profisport angekommen sei. Es ist seine Passion.

Hildebrand macht Yoga, weil es ihm mental und körperlich guttut. „Ich hab keine Motivation mehr, Dinge zu tun, die mir danach Schmerzen bereiten“, sagt er. Ihm sei wichtig, beweglich zu bleiben und sich gut in seinem Körper zu fühlen. „Ich will mit 60 nicht am Krückstock gehen, sondern immer noch viel Spaß mit meinem Sohn haben.“ Er möchte ihm ein guter Vater sein. Halt und Orientierung geben. Wenn der Sohn in 15 Jahren sagt: „Danke für alles, Papa!“, dann ist Timo Hildebrand ein glücklicher Mensch.